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Wanderung ins Aartal

Die Frankfurter Neue Presse präsentiert Ihnen heute eine Wanderroute der Extraklasse: Von Bad Schwalbach aus geht es ins Aartal. Wandern Sie mit uns im Reich des Bierkönigs. 15 Kilometer umfasst diese herrliche Tour.
Was für eine Aussicht: Von Burg Hohenstein aus hat man seit Jahrhunderten alles im Blick.	Fotos: Jung (5) Was für eine Aussicht: Von Burg Hohenstein aus hat man seit Jahrhunderten alles im Blick. Fotos: Jung (5)
Aartal. 

Es war einmal eine Zeit, da Wellness noch ein Fremdwort und das Kuren ein gesunder Genuss für die oberen Zehntausend war. In dieser Zeit galt das Taunusstädtchen Langenschwalbach als eine der beliebtesten Bade-Perlen bei den Reichen und Schönen. Reformkost-Kaiserin Sisi kurierte hier ebenso ihre royalen Wehwechen wie Zarin Marie von Russland und unzählige andere, die es sich leisten konnten.
 

Bilderstrecke Wanderserie Tour 7: Bad Schwalbach - Aartal
Eine herrliche Wandertour ist die 15 Kilometer weite Strecke von Bad Schwalbach ins Aartal. Unser Autor und Fotograf Stefan Jung fing mit der Kamera einige Impressionen ein.

Kuren in dem Städtchen an der Bäderstraße war en vogue und ein Schluck vom eisenhaltigen Wasser seines Weinbrunnens damals mindestens so schick wie heute ein Gläschen Schampus in Cannes. Typisches Jet-Set-Gehabe eben - getreu dem Motto: Man trinkt, was man hat? Nein, keineswegs. Das flüssige Juwel aus der Tiefe des westlichen Taunus hat erwiesenermaßen eine für den Körper mehr als bekömmliche Wirkung. Das hatte bereits 1568 der Wormser Arzt Jakob Theodor Tabernämontanus erkannt und damit letztlich auch den steilen Aufstieg des kleinen Bauerndorfs zur Kurstadt von Weltrang eingeläutet.

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Geblieben jedoch ist von diesem Glanz vergangener Tage heute nicht mehr viel. Nicht einmal der Name. Aus Langenschwalbach wurde Bad Schwalbach und aus dem einst noblen Badeort ein angekratzter Gesundheitsstandort, der nach unzähligen Gesundheitsreformen und -reförmchen selbst eine Kur gut vertragen könnte.

Dass sich ein Besuch der kleinen Kapitale des Rheingau-Taunus-Kreises - auch ohne malade zu sein - trotzdem noch heute lohnt, dafür steht nicht nur der weitläufige Kurpark, sondern auch das Umland Bad Schwalbachs, das zu erkunden das Ziel dieser Tour ist.

Start zu dieser Wanderung ist denn auch nicht das Kurviertel, dessen Anlagen teils noch die verblassende Patina der großen Zeiten tragen, teils im Retro-Look der 1960er und 1970er daherkommen. Nein, der Ausgangspunkt liegt am Rande der Taunusstädtchens, unweit von Freibad, Sportanlage und Kreishaus, im Tal des Heimbachs. Leser, die in den vergangenen Tagen häufiger auf dieser Seite zu Gast waren, ahnen ob dieser Koordinaten vielleicht schon, wo es zunächst hingeht: nach oben. Und das scheint vom Wanderparkplatz aus betrachtet, ein starkes Stück Weg zu sein, so wie sich der Felsen da vor einem aufbaut.

 

Der Taunus blufft

 

Hat der Wanderer aber erst mal den Bergpfad nach links betreten, wird er schnell merken, dass der Taunus an dieser Stelle etwas blufft. Natürlich geht es hinauf, windet sich der Weg nach oben - aber das Ganze ist doch durchaus ein vertretbarer Kompromiss zwischen Ansteigen und Durchschnaufen. Den Schutz der Bäume verlassend, ändert sich daran nichts, sieht man einmal von der Aussicht ab. Die nämlich streicht jetzt zur Rechten über Getreidefelder, während der Hang zur Linken hin von dichtem Buschwerk „aufgefangen“ wird. Nach wie vor ohne Wanderzeichen, aber auch nach wie vor problemlos geht es an den Maschinenhallen eines Aussiedlerhofs vorbei und auf einen asphaltierten Wirtschaftsweg zu, der den ersten Kurswechsel ankündigt.

Ein mehr als nobles Sommerhäuschen: Die Villa Lilly war einst der Sitz der Familie Annheueser-Busch. Bild-Zoom
Ein mehr als nobles Sommerhäuschen: Die Villa Lilly war einst der Sitz der Familie Annheueser-Busch.

