Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Wandern im Paradies für Vielflieger

Die FNP wandert mit Ihnen durch das Paradies der Vielflieger: Die 14,3 Kilometer lange Wanderung führt Sie von Stockstadt über den Altvater Rhein zum Hof Guntershausen.
Aus Ästen und Blattwerk bildet sich über dem Damm am Altrhein ein Dach, unter dessen Schutz der Wanderer gut vorankommt. Bilder > Aus Ästen und Blattwerk bildet sich über dem Damm am Altrhein ein Dach, unter dessen Schutz der Wanderer gut vorankommt.
Stockstadt. 

Die Landebahn ist frei. Ein letztes Mal zieht das Geschwader eine Schleife, verschwindet kurz hinter den Bäumen, dann schnattern die Motoren auf und es geht runter. Alles fertig machen zum Wassern. Die Landebahn ist frei. Ein letztes Mal zieht das Geschwader eine Schleife, verschwindet kurz hinter den Bäumen, dann schnattern die Motoren auf und es geht runter. Alles fertig machen zum Wassern. Ein Gänsehaut-Moment? Nein. Es sind erfahrene Piloten, die teilweise seit Jahren diese Strecke fliegen, sie sogar im Blut haben. Da gibt es keine Schwierigkeiten.

Mit ihren im Anflug irgendwie doch plump wirkenden „Maschinen“ aus Muskeln und Daunen setzen sie federleicht auf, rauschen noch kurz wie auf Wasser-Skiern dahin und haben nur Sekundenbruchteile später den Zustand vollständiger Harmonie mit dem feuchten Element erreicht. Kein Schnattern, kein Flattern, nur Gleiten.


Bilderstrecke Wanderserie Tour 6: Groß Gerau - Kühkopf
Natur pur erwartet den Wanderer auf unserer Wandertour Teil 6 durch das grüne Herz des Europa-Reservats Kühkopf-Knoblochsaue. Wenn im Herbst Scharen von Zugvögeln einen sicheren Landeplatz zum Durchschnaufen suchen, empfängt Vater Rhein die Vielflieger hier mit offenen Armen.

An diesem Tag Ende September ist das alles noch ein Routinemanöver. Jetzt, Anfang Oktober, dürfte es schon etwas schwieriger werden, ein Landeplätzchen hier auf dem Altrhein im Hessischen Ried zu finden. Es herrscht Rückreise-Verkehr. Tausende Zugvögel, die dem kälter werdenden Norden Europas den Rücken kehren, kommen auf ihrem Weg in wärmere Gefilde hier vorbei. Nicht wenige nutzen dieses Gebiet „nur“ - um in der Fliegersprache zu bleiben - als Hub. Sie tanken Kraft nach, füllen die körpereigene Bordküche und setzen dann ihren Flug in Richtung Süden fort.

Es gibt aber ebenso die Stammgäste, die über den Winter bleiben. So wie vermutlich auch das gerade hereingekommene „Geschwader“ von Graugänsen. Die brauchen es gar nicht so warm, die wollen nur ihr Auskommen über den Winter gesichert sehen und vor allem eins - ihre Ruhe. Und beides bekommen sie im Überfluss hier, im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblauchsaue.

Mit rund 2370 Hektar Hessens größtes Protektorat für alles, was da kreucht und fleucht, ist es allein für mehr als 250 Vogelarten ein Zuhause oder zumindest eine Heimat auf Zeit. Damit „fliegt“ die Auenlandschaft im bundesweiten Vergleich ganz weit vorne. Kein Wunder, dass das Gebiet bereits seit 1961 als „Europareservat für den Vogelschutz“ ausgewiesen wurde.

 

Mit offenen Armen

 

Altvater Rhein empfängt allerdings nicht nur seine gefiederten Freunde mit offenen Armen. Jeder ist hier willkommen, auch Adams Söhne und Evas Töchter. So lange die wissen, wie man sich im Paradies zu benehmen hat, und sich an das oberste Gebot halten, das da lautet: Immer schön auf den Wegen bleiben. Für Wanderer natürlich eine Selbstverständlichkeit. Vor allem dann, wenn die Wege so gut markiert sind, wie hier auf dem Kühkopf.

Kaum nämlich hat der Spaziergänger die Stockstädter Brücke überquert und die Pforte zum Garten Eden durchschritten, da drängeln sich die Wegezeichen schon um dessen Gunst. Blaukehlchen, Nachtigall oder Fasan geben den Wegen zwar ihre Namen, simple Nummern von 1 bis 6 jedoch erst ihre Richtung.

