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Wo die Wetterau Kante zeigt

Eingefasst von Feldern und den Ausläufern des Taunus, kommt die Fachwerkperle Butzbach von oben betrachtet besonders gut zur Geltung. Die beste Gelegenheit dazu bietet sich vom Hausberg, einem der Höhepunkte auf dieser Tour am felsigen Rand der Wetterau entlang.
Schnürt seine Wanderstiefel: Stefan Jung. Foto: elle
Flach und fruchtbar wer die Reize der Wetterau auf diese etwas platten Attribute zusammenstreicht, tut ihr Unrecht. Der Obstkorb von Rhein-Main hat durchaus seine Ecken und Kanten. Sei es zu den Ausläufern von Vogelsberg und Spessart hin oder aber auch in Richtung des Taunus, an dessen Ausläufern mit Butzbach eine echte Fachwerkperle darauf wartet, entdeckt und bewundert zu werden.



Auf dieser Tour allerdings steht das Entdecken und Erkunden der schmucken Altstadt erst am Ende des Weges. Der Wanderer muss sich also ein wenig gedulden, was ihm jedoch nicht allzu schwer fallen dürfte. Immerhin wird er zuvor ausgiebig von Mutter Natur und Stammvater Taunus verwöhnt und auch ein wenig gepiesackt. Anders lässt sich das kaum beschreiben, was da gleich zu Beginn unter die Füße kommt.
 
Vom Butzbacher Bahnhof aus, die Unterführung nutzend und so auf die andere Seite der Gleise wechselnd, geht es zunächst noch ganz gemächlich nach rechts durch ein Wohngebiet, bevor sich mit Erreichen der Kleeberger Straße ein Aufstieg von beträchtlichem Ausmaß in den Weg legt.
 
Ein Ende ist von hier aus nicht in Sicht, was für die Motivation nicht gerade förderlich ist. Durchbeißen ist angesagt.
 
Also nach links und dann auf dem Bürgersteig mit schweren Schritten hinauf zum Schrenzerberg. Das kostet Kraft, bietet aber auch Gelegenheit, mal darüber nachzudenken, was man über Butzbach bereits weiß. Allzu viel ist es bislang noch nicht zugegeben.
 
2007 fand hier der Hessentag statt, ja daran sind die Erinnerungen noch am frischsten. Auch dass Butzbach eine alte Garnisonsstadt ist, in der nach dem Zweiten Weltkrieg lange Jahre die US-Army stationiert war, ist irgendwie noch hinterlegt. Und dann ist da natürlich noch, genau: die Justizvollzugsanstalt.
 
Nicht, dass die JVA Butzbach ein touristisches Highlight wäre, verschweigen muss man ihr Vorhandensein aber auch nicht. Zumal der Anstieg direkt an ihren Mauern vorbeiführt. Sind die passiert, ist es dann auch bald geschafft. Endlich oben und auf Höhe des Butzbacher Freibads angekommen, empfiehlt sich ein kurzer Abstecher nach rechts und in Richtung des Bades.
 
Zwar fehlt die Zeit, die Badehose auszupacken. Der Wanderer hat aber zumindest kurz Gelegenheit, die Waden zu lockern und zudem noch etwas mehr über die Stadt zu lernen. Von wegen nur Hessentag und JVA die Stadt an der A 5 hat deutlich mehr zu bieten, zum Beispiel Friedrich Ludwig Weidig.
 
Der Mann war zu Lebzeiten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert so etwas wie der hessische Turnvater Jahn. In direkter Nachbarschaft zum heutigen Schrenzer-Bad hatte er die erste Turnwiese in hessischen Landen angelegt. Wie viele andere Vorkämpfer der Turnbewegung verband auch Weidig mit seinem Einsatz das politische Bemühen in den 1830er-Jahren, die bürgerlichen Kräfte zu stärken.
 
