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Wandertour zum Jagdschloss Platte

Wandern Sie mit der FNP in den Höhen von Wiesbaden: Vom Neroberg, dem Stolz der hessischen Landeshauptstadt, führt unsere 12,1 Kilometer lange Wanderung zum Jagdschloss Platte. Herrliche Aussichten und das Grabmal einer großen Liebe warten auf Sie!
Das Grabmal einer großen Liebe: Die Russische Kapelle birgt die letzte Ruhestätte von Elisabeth Michailowna. Foto: Jung Bilder > Das Grabmal einer großen Liebe: Die Russische Kapelle birgt die letzte Ruhestätte von Elisabeth Michailowna. Foto: Jung
Wiesbaden. 

Er ist der Stolz der Landeshauptstadt, der König der Kurstadt, Wiesbadens absoluter Höhepunkt. Die Rede ist, wie könnte es anders sein, vom Neroberg. Würde es für das 245 Meter hohe Stück Taunus andernorts vielleicht auch nur zu einer kleinen Notiz auf der Landkarte reichen - in Wiesbaden ist er eine große Nummer. Hier sonnt er sich in dem Ruf, der Hausberg zu sein, das Ausflugsziel schlechthin.



Doch da ist noch eine andere, eine dunkle Seite, die dem massiven Publikumsliebling anhaftet. Um es frei heraus zu sagen: Der Neroberg ist das in Stein gefasste Sinnbild eines dreisten Etikettenschwindels. Wer es nicht glaubt, mag es in den Geschichtsbüchern nachschlagen. Da steht es schwarz auf weiß: Nero war nie in Wiesbaden und schon gar nicht hoch droben auf dem Berg.

 

Bilderstrecke Wanderserie Tour 4: Neroberg
Weithin sichtbar glänzen die goldenen Kuppeln der russisch-orthodoxen Kirche. Sie künden vom tragischen Ende einer Liebe und wachen über unsere 5. Wandertour vom Wiesbadener Neroberg hinauf zur Platte. Fotos: Stefan Jung

Zwar fußt die hessische Kapitale unzweifelhaft auf römischen Fundamenten. Und es steht auch außer Frage, dass die Wärme suchenden Südländer ein Faible für Wiesbadens heiße Quellen hatten. Genauso sicher ist aber auch, dass der römische Imperator, dessen Name der Berg heute trägt, zu Lebzeiten weder seine Beine noch seine strapazierte Seele im „Wasser der Mattiaker“ baumeln ließ. Nichts war es und ist es - mit Nero.

Aber woher dann der Name? Einige findige Wiesbadener sollen die Kuppe im 19. Jahrhundert mit diesem falschen Lorbeer gekrönt haben. Sie schafften es damit sogar in die Lexika ihrer Zeit. „Der Name soll dem Berge von Paulinus Pompejus dem Römischen Kaiser Nero zu Ehren gegeben worden sein“, heißt es da. Später wurde dem „falschen“ Kaiser sogar ein Denkmal auf dem Berg errichtet. Was für ein kapitales Bubenstück. Das ist ja wohl der Gipfel.

 

Neresberg

 

Sollte man da nicht besser gleich einen Bogen um den falsch etikettierten Brocken machen? Nein, auf gar keinen Fall. Damit würde man dem alten Fels doch Unrecht tun. Der wollte schließlich nie etwas anderes sein als der Eres- oder später der Neresberg - was so viel heißt wie der Hintere Berg.

Und außerdem würde sich jeder Ausflügler selbst um ein echtes Vergnügen bringen, wenn er den Neroberg mit Nichtachtung straft.

Der Hausberg der Landeshauptstadt hat nämlich eine Menge zu bieten: Freibad, Fernblick, Weinberg und das Grabmal einer großen Liebe. Mal ehrlich: Wer braucht denn da noch einen vollends unchristlichen Namenspatron, dem noch dazu ein Hang zum Spiel mit dem Feuer nachgesagt wurde?

Verzeihen wir dem Neroberg also die vermeintliche Hochstapelei, lassen wir etwas Dampf, oder besser lassen wir etwas Wasser ab. Aber Moment, nicht dass hier ein falscher Zungenschlag reinkommt: Das Wasserlassen in Verbindung mit einem Stahlseil ist unabdingbar, will man den Berg nach Art der Wiesbadener erklimmen. Die nämlich lieben es, sich von der alten Standseilbahn hinauf- und hinunter chauffieren. Und das bereits seit 1888. So lange nämlich pendeln die beiden über das Seil miteinander verbundenen Wagen zwischen der Talstation im Nerotal und der Bergankunft. Wer es lieber etwas moderner möchte, kann natürlich auch mit dem eigenen Wagen herauffahren.

