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Wandertour im Odenwald

Mit der FNP in den Odenwald: Wir laden Sie zu einer Wanderung der Spitzenklasse ein. Von Erbach geht es über den Wildpark Brudergrund zum Roßbacher Hof. 9,8 Kilometer warten darauf, von Ihnen bezwungen zu werden.
Odenwald. 

Der König hat Hunger. Und weil sein Magen im Moment ganz bürgerlich knurrt, vergisst er auch ganz schnell Standesregeln wie Etikette und frisst seinen Gästen sogar aus der Hand. Es ist aber auch zu verlockend, was ihm da auf der Innenfläche durch das Gatter hindurch gereicht wird: Maiskörner, Sonnenblumenkerne und andere Leckereien. Ein Festschmaus im Vergleich zum täglichen Einerlei aus Gras und Heu. Welches „geweihte“ Haupt kann dazu schon Nein sagen?

Moment! Gras, Heu, Gatter - vielleicht sollte man doch dazusagen, dass das Haupt nicht mit göttlichem Segen versehen, sondern von einem beachtlichen Kopfschmuck aus Horn gekrönt ist. Einem Geweih eben, wie es der Rothirsch als Herr des Waldes nun mal trägt - auch, nein besser gerade im Wildpark Brudergrund.

 

Audienz beim König

 

Denn hier in unmittelbarer Nähe zum Odenwald-Städtchen Erbach hat es heute niemand mehr darauf abgesehen, den König mit einem Blattschuss vom Thron zu stürzen und sein Geweih als Trophäe über den Kamin zu hängen. Das war einmal, das ist Geschichte.
 

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Jetzt freuen wir uns erst einmal, dass wir die Audienz im Hause Rothirsch schnell, unkompliziert und zudem ohne sündhaft teure Gastgeschenke bekommen haben. Einen Euro hat das Ganze gekostet. Und das nicht etwa für den Eintritt, denn der ist frei, sondern für das Päckchen Wildfutter, das am Eingang zu bekommen ist. Man will ja nicht mit leeren Händen zum König gehen. Vor allem nicht, wenn man in Begleitung von Kindern ist. Für die sind Tiere ja bekanntlich immer was Tolles. Und weil die heutige Tour überdies „nur“ 10 Kilometer und keine abschreckenden Höhen und Tiefen vorzuweisen hat, ist sie mehr als günstig für einen Wochenendausflug mit der ganzen Familie.

Egal, ob man mit dem Auto oder dem Gruppen-Ticket im Odenwald einfährt, ist der Bahnhof von Erbach sicher ein sehr guter Startpunkt in die Wanderung. Schließlich wartet doch schon gleich am ersten Bahnübergang ein ganzer Strauß von Wegezeichen, die nur darauf warten, gepflückt zu werden.

Allerdings kann der Wanderer die vielfarbigen Blickfänge auch gerne am Wegesrand stehen lassen, bekommt er doch, kaum, dass er in die Alfred-Kehrer-Straße eingebogen ist, einen Wink mit dem Zaunpfahl. „Wildpark Brudergrund“ wirbt eine daran befestigte Hinweistafel unübersehbar dafür, den Schritt nach rechts und hinein in den Brudergrundweg zu lenken.

Zunächst noch zur Linken von der Kreisstraße 49 begleitet, die aus Erbach heraus- und ins Mossautal hineinführt, geht es mit jedem Schritt jetzt näher an den Wald heran. Ist der erreicht, zieht der Weg leicht, aber wirklich nur sehr leicht und stetig bergan. Auf halber Höhe am Hang entlang, hat das „Roßbächl“ die Straße als ständiger Begleiter abgelöst. Es speist die linker Hand bereits ausgeschilderten Ententeiche.

 

„Not Gottes“

Noch aber bleibt der Wanderer in der vorgegebenen Spur, spaziert auf halber Höhe am Hang entlang und erblickt von dort aus talwärts schon bald die „Not Gottes“. Was nach Himmel schreiendem Unheil klingt, ist aber kein Grund zur Besorgnis. Es ist „nur“ der Name jener Kapelle, die hier um 1200 stand und deren Fundamente heute einen Gottesdienstplatz unterm Blätterdach rahmen. Immer weiter geradeaus und dabei sukzessive dem „Brudergrund“ entgegen, ist der Wildpark bald erreicht.

Nur ein kurzer oder auch etwas längerer Blick noch auf die Info-Tafeln, die erklären, wie der Herr des Waldes denn so lebt, dann kann es doch eigentlich hineingehen ins Reich des „Königs“. Halt! Haben wir auch wirklich nichts vergessen? Ganz sicher - war da nicht noch was? Genau, das Päckchen mit dem Wildfutter sollte der Wanderer nicht vergessen. Vor allem dann nicht, wenn man mit dem Nachwuchs unterwegs. Wann hat der schon mal die Chance auf Tuchfühlung zu Bambi und Co. zu gehen? Sollten Filius oder Filia eingangs des Wildparks vielleicht etwas quenglig wird, weil sich Damm- und Rotwild - die einzigen Bewohner des Parks - nicht gleich zur Begrüßung am Eingang aufgebaut haben - keine Sorge: die Vierbeiner tauchen schon noch längs des Weges auf. Viel zu verlockend sind die schmackhaften Handreichungen der Besucher.