Turner und Römer
 
Dass der Schrenzer wie auch das, was heute Butzbach ist, einmal Teil des römischen Imperiums waren, daran erinnert die Rekonstruktion eines Limesturms samt Palisadenwand am Waldrand. Die Nachbildungen unterstreichen die große Bedeutung, die die Wetterau einst für die Römer hatte. Sie war die Kornkammer, aus der sich das Limes-Hinterland versorgte. Wer darüber mehr erfahren möchte, für den hält Butzbach im Stadtmuseum eine eigene Römische Abteilung parat. Vielleicht ja noch eine interessante Adresse nach Abschluss des Ausflugs.
 
Für den Moment allerdings steht erst einmal wieder die Rückkehr aus der Vergangenheit an. Zurück am Abzweig zum Schrenzer-Bad geht es nach links in den Wald hinein und dort auf der Spur des schwarzen Punktes weiter. Das Wegzeichen geleitet den Wanderer durch dichten Eichen- und Buchenwald weiter bergan das allerdings doch in deutlich homöopathischeren Dosen als zu Beginn der Tour.
 
Wo man sonst manchmal schon froh ist, einen gangbaren Pfad unter die Füße zu bekommen, hat der Spaziergänger in der Folge die Wahl zwischen gleich zwei Wegen. Der eine geschottert, der andere eher naturbelassen laufen die beiden parallel zueinander in Richtung des nächsten Etappenzieles: das Forsthaus Butzbach wartet. Die Waldgaststätte direkt an der L 3053 ist beliebt bei den Ausflüglern und auf jeden Fall einen Einkehrschwung wert. Und das umso mehr, als das Forsthaus auf dieser Tour das einzige Lokal am Wegesrand ist.
 
Hat man das Gasthaus wieder verlassen oder sofort passiert ganz nach gusto , geht es über die Landesstraße hinüber und wieder hinein in den Wald, wo sich bereits ein schwarzes Dreieck und das Konterfei des Schinderhannes darum streiten, wer denn jetzt die Führung auf dem Weg zum Hausbergturm übernehmen darf.
 
Weisen sie zunächst noch gemeinsam auf perfekt ausgebautem Weg eine Steigung hinauf, so macht die nächste größere Weggabel eine Entscheidung erforderlich: Dem Schinderhannes weiter auf dem blitzsauberen Pfad nach oben und einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, oder dem Dreieck nach links folgen und von einer Abkürzung profitieren?
 
Die Antwort auf die Frage sollte der Wanderer von der jeweiligen Witterung abhängig machen. Die Abkürzung nämlich lockt ihn auf eine Unterlage, die gerade im Frühjahr zur schwammigen Herausforderung werden kann. Haben Waldfahrzeuge mit grobem Profil erst einmal den weichen Belag auf links gedreht, sollte man sich eher mit dem Schinderhannes davonstehlen. Egal ob Abkürzung oder einen Bogen keinen Kilometer später treffen beide Wege auf einer Anhöhe wieder zusammen.
 
Hier am Wegkreuz an der Schlinke ist die Richtung dann wieder klar. Nach rechts zunächst noch ein Stück bergauf ist der Hausbergturm gut ausgeschildert, haben sich auch Schinderhannes und schwarzes Dreieck wieder zusammengerauft.
 
Ganz harmonisch weisen sie, kaum dass man eine Kuppe überwunden hat, zu Tal und an einen Ort heran, der auf seine ganz eigene, sehr reduzierte und doch nette Art den Besucher empfängt. Ein paar Häuser, große Gärten und drei Buchstaben das ist Oes. Der kleine Weiler mitten im Grünen, der erst zum Butzbacher Stadtteil wird, wenn er mit den Nachbarn in Hausen in einem Atemzug genannt wird, ist irgendwie merkwürdig und heimelig zugleich.
 
Klein, aber Oes
 
Am Ortsrand oder ist das jetzt das Zentrum? entlang stößt der Spaziergänger an der nächsten Kreuzung auf Wanderzeichen, die in ihrer Masse sogar die Zahl der Hausnummern in Oes übersteigen könnten. Die Orientierung fällt dennoch nicht schwer.
 
Zwar verabschiedet sich das schwarze Dreieck, dafür jedoch bleibt der Schinderhannes in der Spur und vergrößert seine Bande auf dem Weg zum Gipfel des Hausbergs noch um die mit Andreaskreuz und schwarzem T gekennzeichneten europäischen Fernwanderwege.
 
Denen auf der Spur geht es geradeaus über einen Wanderparkplatz hinweg und dann immer weiter hinauf. Zunächst noch unmerklich, dann Schritt für Schritt immer deutlicher zu erkennen, betritt der Wanderer das Reich der Kelten.
 
Das mythische Völkchen, vor 2500 Jahren in weiten Teilen Europas beheimatet, hatte sich auch auf dem Hausberg häuslich eingerichtet. Rund um und auf dem Gipfel hatten die noch immer rätselhaften Indogermanen, denen die Modewelt das Karo-Muster verdankt, eine Ringwallanlage aufgeschichtet, von der aus sie die fruchtbaren Ackergründe der Wetterau bestens im Blick und unter Kontrolle hatten.
 
Wer diese Kelten waren und was sie um 400 vor Christus hier oben taten die bislang spärlichen Informationen dazu fassen die Schau-Tafeln eines Lehrpfades zusammen, an denen der Wanderer auf seinem Weg zum Gipfel immer wieder vorbeikommt. Oben auf 486 Metern angelangt fühlt man sich auf einmal ganz klein so mächtig ragt der aus Holz und Stahl zusammengefügte Hausbergturm in die Höhe. 2008 eingeweiht, ist der Aussichtspunkt das ansehnliche Ergebnis ehrenamtlichen Engagements. Ein eigens gegründeter Förderverein hatte den Neubau des Turms ermöglicht.
 
Ein Aufstieg zur Plattform und der Blick über die Landschaft sollten zum Pflichtprogramm gehören, bevor der Wanderer das Plateau wieder verlässt und den Abstieg einleitet. An der Schutzhütte und den Info-Tafeln rechts vorbei windet sich der Pfad um den Gipfel herum und auf einen breit ausgebauten Weg, der zunächst nach rechts und zu Tal führt in diesem Fall allerdings nur ein kurzes Stück.
 
Schon am ersten sich links auftuenden Abzweig heißt es abbiegen und Kurs nehmen auf den Kleinen Hausberg. Zwar mangelt es hier zunächst an Wanderzeichen. Dieser Missstand jedoch ist schon bald behoben. Von rechts kommend kreuzt der Pfad des schwarzen Rechtecks, zieht den Spaziergänger mit sich nach links und bleibt bis nach Butzbach jetzt an dessen Seite.
 
Auf schönem Weg am Hang entlang und an einer Weggabel im 90-Grad-Winkel nach rechts, wird es wenige hundert Meter weiter unten in Sachen Orientierung kurzzeitig etwas kniffliger. An einer Kreuzung in direkter Nachbarschaft einer größeren Schonung bieten sich drei Wege an. Davon ausgehend, dass die Wahrheit immer in der Mitte liegt, ist der mittlere, wenn auch etwas unscheinbarere Pfad das einzig Wahre. Das unterstreicht das schwarze Rechteck, das sich in der Folge bald wieder blicken lässt.
 
Im Schatten des Kleinen Hausbergs geht es jetzt voran, an den Resten eines stillgelegten Schieferbruchs vorbei und dann nach rechts immer weiter zu Tal. Dass man dabei den richtigen Kurs gesetzt hat, bezeugt der schwarze Turm des Limeswanderweges. Von rechts hinzustoßend unterstützt er das schwarze Rechteck zunächst dabei, den Weg in Richtung Hausen zu weisen. Kurz vor Erreichen des Ortes trennen sich die Wege jedoch wieder.
 
Während der Limesweg quer durch den Ort will, zieht das schwarze Rechteck die naturnahe Variante des Vorankommens vor. An einer Gartenlaube weist das Zeichen nach rechts weg und an Feldern und Wiesen vorbei in Richtung der Landesstraße 3056. Die allerdings liegt noch in weiter Ferne.
 
Zunächst einmal muss sich der Wanderer mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Unterlage naturnah eben anfreunden. Alles wirkt ein bisschen unaufgeräumt auf dem schmalen Pfad, der rechts vom Wald und links von einem Bachlauf begrenzt wird.
 