An der Weggabel nach rechts und auf dem Asphalt noch einmal ein Stück bergauf, kann der Spaziergänger mit jedem Schritt, den er weiter nach oben kommt auch weiter in die Ferne sehen. Bis hinüber zum Sendemast auf der Hohen Wurzel geht der Blick. Hinter der fast 620 Meter hohen Erhebung liegt dann schon Wiesbaden und der Stadtteil Kastel, dessen Bewohner nach wie vor stolz das Wörtchen „Mainz“ vor ihren Heimatort schieben, um zu unterstreichen, wem sie sich wirklich verbunden fühlen. Was das mit der heutigen Tour zu tun hat? Eine ganze Menge.

Der Weg nämlich, der am Ende der Steigung nach links eingeschlagen wird, ist einem prominenten Kasteler gewidmet. Sein Name: Adolphus Busch. Sagt Ihnen nichts? Sagt der Name seiner Gemahlin, Lilly Anheuser, vielleicht mehr? Auch nicht - wie wäre dann es mit der Kombination „Anheuser-Busch“? Spätestens jetzt sollte es zumindest bei Freunden gekühlten Gerstensaftes klingeln oder gläsern klirren.

 

„Villa Lilly“

 

Genau, Adolphus Busch ist der Gründer jenes US-amerikanischen Bier-Imperiums, das über mehr als ein Jahrhundert hinweg fast im Alleingang die Humpen auf der anderen Seite des großen Teichs füllte. Ein Riese aus Hopfen und Malz, der nach seiner Milliarden schweren Übernahme durch die belgische InBev-Gruppe heute sogar weltweit die Nummer eins an Zapfhahn und Abfüllanlage ist. So viel zur Gegenwart.

An dieser Stelle - mit Blick auf den Bad Schwalbacher Stadtteil Lindschied - interessiert aber dann doch mehr die Vergangenheit. Was verband den legendären Brauereibesitzer mit diesem kleinen Dorf? Während wir an feinsten Immobilien aus früheren Tagen vorbeiflanieren, drehen wir deshalb das Rad der Geschichte um über 150 Jahre und diese Zeitung um eine Seite zurück, und landen just: im Reich des Bierkönigs.

Hier, in seiner „Villa Lilly“, nämlich hielt Adolphus Busch in jedem Sommer Hof. Hier empfing er sogar den späteren US-Präsidenten Theodore Roosevelt. An diesen Glamour erinnert nach dem Tod des Getränke-Tycoons - er starb am 10. Oktober 1913 in seiner noblen „Taunus-Datscha“ - allerdings nur wenig.

Da gibt es einige Exponate im kleinen Bad Schwalbacher Kurmuseum, eine weitere Ausstellung mit Busch-Devotionalien in der Kasteler Reduit und die steinernen Seeadler mit dem Sternenbanner auf der Brust, die noch immer am Tor zur Villa Wache halten. Ansonsten aber ist es ruhig geworden um das Anwesen, was den heutigen Bewohner sehr entgegenkommen dürfte. Seit 1987 nämlich dient die Villa als Therapiedorf für Menschen mit Suchtproblemen.

 

Gang höher

 

Nach diesem Ausflug in die Geschichte gilt es für den Wanderer, jetzt wieder einen Gang höher zu schalten. Schließlich wartet da noch einiges an Weg darauf, begangen zu werden.

Eine größere und damit verwirrende Zahl an Pfaden und Kreuzungen taucht auf den folgenden Kilometern zum Glück nicht auf. Und wenn es dann doch mal etwas schwieriger werden sollte, weiß der Wanderer noch einen Verbündeten auf seiner Seite. Eine rote Raute nämlich hat sich seiner angenommen und begleitet ihn von der Villa Lilly aus bis zum nächsten Etappenziel: Burg Hohenstein. Dazu geht es vom Adolphus-Busch-Weg am ersten Abzweig nach rechts, dann gleich wieder nach links in den Wald hinein und dann immer der Nase und der Raute nach.

Wer dieser Vorgabe folgt, spaziert entspannt auf perfekten Wegen, passiert eine Weide mit Aussicht, steigt noch einmal kurz an, überquert geradewegs eine große Kreuzung und macht sich dann bereit für den „Landeanflug“ auf Burg Hohenstein. Hat man den Wald erst einmal verlassen, geht es auf asphaltiertem Wirtschaftsweg an Feldern und Wiesen vorbei und in einem kleinen Bogen von oben kommend in den Ort hinein. Der ist aus topographischen Gründen zwar in ein Ober- und ein Unterdorf geteilt. Wenn es allerdings um den Stolz auf ihre Burg geht, machen die Hohensteiner keinen Unterschied zwischen Berg und Tal. Schließlich ist das auch als Ruine noch machtvolle Gemäuer das monumentale Aushängeschild des Ortes, ja des ganzen Aartals.