 

Ein Weg, ein Zeichen

 

Hat man das Futter aufgebraucht und den Wildpark durchschritten, geht es flankiert vom Wald zur Rechten und dem grünen Tal zur Linken der ersten Kreuzung entgegen, die vom Wanderer ein wenig Entscheidungsfreude verlangt.

Links oder rechts? Bei der Beantwortung dieser existenziellen Frage hilft das Wegzeichen S5, das den Wanderer zwar schon seit Erbach begleitet, bislang jedoch, ob der Offensichtlichkeit der Streckenführung, als stiller Teilhaber agierte.
 

Bilderstrecke Wanderserie Tour 8: Erbach - Roßbacher Hof
Unsere achte Tour der Wanderserie führt Sie von Ehrbach zum Roßbacher Hof. Die . . .. . . 9,8 Kilometer lange Strecke ist angenehm zu laufen. Steigungen sind vorhanden, sollten . . .. . . aber verkraftbar sein. Rund zweieinhalb Stunden benötigte unser Wanderscout Stefan Jung für die Strecke. Ein kleiner . . .

Jetzt allerdings beweist das Wanderzeichen Führungskompetenz. Und das zur großen Freude seiner Anhänger bis zum Ende der Tour. Ob man der S5 auch überall bedingungslos hin folgen soll? Es empfiehlt sich auf jeden Fall - sieht man mal von einer kleinen Passage gleich hinter der neuralgischen Kreuzung ab.

 

Klimawechsel

 

Zunächst nach links, das ist noch unstrittig, und auf einem asphaltieren Weg ein Stück voran, fordert das Wanderzeichen zwar bedingungslose Gefolgschaft und zieht, wie auf unserer Karte vermerkt, nach rechts am Waldrand entlang in Richtung Roßbach. Freigeister unter den Fußgängern haben aber sehr wohl auch die Möglichkeit, dem Wirtschaftsweg noch ein wenig länger zu folgen.
 

Mitten im Odenwald: Erbach ist die Elfenbeinhauptstadt Deutschlands. Noch immer gibt es hier viele Schnitzer sowie das einzige Elfenbeinmuseum in Europa. Foto: Stadtmarketing Erbach
Wegbeschreibung

Auf Du und Du mit Hirsch und Kuh - im Wildpark Brudergrund fressen einem die Geweihträger mit Freuden aus der Hand. Nicht der einzige gute Grund, diese entspannte wie kurze Runde um das Städtchen Erbach im Odenwald mit dem eigenen Nachwuchs zu drehen.

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Was das bringt? Nun, vermutlich den schnellsten wie skurrilsten Klimawechsel, den ein Naturfreund im Odenwald erleben kann, ohne dass er dabei fröstelt oder schwitzt. Eben noch auf der „Sommerseite“ spaziert er im nächsten Moment der „Winterseite“ entgegen. Das dokumentieren allerdings nicht Thermometer und Gänsehaut, sondern Straßenschilder, die an der nächsten Weggabelung unweit eines einsamen Briefkasten die Klimaverschiebung festschreiben.

 

Ein wenig Wilder Westen

 

Fix ist auch ohne Wegzeichen, wie es von dieser Kreuzung aus weitergeht - nämlich nach rechts und noch ein Stück weiter am Rossbach entlang. Der allerdings könnte an dieser Stelle auch den Namen „Horsecreek“ tragen. Denn hier im tiefsten Odenwald trabt der Wanderer nichtsahnend hinüber in die nordamerikanische Prärie. Zumindest kommen da die Vorfahren jener Vierbeiner her, die entlang des Weges auf Koppeln, in Reithallen und Stallungen stehen. Im Tal des Rossbachs nämlich werden heute Quarter Horses und Appaloosa gezüchtet.
 

Zwar führt das Gestüt nach wie vor den seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlichen und damit alteingesessenen Namen „Roßbacher Hof“. Die Reiter jedoch sitzen auf der „Freestyle Ranch“ mittlerweile in Western-Manier auf.

Beim Durchschreiten des weiten Anwesens stößt von rechts der mit dem S5 gekennzeichnete Weg wieder hinzu, lädt zum Aufsatteln ein und trägt den Wanderer die folgende Steigung hinauf - rein symbolisch natürlich nur. Man muss sich schon selbst die Sporen geben und die Hufe schwingen, will man im Galopp zur Mossauer Höhe hinauf. Zu empfehlen ist aber eher eine gemächlichere Gangart.