Ist Letzterer zunächst nicht viel mehr als ein Rinnsal, bekommt er entlang des Weges noch Zufluss und wächst sich so mit neuerlichem Eintritt in den Wald zu einem ansehnlichen Gewässer aus, das es nicht nur versteht, Teiche zu füllen, sondern auch die Uferbereiche merklich feucht hält.
 
Davon zeugen Sumpfdotterblumen und dichtes Grün am Wegesrand. Während man so ganz bequem durch den Wald spaziert, kommt rechter Hand der Waldhof in Sicht, auf dessen Weiden sich imposante Hornviecher dem ganz entspannten Wiederkäuen hingeben.
 
Die habens gut! Wer sich jetzt selbst doch langsam nach dem Ziel sehnt, dem sei versichert: Es ist bald geschafft. Zwar stehen wohl noch etwa 2,5 Kilometer bis zum Bahnhof Butzbach aus die allerdings sind spätestens mit Erreichen der L3056 schnell und bequem abgespult.
 
Abstecher in die Altstadt
 
Am Bahnhof von Butzbach angekommen, sollte auf jeden Fall noch Zeit sein, der Altstadt einen Besuch abzustatten. Vielleicht zur Stärkung erst noch einen Einkehrschwung nehmen sollte man im Anschluss daran doch erholt für einen abschließenden Spaziergang durch die Gassen der Fachwerkperle sein. Ein Muss ist dabei sicherlich das Bummeln über den Marktplatz und vorbei am alten Rathaus der Stadt. Ein im 16. Jahrhundert erbauter Traum aus Holz und Farbe, der im Ensemble mit den benachbarten Bauten noch heute an die große Geschichte Butzbachs erinnert.
 
Das gilt übrigens auch für den Teil der Wetterau-Kommune, in der die Stadtverwaltung heute untergebracht ist oder sollte man besser sagen residiert? Immerhin sitzen Bürgermeister und Magistrat heute im Landgräflichen Schloss. Ein repräsentatives Stück Baugeschichte des 17. Jahrhunderts, das einst Philipp von Hessen-Butzbach errichten ließ und in dem der belesene Fürst mit dem Astronomen des Kaisers, Johannes Kepler, trefflich über Astronomie fachsimpelte.
 
Nachdem die Landgrafschaft mit dem Tode Philipps schon wieder an Hessen Darmstadt gefallen war, sank das blaublütige Interesse am Schloss. Das Militär zog im 19. Jahrhundert ins Schloss ein, der Fürstensitz wurde als Kaserne genutzt bis 1991 zuletzt von der US-Army.
 
So wie die sich aus Butzbach verabschiedete, muss auch der Wanderer dem Schmuckstück am Rande der Wetterau Lebewohl zu sagen um einiges Wissen um Butzbach und den Eindruck eines schönen Ausflugs zum Hausberg reicher.

Streckinfos:

Schwierigkeit: mittel
Strecke: 15,8 Kilometer
Dauer: 3,49 Stunden:
Aufstieg: 333 Meter
Abstieg: 334 Meter
Höchster Punkt: 464 Meter
Tiefster Punkt: 201 Meter

Start- und Zielpunkt der Tour:
Bahnof Butzbach
Wegbeschreibung
Gut ausgebaute, weitgehend leicht zu begehende Wanderstrecke zwischen Feldern und Wäldern allerdings mit zwei knackigen Steigungen versehen. Deshalb wird der Tour ein mittlerer Schwierigkeitsgrad attestiert.
Ausrüstung
Rucksack, leichter Proviant, gute Wanderschuhe. Einkehrmöglichkeit: Forsthaus.
Anfahrt
Mit dem Auto: Über die Autobahn 5 bis zur Abfahrt Butzbach. Oder von Westen her quer durch den Taunus, über Weilmünster und Grävenwiesbach.
Parken
Parken im Umfeld des Bahnhofs.
Öffentliche Verkehrsmittel
Von Frankfurt aus mit dem Regional-Express oder der Regionalbahn. Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/tourenplaner/
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