Verlosung: Mit der Bahn ins Moor und zurück

Seit 1926 tuckert in Bad Schwalbach eine kleine Bahn zwischen den Moorgruben und dem Kurbad hin und her. Schaffte sie früher heilsame Erde für diverse Anwendungen herbei, so befördert sie heute Ausflügler. Zwei Familien aus den Reihen der TZ-Leser können mit etwas Losglück kostenfrei mitfahren.

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Burg als Bühne

 

1190 von den Grafen von Katzenelnbogen erbaut, bot die Feste über mehrere hundert Jahre jener Handelsroute Schutz, die sich durch das Tal der Aar nach Limburg zog. Wer heute durch die Anlage spaziert und von hoch oben seinen Blick schweifen lässt, bekommt noch immer einen guten Eindruck vom strategischen Nutzen der Burg.

Zwar hat Letzterer heute seine Bedeutung verloren, dafür jedoch wurden für Burg Hohenstein neue, friedliche Verwendungsmöglichkeiten gefunden: Sie ist Standesamt, Ausflugslokal, Event-Location, Hotel und sogar Bühne. Seit vielen Jahren schon ziehen die Akteure der im nahen Bad Schwalbach beheimateten Taunusbühne des Sommers zur Burg hinauf, um diese in ein Freilicht-Theater für zu verwandeln.

Ein echtes Drama liefert in der Folge leider auch der FNP-Scout ab. Denn der tappt nach dem Abschied von der Burg wie ein blutiger Anfänger am Ortsrand des Oberdorfs herum, um einen Weg durch den angrenzenden Wald zu finden, der den Abstieg ins Tal ermöglicht. Sehr wahrscheinlich gibt es den. Schließlich zeigt der virtuelle Helfer im Mobil-Telefon solche Pfade an. Allein, bei näherer Betrachtung versperren Bäume oder Hecken die vermeintlichen Optionen.

 

Bittere Schmach

 

Was folgt, wird so zum dunkelgrünen Fleck auf der olivefarbenen Softshell-Jacke des Scouts. Er stellt die Suche ein und verweist den Wanderer auf den Straßenrand der Kreisstraße 682, die das Hohensteiner Oberdorf mit dem Aartal verbindet. Eine bittere Schmach, die nur dadurch ein wenig gelindert wird, dass es sich bei diesem Verkehrsweg nicht um einen vielbefahrenen Autobahnzubringer, sondern um die asphaltierte Anbindung an einen einzigen Ort handelt. Das reduziert die Zahl der Autos, die dem Wanderer auf seinem Weg zu Tal begegnen, doch auf ein Mindestmaß. Der größte Trost aber ist, dass nach etwa 700 Metern dieser wenig erfreuliche Teil der Strecke, ja der ganzen Wanderserie, dann auch überstanden und die Aar erreicht ist.
 

In Kur mitten in der Natur

Die Reichen und die Schönen kurten einst in Bad Schwalbach. Es waren goldene Zeiten. Dieser Glanz ist zwar heute verblasst. Heilsames Wasser und erholsames Grün sind aber nach wie vor reichlich vorhanden und können auf dieser Tour an der Aar ausgekostet werden.

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Von der wird der Wanderer nicht nur plätschernd in Empfang genommen, sondern zur Belohnung auch gleich nach rechts auf einen Wanderparkplatz und weiter nach links auf einen garantiert autofreien Waldweg gelenkt.

 

Was folgt, ist Natur pur und Idylle satt - einzig, aber empfindlich gestört durch so manchen Gashebel-Pistolero, der gerade am Wochenende meint, mit seinem Motorrad mal so richtig schön über die Aarstraße „knallen“ zu müssen. Der Wanderer bleibt doch da lieber beim angenehm gedämpften Gehen am Ufer der Aar entlang. Es geht zurück in Richtung Bad Schwalbach und dafür müssen sich auch konservative Gemüter vorerst dazu durchringen, regelmäßig - sprich an den Weggabelungen - links zu wählen. Wer sich daran hält, kommt gut, aber nicht zwingend trockenen Fußes voran. Hangwasser, das den Pfad aufweicht, erinnert daran, dass gute und vor allem wasserdichte Schuhe an jedes Wanderers Fuß gehören.