Wenn er Maiskörner und Sonnenblumenkerne bekommt, frisst der König des Waldes sogar aus der Hand. Bild-Zoom
Wenn er Maiskörner und Sonnenblumenkerne bekommt, frisst der König des Waldes sogar aus der Hand.

Auf der Höhe

 

Zwar rangiert dieser Anstieg in der Wanderserien-Hitparade des Winkelmessens auf den flacheren und deshalb hinteren Plätzen. Dennoch will auch dieser durch Getreidefelder führende Wirtschaftsweg erst bewältigt werden, bevor von der Mossauer Höhe aus die Aussicht auf jene sagenhaft schönen Wälder genossen werden kann, in denen schon Siegfried, Gunter und Hagen zur Jagd geritten sein sollen.

Eben noch voll auf der Höhe, geht es mit dem Wanderer im nächsten Moment auch schon bergab. Der Rückmarsch steht an. Und der ist zu Beginn durchaus ein wenig rechtslastig. Von der Mossauer Höhe aus geht es zunächst nach rechts in den Wald hinein, dann am ersten größeren Abzweig erneut nach rechts und kurz darauf gleich noch mal in einem Haken - wohin? Nach rechts - genau!

Das war es dann aber auch erst mal mit dem Abknicken und Hakenschlagen. Auf herrlichem Pfad geht es geradewegs in Richtung Erbach. Verlaufen ist hier ausgeschlossen - oder sagen wir besser mal, so gut wie ausgeschlossen. Man steckt ja nicht drin. Allerdings macht es das Wanderzeichen S5 einem wirklich schwer, vom rechten Weg abzukommen. In mal mehr, mal minder regelmäßigen Abständen blitzt es auf, ruft den Spaziergänger zu sich und zieht ihn runter - im positiven Sinne natürlich.

 

Zu klein für Schneewittchen

 

Wer sich auf dem Weg ins Tal an einer Stelle ein wenig vorkommt wie Schneewittchen im Odenwald, der dürfte die Mini-Mühle am Silberbrünnchen erreicht haben. Jetzt einen Bissen vom Tellerchen nehmen, einen Schluck aus dem Becherchen trinken oder zumindest eine Runde im Kettenkarussell drehen - klingt verlockend, ist aber nicht drin. Selbst Zwergen zu klein wäre das Fachwerkmodell, dessen Mühlrad unter dem Druck eines Bachlaufs klappert.

Gleich hinter der Mühle nach rechts und über den Bach hinweg baut sich ein ansehnlicher Hang vor dem Wanderer auf, den er sich jedoch nur anschauen muss. Denn bevor es richtig steil wird, knickt der Weg nach links ab. Nichts ist’s mit Schweiß vergießen. Es geht ganz entspannt dahin, aus dem Wald hinaus und zu einer famosen Aussicht auf Erbach, das Schmuckkästchen im Odenwald.
 

Der Rittersaal ist nur eines von vielen Themen-Zimmern, auf die die Erbacher Grafen ihre Sammelleidenschaft verteilt haben.
Gesammelte Leidenschaften

Soll das Land Hessen für stolze 13,3 Millionen Euro das Erbacher Schloss samt der darin enthaltenen Sammlungen kaufen? Die Frage wurde nicht nur im Hessischen Landtag mehr als kontrovers diskutiert, bevor im Juni 2005 der Deckel auf die freundliche Übernahme gemacht wurde.

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Schon Anna Sophie, Gräfin zu Erbach-Erbach, soll zu Beginn des 19. Jahrhunderts diesen Blick und diesen Platz geliebt haben. Und weil die Erbacher wiederum ihre Gräfin wohl sehr zugetan waren, errichteten sie ihr zu Ehren an dieser Stelle nicht nur einen Tempel, sondern widmeten ihr auch gleich noch die ganze Höhe, eine Eiche und eine Straße. Das nennt man mal Zuneigung.

Apropos (Achtung, schräger Wortwitz!) - auch diese Tour neigt sich langsam ihrem Ende zu. Auf der Sophienstraße hinunter, noch unter einer Bahnunterführung hindurch wartet zuvor aber noch ein ganzes Bündel an optischen, historischen kulinarischen und Leckerbissen auf den Gast: die Altstadt von Erbach mit Schloss, Marktplatz, Lustgarten und vor allem einer Vielzahl an Gaststätten.

Die Kürze der Tour und die entspannte Streckenführung sollten noch ausreichend Kraft und Zeit übrig gelassen haben, das Schmuckstück gebührend zu würdigen. Kleiner Tipp: Sollten Sie mit Ihren Sprösslingen noch das Erbacher Schloss besuchen wollen, sollten sie eine gute Erklärung parat haben, warum sie die Könige des Waldes, die hier in ganzen Rudeln von den Wänden schauen, nicht füttern können.

Lust auf weitere tolle Wandertouren? Hier geht es zu unserer Wanderserie.

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