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Rund um den Melibokus

Ein wenig Auf und Ab gefällig? Falls ja, ist der Besuch auf dem Melibokus genau das Richtige. Von Zwingenberg aus geht es über Schloss Auerbach hinauf zum Hausberg des Odenwalds und über Schloss Alsbach wieder hinunter.
Kennen Sie das: man staut mit dem Auto auf der Theodor-Heuss-Allee Richtung Messe, lauscht dem Mann im Radio, der krampfhaft versucht, 15 Grad für einen Mai-Nachmittag in Rhein-Main warm und Nieselregen für die kommenden Tage schön zu reden. Und mit einem Mal hebt der Wetterfrosch die Stimme und lässt verbal die Sonne aufgehen - nur nicht über Frankfurt. Die weiteren Aussichten: 20 Grad und Sonne an der Hessischen Bergstraße. Na, danke dafür!
 

Nicht, dass man den Südhessen ihre Extra-Portion Sonne nicht gönnen würde. Die Regelmäßigkeit, mit der die sich ihre klimatischen Streicheleinheiten abholen, ist es, die einen allerdings schon ein wenig neidisch werden lässt. Gott sei Dank ist die Spargel-Riviera nur einen Katzensprung von Main und Rhein entfernt. Da ist man schnell mal hingehüpft, um sich ein kleines Stück vom Wetterglück abzubrechen zum Beispiel im Rahmen einer Wanderung um den Melibokus.
 
Die schmucke Kleinstadt Zwingenberg bietet dafür eigentlich das perfekte Entree. Aber warum nur eigentlich? Die Antwort ist so simpel wie verwirrend: Zwingenberg, die älteste Stadt der hessischen Bergstraße, ist eigentlich schon zu perfekt als Startpunkt. Viel zu verlockend sind die Gasthäuser in Scheuergasse und Altstadt. Viel zu einladend, die Sonnenterrassen, viel zu vielversprechend die Speisekarten, auf denen mit Spargel und Bergsträßer-Wein geworben wird.
 
Warum sollte man sich da eigentlich noch die Mühe machen und zum Melibokus hinaufsteigen? Man sieht ihn doch auch schon von hier aus im Sitzen. Halt! Solche Gedanken gilt es mit höchster Wander-Disziplin zu unterdrücken. Der Lockruf des süßen Lebens muss erst einmal ungehört verhallen. Nach der Tour bleibt noch genug Zeit, sich mit den Genüssen des Südens für die dann erbrachte Leistung zu belohnen.
 
Aufsteiger gefragt
 
Und damit sind wir dann auch gleich beim Thema: Leistung. Man muss nicht den Dreisatz beherrschen, um sich ausrechnen zu können, dass die Tour kein Spaziergang wird. Immerhin liegen zwischen Zwingenberg und dem Melibokus 400 Meter an Höhenunterschied, die erst einmal bewältigt werden wollen. Allerdings nicht in einem Rutsch.
 
Durch die Altstadt hindurch geht es an der nächsten Gabelung nach links, die Hohl-Straße hinauf und durch eine nicht mehr ganz so neue Neubausiedlung hindurch in Richtung der Weinberge. Mag auch die hessische Bergstraße im Konzert der großen Weinanbaugebiete an Rhein, Mosel oder Main allenfalls die Piccolo-Flöte spielen, so sind die Winzer hier doch stolz auf das, was die Hänge an Rebensaft hergeben.
 
Sogar ein Weinlagenweg wurde eigens eingerichtet, den der Wanderer zumindest in Teilen auf seinem Weg zur ersten Zwischenstation Schloss Auerbach studieren kann.
 
Auf der Suche nach Orientierung sollte sich der Wanderer allerdings nicht zu sehr vom Weinrömer, der den Lehrpfad kennzeichnet, ablenken lassen. Kaum hat man Zwingenberg verlassen und an der nächsten Kreuzung einen kleinen Haken nach links und nach oben geschlagen, bittet wenige Schritte weiter bereits das nächste Wegzeichen um Gefolgschaft. Ein gelbes B auf schwarzem Grund, das Markenzeichen des Blütenwegs, lenkt den Schritt nach rechts und lässt schon sehr bald erkennen, dass dieser Pfad seinen Namen nicht von ungefähr hat.
 
Wo man im Frühjahr auch hinschaut, überall grünt und blüht es: Obstbäume haben sich in Schale geworfen, wetteifern farbenprächtig um die Gunst der summenden Bestäubungsgeschwader. Noch sind es die Bienen, die die Arbeit haben. Im Sommer und Herbst, wenn die Ernte ansteht, sind die Landwirte, Winzer, aber auch die Kleingärtner gefragt, die entlang des Weges ihre Oasen umzäunt haben.
 
Mit Erreichen des Parkplatzes Am Höllberg jedoch ist erst mal Schluss mit Aussicht und blühenden Landschaften. Jetzt heißt es schlicht: Höhenmeter machen und das nicht zu knapp. Da ist es irgendwie logisch, dass auch das Zeichen des Blütenwegs ausgedient hat und durch eine nüchterne Zahl ersetzt wird. Die 4 gibt den Kurs vor.
 
Die Alemannen kommen
 
Als zusätzliche Orientierungshilfe dient die Straße, die sich aus Bensheim kommend, am Parkplatz vorbei wie ein Aal nach links zum Schloss Auerbach hinauf windet. Für einige, wenige Meter gilt es, dem Asphalt steil bergan zu folgen, um anschließend nach rechts den Straßenbereich zu verlassen und wieder in den Wald einzutreten.
 
Was folgt ist schnell erzählt und gut zu gehen. Dichter Laubwald baut sich zu beiden Seiten des Pfades auf. Vorbei an einer Schutzhütte macht ein großes rotes A verstärkt auf sich aufmerksam. Aber Moment das vermeintlich friedliche Wegzeichen, hat eine durchaus martialische Note, steckt es doch auf einem Stab und stellt damit also einen Pfeil dar. Ein mehr als treffendes Piktogramm, das der Odenwaldklub aus dem Köcher gezogen hat, weist das A doch auf den Alemannenweg und damit auf jenes kriegerische Germanen-Völkchen hin, das die Römer hierzulande einst das Fürchten lehrte.
 
Heute ist das natürlich längst Geschichte, führt der 132 Kilometer lange Weg einmal rund um den vorderen Odenwald sowie die hessische Bergstraße. Der Flugbahn des alemannischen Pfeils folgend, zischt der Wanderer an einem Funkmast nach rechts und zieht den Wanderer jetzt immer weiter nach oben, den Mauern von Auerbach entgegen.
 
Hinein ins Mittelalter
 
Der schmale, zu Beginn noch mit Treppenstufen versehene Bergpfad, den es auf dem Weg dorthin zu erklimmen gilt, hat es zwar noch einmal in sich. Ist der Abschnitt allerdings geschafft, hat der mit Fleece gewappnete Ritter der Neuzeit die Festung so gut wie erobert.
 
Deren Bewohner widersetzen sich auch gar nicht erst. Im Gegenteil. Besucher sind hier hoch willkommen, ist das vom Landgrafen von Katzenelnbogen errichtete Schloss aus dem 13. Jahrhundert doch in Sachen guter Gastlichkeit längst in der Gegenwart angekommen. Das erkennt der Wanderer, kaum dass er über die steinerne Brücke eingetreten ist.
 
Hier kann man sich spaßeshalber anprangern lassen, da den eigenen Nachwuchs auf einem Kunststoffdrachen drapieren. Dazu ein deftiges Rittermahl aus der Schlossküche und Gerstensaft aus der Hausbrauerei fertig ist das, was heute unter Erlebnisgastronomie firmiert.
 
Doch auch wem der Sinn nicht so sehr nach Jubel, Trubel, Ritterzeit steht, kommt auf Auerbach zu seinem Recht. Im Inneren der Kernburg finden sich einige stille Orte, Infotafeln und hoch auf einer der Schildmauern eine durchaus merkwürdige Bewohnerin. Fernab von satten Waldböden hat sich in luftiger Höhe vor über 300 Jahren eine Waldkiefer angesiedelt. Festverwurzelt mit dem kargen Mauerwerk fragt sich der Betrachter durchaus, wie die alte Dame es hier oben so lange schon aushält. Offensichtlich ist sie nicht besonders anspruchsvoll und in Anbetracht der Besucherströme überdies ein durchaus geselliges Geschöpf. Deshalb stört es die alte Party-Pflanze auch nicht, wenn man sich an ihr vorbeidrückt, um zum Nordturm zu gelangen.
 