>> Unsere App zum Aktionspreis von 3,59 Euro <<

Wir entscheiden uns auf den ersten Kilometern für die 4 und dann für die 6, kreuzen also den Weißstorch-Weg mit dem Reiher-Weg. Was dabei herauskommt? Ein echter Naturgenuss.

Um der 4 auf die Spur zu kommen, gilt es, von der Brücke aus kommend zunächst das Hofgut Guntershausen zu durchschreiten und eigentlich auch gleich wieder stehen zu bleiben. Zumindest empfiehlt sich das für alle, die sich vorab ein Bild davon machen wollen, wie die „Schatzinsel Kühkopf“ entstanden ist und was sie heute so besonders macht.

Im auf dem Hof angesiedelten Info-Zentrum können Besucher nämlich auf Knopfdruck die Auen fluten, etwas über die vielfältige Flora und Fauna im Naturschutzgebiet lernen oder sich über das vorhandene Wegenetz informieren. Und es soll noch besser kommen. Für Ende des Jahres ist die Eröffnung des neuen Besucherzentrums „Mitten im Fluss“ angekündigt. Ein erlebnispädagogisches Schatzkästchen in rustikalem Ambiente, soll es doch in den Stallungen des Hofguts unterkommen.



Wo Vater Rhein Mutter Natur umarmt

Natur pur erwartet den Wanderer auf seinem Weg durch das grüne Herz des Europa-Reservats Kühkopf-Knoblochsaue. Wenn im Herbst Scharen von Zugvögeln einen sicheren Landeplatz zum Durchschnaufen suchen, empfängt Vater Rhein die Vielflieger hier mit offenen Armen.

clearing

Sicher wäre das alte Herrschaftshaus eine noblere Adresse gewesen. Immerhin hatte hier 1903 sogar schon der russische Zar Nikolaus II. als Jagdgast auf Einladung des Hausherrn, des reichen Lederfabrikanten Cornelius Wilhelm Freiherr von Heyl zu Herrnsheim, logiert. Allein, den Herrensitz gibt es nicht mehr. Und im noch vorhandenen Haus des Verwalters wäre auch kein Platz mehr gewesen. Denn dort hat der Förderverein „Hofgut Guntershausen“ eine kleine Filiale des Stockstädter Heimatmuseums eingerichtet.

Damit soll es an dieser Stelle aber auch erst mal genug mit musealen Akzenten sein. Es wird Zeit ins Leben und in die Natur hinauszugehen. Den Hof nach Norden hin verlassend, spaziert der Wanderer vorbei an einer Allee aus Apfelbäumen. Namensschilder weisen die als alte, teils vergessene Sorten aus und geben einen guten Eindruck davon, wie reichhaltig der deutsche Obstkorb schon war, bevor pomologische Exoten aus Neuseeland oder Chile eingeflogen wurden.

 

Vorfahrt für Mutter Natur

 

An der nächsten Weggabelung nach links, bleibt in der Folge reichlich Gelegenheit, die Seele baumeln zu lassen. Es geht nicht stur, sondern entspannt geradeaus, so dass man sich das Spähen nach Wegzeichen ersparen und die Augen schweifen lassen kann. Gesäumt von Streuobstbäumen, erinnern weite Wiesenflächen noch heute daran, dass der Kühkopf in seiner jüngeren Geschichte lange alles andere als ein Naturschutzgebiet war. Das Land wurde bewirtschaftet - und zwar durchaus intensiv. Doch das ist Geschichte - heute hat Mutter Natur eindeutig Vorfahrt.



Frankfurter Prominenz auf der Spur

Mainhattan, Skyline, Bankenviertel  - so hat sich das globale Gesicht der Mainmetropole in zahlreichen Köpfen eingebrannt. Dass Frankfurt hinter seiner glänzenden Fassade allerdings noch

clearing

Wenn in den vergangenen Wochen dennoch Bauern mit ihren Traktoren über die Kühkopf-Wiesen gerollt sind und die Heuernte eingefahren haben, dann ist das keineswegs als Verstoß gegen die geltende Vorfahrtsregel zu werten. Im Gegenteil. Eine ein- oder auch zweimalige Mahd übers Jahr dient durchaus der Erhaltung der Artenvielfalt, werden dadurch doch typische Wiesenarten gefördert und nachwachsende Fremdkörper kurz gehalten. Hier also hat das einschneidende Vorgehen des Menschen durchaus Sinn. Ansonsten jedoch sollte er sich tunlichst zurückhalten. Zu schnell kann ein vermeintlich gut gemeinter Handgriff einen Stock in die Speiche des natürlichen Kreislaufs schieben.