Egal, ob Bahn oder Auto - der Startpunkt in die heutige Tour ist der sogenannte Monopteros, ein kleiner Tempel mit enormer Fernsicht. Dessen Säulen hielten übrigens einst die Straßenbeleuchtung in der renommierten Wilhelmstraße hoch, bevor ihnen der nassauische Landesbaumeister Philipp Hoffmann 1851 ihre neue tragende Rolle hoch oben über der Stadt zuwies.

Dass es sich auf dem Neroberg einst nicht nur schön spazieren, sondern auch prächtig logieren ließ, davon zeugt heute nur noch ein Turmstumpf nebst angebautem Ausflugslokal, die der Wanderer auf seinem Weg in Richtung Wald passiert. Der Stumpf ist der klägliche Überrest des ehedem prächtigen „Neroberghotels“, das seine Glanzzeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte.

Hatte die Luxusherberge die beiden Weltkriege noch weitgehend unbeschadet überstanden und in der Besatzungszeit sogar Frank Sinatra eine Bühne geboten, so setzte ihr Niedergang in den 1960ern ein. Erst wurde der Hotelbetrieb geschlossen, dann wechselten die Besitzer und Nutzungen. 1983 kam dann das endgültige Aus. Den Rest erledigten zwei schwere Brände.

Zweifelsohne architektonisch ein Verlust, über den auch die neugeschaffene „Erlebnismulde“ gleich neben dem Turm nicht wirklich hinwegzutrösten vermag. Zum Glück warten noch einige andere Erlebnisse auf dieser Tour, die an der Mulde vorbei in den Wald hineinführt - auf Erdniveau natürlich.

Dass das an dieser Stelle einer besonderen Erwähnung bedarf, erklärt sich beim Blick in die Baumwipfel. Dort hängen und wandern nämlich all die herum, die Spaß an Spaziergängen in luftiger Höhe haben. Rechts der Klettergarten für die Großen, gibt es links noch ein bodennahes Angebot für die Kleinen, das zugleich als Orientierungspunkt für den Wanderer herhält. Denn noch muss der ohne ein schmuckes Wanderzeichen auskommen. Ein Problem? Nein.

Das einzige Hindernis, das es auf den ersten Kilometern zu überwinden gilt, ist eine Schranke, und an der kann man locker vorbeispazieren. Danach geht es erst einmal nur geradeaus. Abzweige gilt es, je nach Angebot, links oder rechts liegen zu lassen, bis die erste größere Kreuzung erreicht ist. Was nun - rechts, links, geradeaus? Die Antwort kommt aus dem Land der aufgehenden Sonne. Wie das? Nun, das Wanderzeichen, das die Führung übernimmt, erinnert stark an die Fahne Japans: Roter Punkt auf weißem Grund.

 

Japans Sonne

 

Gleich gegenüber, unweit eines Wasserspenders, dem das Spenden offensichtlich schon vor einiger Zeit vergangen ist, lugt die Markierung zum ersten Mal hervor und ruft den Wanderer zu sich.

Nicht links, nicht rechts, sondern geradeaus und zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal einen Hang hinauf geht es mitten hinein in eine Einflugschneise. Doch keine Sorge, die lautlosen Jäger, die hier regelmäßig gegen das Nachtflugverbot verstoßen, hängen tagsüber in ihrem Fledermausstollen herum.

Ein solches Leben auf Sparflamme kann selbstverständlich nicht im Sinne eines passionierten Waldläufers sein. Der dürfte viel mehr Freude daran haben, sich auf dem nächsten Wegstück etwas ausleben zu können. Auf der Spur des roten Punktes geht es auf und ab - und das auf einem Waldweg, der diesen Namen noch verdient. Nicht breit ausgewalzt, sondern ursprünglich, nicht begradigt, sondern dem Gelände angepasst ist der Untergrund.

 

Grünes Kleinod

 

Das ändert sich im Schatten des Rabenkopfes schlagartig, aber nicht unangenehm. Von jetzt auf gleich rollt der rote Punkt nach links, im 90-Grad-Winkel den Berg hinunter und hinein in einen Traum von einem Tal, den Rabengrund. Dass sich ein derart grünes Kleinod im Rücken der Landeshauptstadt versteckt - wer hätte es gedacht?