Danach wieder runter und raus aus dem Schloss geht es die Brücke hinunter und auf der Straße, die zum Schloss führt, in entgegengesetzter Richtung hinab zu einem Wanderparkplatz. Hat man den erreicht, führt das rote A an der Paul-Förster-Hütte vorbei schnurstracks zum nächsten zentralen Punkt für motorisierte Besucher: den Wanderparkplatz unweit der Kapelle Zur Not Gottes.
 
Da von diesem Kreuzungspunkt gleich mehrere Wege abgehen, gilt es ganz genau hinzuschauen und die richtige Wahl zu treffen. Geht man in Richtung einer Schranke und wählt dahinter von den beiden sich bietenden Optionen die rechte, ist man in der richtigen Spur. Vorausgesetzt, man will, wie in dieser Tour vorgesehen, zum Sturm auf den Melibokus ansetzen.
 
Wer darauf verzichten will, dem sei angeraten, die linke der beiden Varianten zu wählen. Sie führt am Fuße des Melibokus vorbei zum Schloss Alsbach. Die Strecke ist zwar nicht viel kürzer als der Weg über den Gipfel. Dafür aber weniger steil. Nicht ohne Grund trägt dieser Pfad den vielsagenden Namen Comoder Weg.
 
Hinauf zum Gipfel
 
Wem das allerdings doch zu bequem ist, wer die Herausforderung sucht, der bekommt sie auf dem Weg zum Melibokus. Auf der Suche nach Orientierung ist die Nummer 6 als Wegzeichen der beste Anhaltspunkt. Darüber hinaus gilt auch an den beiden folgenden Weggabelungen die Devise: Je steiler, desto richtiger. Erst in dem Moment, in dem die 6 das Ruder herumreißt und zum Linksschwenk auffordert, glättet sich das Profil der Strecke ein wenig aber nur kurz. Denn mit Erreichen der Fliegerschneise geht es dann auch schon wieder los nach rechts und nach oben.
 
Just an der Kreuzung ist das rote A des Alemannenwegs wieder dazu gestoßen und hat auch gleich noch einen in Wanderer-Kreisen mittlerweile ähnlich prominenten Kollegen mitgebracht: das rote N auf weißem Grund. Als Zeichen des Nibelungensteigs markiert es einen Qualitätswanderweg, der in Erinnerung an Gunter, Hagen, Kriemhild und die anderen sagenhaften Gestalten aus Burgundertagen von Zwingenberg bis nach Freudenberg führt und dabei natürlich auch am Melibokus vorbeikommt.
 
Also rauf wie Jung-Siegfried auf der Hatz nach dem Drachen. Doch Vorsicht! Hat man das Plateau des Melibokus erreicht, darf man das mit der Drachenjagd nicht zu wörtlich nehmen. Schließlich sind die fragilen Geschöpfe, die hier oben abheben, keineswegs gefährliche feuerspeiende Urzeit-Geschöpfe, sondern federleichte und vor allem vollkommen friedliche Fluggeräte.
 
Land der Drachen
 
Seit April 1997 ist der Berg für den Start von Drachenfliegern zugelassen, dürfen sich die Mitglieder des 1. Odenwälder Drachen- und Gleitschirmfliegerclubs (ODC) von ihrer Rampe unterhalb des Aussichtsturms wagemutig in die Tiefe stürzen, um schon im nächsten Moment davon zu schweben.
 
Idealerweise sollte der Wind direkt von vorne kommen, weder zu stark noch zu schwach sein, nennt Maren Gensert, Pressesprecherin des ODC, einen Faktor der unabdingbar ist, um durch die Lüfte zu gleiten. Stimmt dann auch noch die Thermik, dann kann es schnell mal hoch hinaus und ganz weit weg gehen. Gensert: Flüge von bis zu fünf Stunden über Distanzen von 70 bis 100 Kilometer und sogar darüber hinaus sind vom Melibokus aus keine Seltenheit.
 
Wer am Melibokus hoch hinaus, aber nicht gleich abheben will, kann sich auch an der Besteigung des 1966 erbauten Aussichtsturms versuchen. Der ist zwar nicht gerade ein architektonisches Meisterwerk, dafür jedoch gewährt der Riese einen herrlichen Blick über die Region. Genug gesehen na, dann kann es ja weiter gehen. An der im hinteren Bereich des Plateaus gelegenen Sendestation nach links, dann nach unten, führt der Weg an der Forstmeister-Kurz-Hütte vorbei, über die große Wegkreuzung hinweg und nach halblinks bergab in Richtung der Schutzhütte am Darsberg.
 
Hier nach links und in Serpentinen zunächst Schritt für Schritt zu Tal bieten die Zeichen des Jogging-Parcours und in der Folge die Markierung mit der Nummer 8 eine Orientierungshilfe. Die Ausschilderung könnte allerdings schon etwas besser sein. Immerhin wetteifern hier viele Pfade um die Gunst des Wanderers. Da kommt man allzu schnell vom rechten Weg ab. Wer sich schon genüsslich darauf eingestellt hatte, nur noch bergab zu gehen, wird nach geraumer Zeit doch noch einmal überrascht. Der Wanderer muss neuerlich Höhenmeter machen, will er zur Hoboken-Hütte und im Anschluss daran zum Schloss Alsbach gelangen.
 
Vereint fürs Schloss
 
Ähnlich wie das steinerne Pendant auf der Auerbacher Seite wurde auch die Festung hoch über Alsbach-Hähnlein im 13. Jahrhundert errichtet, später zunehmend in Trümmer gelegt und erst in der jüngeren Vergangenheit wieder mit Leben erfüllt. Auf Schloss Alsbach ist es ein eigens gegründeter Förderverein, der sich für die Burg stark macht, sie sogar seit 2000 in eigener Regie verwaltet und über Ritterturniere und andere Veranstaltungen Geld in die Kasse bringt, um so den Erhalt zu finanzieren.
 
Die paar Cent, die als Gegenleistung für den Aufstieg zum Burgturm erbeten werden, sind also wahrlich gut angelegt und zudem die Aussicht hinauf zum Melibokus auf jeden Fall wert. Auf dem Rückweg an dem der Burg vorgelagerten Kinderspielplatz vorbei, geht es nach rechts. Gleich zwei Pfade dienen sich hier an, von denen der untere der richtige ist.
 
Bis zum Ziel stellt die Route den Wanderer nicht mehr vor allzu große Herausforderungen. Unterhalb der Orbishöhe im scharfen Knick nach rechts und mit Hilfe einer Holzbrücke über einen Bachlauf hinweg geht es bergab und Zwingenberg entgegen.

Strecken-Info
 
Mit jedem Schritt, den der Wanderer dem Stadtzentrum näherkommt, dringt der Lockruf des süßen Lebens wieder lauter an das Ohr. Und das Schönste daran ist: Jetzt darf er ihm sogar erliegen und sich in einem der Altstadtlokale fühlen wie Gott an der Bergstraße. Schwierigkeit: mittel
Strecke: 15,1 Kilometer
Aufstieg: 612 Meter
Abstieg: 612 Meter
Dauer: ca. 5 Stunden
Niedrigster Punkt: 93 Meter
Höchster Punkt: 506 Meter
Start- und Zielpunkt der Tour:
Bahnhof Zwingenberg
Wegbeschreibung
Die Tour verläuft über Waldwege, durch Weinberge und beinhaltet einen steileren Anstieg auf den Melibokus. Die Wege sind in der Regel gut ausgebaut und markiert.
Ausrüstung
Leichter Rucksack mit Proviant (Energieriegel, Brote, Wasser). Einkehrmöglichkeiten im Restaurant Schloss Auerbach oder in der Burgschänke Schloss Alsbach.

Anfahrt
Über die Autobahn 5 von Frankfurt kommend zur Abfahrt Zwingenberg. Dann weiter zum Bahnhof.
Parken
Bahnhof Zwingenberg.
Öffentliche Verkehrsmittel
Mit der Bahn: Zwingenberg liegt an der Bahnstrecke FrankfurtHeidelberg.
Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/tourenplaner/
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