 

Uralte Lebensgemeinschaften

 

Warum sollte man auch einen unter Last des Alters oder seiner Früchte zerborstenen Baum vollständig beseitigen, wenn er doch Spinnen so hervorragende Möglichkeiten gibt, die eigenen Gespinste zu verankern? „Mutti“ weiß doch am besten, was für ihre Kinder gut ist. Entsprechend aufgeschlossen steht sie den nichteingetragenen, aber uralten Lebensgemeinschaften aus Misteln, Efeu und Bäumen gegenüber, denen man auf Schritt und Tritt begegnet.

Dass der Wanderer an der ersten größeren Kreuzung in einem Waldstück von Nummer 4 schnöde verlassen wird und vorerst ohne Wegzeichen auskommen muss, sollte er schmerzlos verkraften können. Es geht einfach immer nur geradeaus, was von den Schildern, die auf die Rheinfähre hinweisen noch unterstrichen wird. Gemessenen Schrittes voran, an einer Schutzhütte und in der Folge an einer parkähnlichen Baumlandschaft vorbei, ist es dann auch bald erreicht: das Ufer des Rheins.

Hier also hat es sich der alte Herr in seinem Bett gemütlich gemacht. Aber ist es das wirklich - gemütlich? Würde er sich uns mitteilen können, würde Vater Rhein vielleicht wehmütig von den Tagen erzählen, da er noch ungestüm durch das Land mäanderte, nach Lust und Laune überschäumen und sich ausleben konnte. Ja, das waren noch Zeiten. Und die liegen - aus dem Blickwinkel eines ewigen Stroms betrachtet - noch gar nicht so lange zurück. 184 Jahre ist es her, dass ihm der Spaß am freien Fließen genommen wurde.

 

Ein echter Romantiker

 

Zugegeben, der alte Romantiker hatte es davor auch etwas übertrieben mit seinem sprudelnden Temperament. Immer wieder hatte er sich beim Versuch, Mutter Natur zu umarmen, zu sehr gehen gelassen. Der so umschwärmten Dame dürfte das zwar gefallen haben, bekam sie mit seiner Zuneigung doch auch das Wasser, das sie dringend brauchte, um ihre Auwälder mit Leben zu füllen. Den Nachbarn aber, allen voran den Bauern, war der Rhein viel zu aufdringlich, überschwemmte er doch stets ihre Felder und ließ ihnen auch sonst zu wenig Platz zum Leben und Wirtschaften.

Es war ein Mann namens Dr. Claus Kröncke, der diesem unkontrollierten Treiben des Altvaters ein für allemal ein Ende setzen sollte. Als Rheinbauinspektor von Hessen-Darmstadt erging an ihn der Auftrag, den Rhein an die Kette zu legen und so den Landwirten wie auch den Rheinschiffern das Leben mit dem Fluss zu erleichtern.

Krönckes Idee: Mittels eines Durchstichs sollte der Rhein in ein neues, geraderes Bett gelenkt und über zusätzliche Dämme der Hochwasserdruck auf die alte Rheinschleife gemindert werden. Ein Plan, der aufging und zugleich aus dem linksrheinischen Kühkopf eine rechtsrheinische Insel machte.

 

Der Durchstich

 

Nach Fertigstellung des Rheindurchstichs am 30. April 1829 konzentrierte der Fluss seine Energie in der Folge vornehmlich darauf, sich im neuen Bett breitzumachen. Seine Altarme jedoch hatten kaum noch Kraft, Mutter Natur zu umfassen. Das mochte zwar den ortsansässigen Landwirten gefallen, die mit einem Mal mehr Ackerland und weniger Mücken und Krankheiten um sich herum hatten. Für die Auwälder jedoch war es das Todesurteil. Mit einem Mal des für sie lebenswichtigen Wechsels von Hochwasser- und Trockenperioden beraubt, verschwand das Gros der wertvollen Lebensräume für Flora und Fauna. Ein Prozess, der erst vor 30 Jahren zumindest teilweise gestoppt wurde - mit Gewalt.