Wenn der rote Punkt an dieser Stelle noch einen Bogen um das Biotop macht und den Wanderer nach rechts auf asphaltiertem Weg mit sich nimmt, dann tut er das nur zum Wohle von Mutter Natur. Doch keine Sorge, es geht schon noch näher heran an das satte Grün, ja sogar mitten hindurch - auf einem dafür vorgesehenen Weg.

Versehen mit einem Hinweisschild auf den „Rabenborn“ öffnet der sich mit einem Mal linker Hand und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Derweil geht die Sonne über Japan unter - der rote Punkt auf weißem Grund bleibt seiner Linie treu und entschwindet aus dem Blick. Na, dann soll er halt gehen, alles kein Problem - wir haben ja die Karte? Vorsicht: Ganz so locker sollte man über diese Trennung nicht hinweggehen.

 

Hier trennen sich die Wege

 

Denn: Ersatz ist für den roten Punkt bis hinauf zum Jagdschloss Platte nicht in Sicht. Zudem wartet auf diejenigen, die dem Vorschlag des FNP-Scouts folgen nicht nur ein Spaziergang durch ein ausnehmend schönes Tal, sondern auch ein gehöriger Anstieg. Und das noch dazu auf einem Pfad, der nicht nach jedes Wanderers Geschmack sein dürfte.

Deshalb hier der Vorschlag an all diejenigen, die lieber auf Nummer sicher gehen wollen: Halten Sie dem roten Punkt die Treue! Auch mit dem kommen Sie zum Jagdschloss Platte. Machen Sie sich allerdings keine Hoffnungen, dass sie an der Steigung vorbeikommen. Die nämlich lässt sich nicht umgehen, will man zum Taunuskamm hinauf.

Für alle, die davon überzeugt sind, dass sie auf den kommenden Kilometern getrost auf ein Wegzeichen verzichten können, weil sie unsere Karte oder sogar den FNP-Tourenplaner als Handy-App zur Hand haben, geht es derweil tiefer hinein in den Rabengrund.

Führt der Feldweg, den der Wanderer nach links eingeschlagen hat, zunächst wieder ein Stück zurück, so wartet an der nächsten Weggabelung eine richtungsweisende Entscheidung. Der Blick wendet sich nach rechts, die Füße folgen und der Aufstieg kann beginnen. Zunächst allerdings noch sehr beschaulich. Fast merkt man gar nicht, dass es auf die Taunushöhen zugeht. Zu sehr wird der Spaziergänger auf angenehme Art von dem abgelenkt, was ihm am Wegesrand entgegenwächst und -blüht.

Sind es im Sommer unzählige Wildblumen, die Farbe in den Rabengrund bringen, so übernehmen im Herbst ihre groß gewachsenen wie hartleibigen Verwandten diese Aufgabe. Dem uralten Lauf der Jahreszeiten folgend, bringen sie den „Indian Summer“ in den Taunus.

Mit Erreichen der Adolf-Weigand-Hütte verlässt der Wanderer die Farbenpracht nach rechts, spaziert an dem Hinweis auf die Reste einer römischen Villa Rustica vorbei, genießt unter Kastanien noch einmal zur Rechten einen schönen Blick auf die Wiesenlandschaft und geht dann daran, wie ein Eichhörnchen Höhenmeter zu sammeln.

Dazu verabschiedet er sich vom Hauptweg, nimmt einen nach links abzweigenden Pfad und trottet gemächlich nach oben. Ist doch alles halb so schlimm, oder? Die Antwort gibt es an der nächsten, von großen Farnen markierten Weggabelung.

 

Energie ist gefragt

 

Zugegeben, es lässt sich schon darüber streiten, ob das, was da links den Berg steil nach oben zieht, überhaupt ein Weg ist. In den Wald gehauen wurde er, um Strommasten Halt zu geben. Mit etwas Energie und Willen jedoch kann sich der Wanderer diese Schneise heute zunutze machen, um auf steilem, aber auch kurzem Weg dem Jagdschloss entscheidend näherzukommen. Lange Rede, nur ein Sinn: Hier heißt es, Zähne zusammen beißen und aufsteigen.

700 harte Meter und eine Verschnaufpause an einer Kreuzung später ist man dafür dann auch fast am Ziel und bekommt zur Belohnung sogar wieder ein Wegzeichen. Ein gelber Balken kommt von links, hakt den Wanderer unter und zieht ihn nach rechts, einer letzten, Steigung entgegen.

An dieser Stelle begrüßen wir auch alle, die am Rabengrund dem roten Punkt die Gefolgschaft gelobt hatten. Gemeinsam werden die letzten Höhenmeter in Angriff genommen.

Auf der Platte angekommen, hat der Wanderer jedes Recht, sich etwas platt zu fühlen. Ein Spaziergang war das letzte Stück ganz sicher nicht. Jetzt ein Kaltgetränk oder ein Happen zur Stärkung - just dafür stehen in direkter Nachbarschaft des Jagdschlosses die Türen des Gasthofs offen. Hier jetzt ein wenig die Beine von sich strecken und bei Bedarf die Zeugen des Aufstiegs von der Stirn tupfen - so kommt man langsam aber sicher wieder zu Kräften. Und das Beste daran: Eigentlich braucht der Wanderer diese Kräfte gar nicht mehr.

 

Schwarzer Punkt

 

Das Jagdschloss im Rücken, zunächst noch nach rechts und dann im Zeichen des schwarzen T plan auf dem Herzogsweg dahin, wartet an der nächsten größeren Weggabelung bereits der schwarze Kollege des roten Punktes, um den Weg nach unten zu weisen.

Doch Vorsicht, jetzt nicht zu übermütig werden: Einen kleinen Hakler hat der schwarze Punkt noch in der Hinterhand, um die Konzentration seiner Verfolger zu testen. Dort, wo der Weg zielsicher in einen von rechts kommenden asphaltierten Wirtschaftsweg zu münden scheint, rollt das hinterhältige kleine Wegzeichen nach links den „Idsteiner Pfad“ hinunter.

Dieses Manöver gilt es nicht zu verpassen und danach behutsam Schritt vor Schritt zu setzen. Gerade im Herbst kann der hangabwärts führende Pfad rutschig sein. Vorbei an Grenzsteinen, die hier und da entlang des Weges den Kopf hervorstrecken, bessert sich der Weg aber dann auch wieder. Der Wanderer hat den Test bestanden und wird dafür vom schwarzen Punkt mit klaren Zielvorgaben bedacht.

Alles andere wäre auch wenig sinnvoll, hat das Wegzeichen doch mächtige Konkurrenz bekommen: Eine Waldstraße dient zur Orientierung.

Erst mit Erreichen des Wanderparkplatzes am Bahnholzer Kopf - am Eingang zum Zehn-Minuten-Weg - kann die noch einmal kurz abhanden kommen, da der schwarze Punkt die Führung abgibt und sich kein Zeichen für die Nachfolge aufdrängt.

Für die letzten Meter sollte das aber eigentlich keine Schwierigkeiten mehr. Über den Wanderparkplatz geradeaus hinweg, eine kleine Steigung hinauf und an der nächsten Weggabelung nach links, führen fast alle Wege zum abschließenden Höhepunkt der Tour: zum Grabmal einer großen Liebe.

 

Ein wahrer Fürst

 

Als solches nämlich kann man die Russisch-Orthodoxe Kirche, deren goldene Kuppel weithin über Wiesbaden glänzen, sehr wohl bezeichnen. In ihren Mauern nämlich ruht mit Elisabeth Michailowna jene Frau, deren Tod am 16. Januar 1845 Nassaus jungem Herzog Adolph das Herz brach. Gerade mal ein Jahr waren die beiden verheiratet, gerade mal 19 Jahre war sie alt, als Elisabeth im Kindbett starb. Ihr zu Ehren ließ Adolph die Kapelle auf dem Neroberg bauen. Ein wahrer Fürst und eben kein falscher Kaiser.

 

Ein „falscher“ Kaiser und ein echter Fürst

Weithin sichtbar glänzen die goldenen Kuppeln der russisch-orthodoxen Kirche. Sie künden vom tragischen Ende einer Liebe und wachen über diese Wanderung vom Wiesbadener Neroberg hinauf zur Platte.

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Vom Jagdschloss zum Hotspot

Das Jagdschloss Platte liegt am Wanderweg hoch oben über Wiesbaden. Von dort hat man eine wunderbare Aussicht auf das Rheintal. Und auch das Schloss ist mit seiner unverwechselbaren Architektur sehenswert.

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