Für das Terrain, das allerdings am Ende dieses Weges wartet, gibt es bislang in keinem Outdoor-Geschäft der Welt ein perfekt passendes Schuhwerk zu kaufen: Es geht nämlich auf Bahngleisen voran. Wer nach der Passage auf der K 682 ob dieser Ansage endgültig am Geisteszustand des FNP-Scouts zweifelt, darf beruhigt sein. Den letzten Zug haben diese Gleise vor vier Jahren gesehen.

So lange schon verkehren nicht einmal mehr die Sonderzüge der Nassauischen-Touristik-Bahn auf der Strecke der alten Aartalbahn, die einst Wiesbaden mit dem Untertaunus verband. Einerseits schade, andererseits gibt es dem Wanderer das sichere Gefühl, dass er auf den rund 200 Metern, die er von der Aar weg nach rechts und über die Gleise spaziert keinen Zug bekommt.
 

Adolphus Busch, der US-Bierkönig mit Kasteler Wurzeln, an seinem Schreibtisch.	Foto: Anheuser Busch
Im Reich des Bierkönigs

Wir schreiben das Jahr 1857. Es ist das Jahr, in dem ein junger Mann auszieht, sein Glück in der Neuen Welt zu machen. Und im Unterschied zu vielen anderen Auswanderern wird er es auch machen.

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Dort, wo die Schienentrasse einen asphaltierten Wirtschaftsweg kreuzt, ist dann auch schon wieder Endstation. Also alles aussteigen und dann nach links an einem Fischweiher vorbei, wo mit einem Mal wieder ein Wanderzeichen auftaucht - und was für eins: Zwei geschwungene Linie, eine in blau für die Aar und eine in grün für den Pfad markieren den fast 60 Kilometer langen Aar-Höhenweg, den die auf dem Logo mit roten Punkten gekennzeichneten Anrainerstädte von Taunusstein bis Diez 2003 aus der Taufe gehoben haben.

 

Justinus war hier

 

Auch wenn wir die Dienste der Wegeverbindung, die schon die alten Römer hier vor 1800 Jahren nutzten, nur für einen vergleichsweise kurzen Abschnitt in Anspruch nehmen, bekommt man doch einen ganz guten Eindruck von den Reizen der mal mehr, mal weniger auf und ab führenden Strecke.

Die Reize, die ein Klärwerk links am Wegesrand aussendet, sind damit aber natürlich nicht gemeint. Also schnell vorbei und dann stetig wie spürbar weiter hinauf, um nach gut einem Kilometer vom Zeichen des Aar-Höhenwegs vor die Gretchen-, pardon die Justinusfrage gestellt zu werden: Soll der Wanderer den Aufstieg an dieser Stelle kurz abbrechen, sich nach links vorsichtig einen Hang „heruntertasten“, um sich das antike Graffito eines römischen Grenzsoldaten auf einem Felsen anzuschauen? Kann man machen, muss man aber nicht - vor allem dann nicht, wenn man nicht mehr so ganz fit auf den Beinen ist.

Spätestens an der noch etwas weiter oben gelegenen „Alten Schanze“ treffen die Fans des Justinus und die treue Gefolgschaft des Aar-Höhenwegs dann auch wieder zusammen, genießen gemeinsam noch kurz die Aussicht auf Adolfseck, um im Anschluss genau dort hinzugehen. An den folgenden Weggabelungen und Kreuzungen immer brav nach links und dem bekannten Wegzeichen hinterher, ist der Wanderer auf dem rechten Weg, spaziert ins Tal, unter einer alten Bahnbrücke hindurch und in den kleinsten Bad Schwalbacher Stadtteil hinein.

Der allerdings hat es ob seiner günstigen Lage am Eingang zum Aartal es in seiner Geschichte immerhin zu einem römischen Kastell, einer mittelalterlichen Burg und einem Wappen mit grimmigem Löwen gebracht. Allein, zu sehen ist davon - sieht man vom omnipräsenten Emblem und einigen kümmerlichen Resten der Festung ab - heute nichts mehr. Der Besucher macht denn auch keinen Fehler, wenn er sich vom Aar-Höhenweg verabschiedet, an der Aar entlang den Ort in Richtung Bad Schwalbach verlässt und rechts an einer Fußgängerampel den letzten großen Anstieg in Angriff nimmt. An einer abschließenden Weggabelung nach links, ist die Ortsrandlage der Kreisstadt und mit ihr der Adolfsecker Weg erreicht, der den Wanderer etwas einfallslos, aber dafür zielsicher wieder ans Heimbachtal und damit an den Ausgangspunkt zurückführt. Geschafft - was möglicherweise auch die treffende Umschreibung für das eigene Befinden ist.

Lust auf weitere tolle Wandertouren in der Region? Hier geht es zu unserer Wanderserie

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