Es war im Februar 1983, als der Fluss mit aller Macht zurückschlug. Er durchbrach einen Damm und spülte Unmengen an Sand über 50 000 Quadratmeter bestes Ackerland. Statt erneut den Kampf mit dem Element aufzunehmen und den Damm zu erneuern, entschieden sich die Verantwortlichen damals für den ökologisch wertvolleren Weg. Sie ließen dem Fluss seinen Willen, gaben die Landwirtschaft auf dem Kühkopf auf und überließen die Insel weitgehend sich selbst. Rückblickend betrachtet eine richtige wie wohltuende Entscheidung, nicht nur für Flora und Fauna, sondern auch für unzählige Naturliebhaber von rechts und links des Rheins.

Zwar müssen Letztere derzeit einen Umweg in Kauf nehmen, wenn sie reif für die Insel sind, da die Fähre zwischen Guntersblum und dem Eiland Anfang 2013 ihren Betrieb eingestellt hat. Intensive Bemühungen der IG Kühkopf-Fähre lassen jedoch hoffen, dass die „Fähr’“ von 2014 an wieder fährt.

So lange muss der Wanderer auf dieser Tour nicht warten, steht er doch bereits am rechten und damit richtigen Ufer. Von dort aus wendet er sich einfach wieder dem Innern der Insel zu, nimmt die Spur des mit der Nummer 6 markierten Weges auf und macht sich daran, die Umrundung des Kühkopfes fortzusetzen.

Nach links vom Neurhein weg nähert er sich dem, was heute der Altrhein-Arm ist, und bemerkt schon bald, wie sich die Landschaft verändert. Vorbei das Flanieren an weiten Wiesenflächen. Jetzt wird es urwüchsig. Auf dem problemlos zu passierenden Sommerdamm geht es unter dichten Blätterdächern voran, links und immer häufiger auch rechts begleitet von blickdichter, ja undurchdringlicher Vegetation.

Dort, wo die Verantwortlichen des Naturschutzgebietes ein wenig für Durchblick gesorgt haben, wurden Beobachtungsstände installiert, von denen aus Ausschau nach gefiederten Globetrottern gehalten werden kann.

Am ersten Ausguck unweit des Rheinufers - am sogenannten Krönckesarm - allerdings sind es oft noch die Lokalmatadoren, die zahlenmäßig wie farblich den Ton angeben. Mein lieber Schwan: Die Damen und Herren in blütenweiß wissen, dass sie edel aussehen und recken ihre Hälse entsprechend snobby in die Höhe. Da scheinen die eingangs geschilderten, fliegenden Kosmopoliten, denen der Wanderer am Beobachtungsstand „Schlappeswörth“ begegnet, doch sehr viel weniger von sich eingenommen.



Gut gerüstet und trotzdem ganz locker und leicht auf Tour

Was soll ich mitnehmen auf meine Wandertour? Keine Bange, mit unseren Wandervorschlägen müssen Sie erst gar nicht groß überlegen.

clearing

 

Alter Schwede

 

Bis der Wanderer allerdings zu denen kommt, gilt es erst noch, den Aussichtspunkt „Schwedensäule“ zu passieren und die Augen zu schärfen. Na, wer kann sie erkennen, die in Stein gehauene Erinnerung an den Schwedenkönig Gustav Adolf, der hier im Dreißigjährigen Krieg mit seinen Truppen den Rhein überschritt? Rechts oben im dichten Auenwald - ja das könnte sie sein.

Sehr viel leichter zu durchschauen ist da doch ein nochmaliger Wechsel des Wanderzeichens. Die 6 tritt die Führung gleich an ein Trio ab. 1,2 und 3 nehmen den Spaziergänger an einer Waldkreuzung zunächst nach links mit zum „Schlappeswörth“, begleiten ihn dann bis kurz vor das Gasthaus „Forsthaus Kühkopf“ und lassen ihm von hieran seinen Lauf.

Noch eine Einkehr oder am Forsthaus vorbei doch gleich zurück zum Ausgangspunkt - alles kein Problem. Hier heißt es: Jeder, wie er will und jeder wie er kann. Ein kleiner, abschließender Tipp für Unschlüssige: Das Wenige an Weg, das von hier an noch kommt, kann problemlos auch mit vollem Magen zu Ende gebracht werden.

Zur Startseite Mehr aus Wanderserie

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse