Kommentar: Jan Ullrich - Steiler Aufstieg, sanfter Fall

Harald JoistenJan Ullrich war nie ein Mann großer Worte. Interviews mochte er schon in jungen Jahren nicht. Weltruhm brachten ihm seine Beine ein. Nie zuvor hatte Deutschland einen vergleichbaren Radsport-Boom erlebt, als der Rotschopf im Jahr 1997 die Tour de France gewann. Weltweit trugen Hobby-Fahrer das magentafarbene Trikot seines damaligen Teams Telekom, Ullrich stieg zum Volkshelden auf. Er stand auf einer Stufe mit Boris Becker und Michael Schumacher.

Gestern nun ging das Denkmal des vermeintlich größten deutschen Radsportlers aller Zeiten endgültig zu Bruch. Das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs CAS, Ullrich wegen Blutdopings schuldig zu sprechen, ist überfällig und kommt viele Jahre zu spät. Schon Ende der 90er wurde Ullrich immer wieder mit entsprechenden Anschuldigungen konfrontiert. Und eigentlich hatte er schon damals indirekt zugegeben, verbotene Mittel zu verwenden. Der gebürtige Rostocker sagte nie explizit: Ich habe nicht gedopt. Er antwortete: Ich habe keinen betrogen. Das mag im Umkehrschluss geheißen haben: Ich dope, die Konkurrenz aber auch.

Hoffentlich spricht das Jahrhundert-Talent – ja, das war er wirklich – zumindest in den nächsten Tagen Klartext. Das würde ihm wenigstens ersparen, auf ewig als Lügner dazustehen. Dass Ullrich nicht schon früher auspackte, ist aus seiner Sicht verständlich. Er hätte viel mehr Geld verloren. Zahlreiche Sponsorenverträge wären gekündigt worden, eine Regress-Lawine wäre ins Rollen gekommen. Inzwischen sind die entscheidenden Fälle wohl alle verjährt. Seine größten Erfolge liegen mindestens zehn Jahre zurück. Der Tour-Sieg 1997, der Olympiasieg im Straßenrennen 2000, die WM-Titel im Zeitfahren 1999 und 2001. Alle darf er behalten.

Das zu milde und späte Urteil – fünf Jahre nach Ullrichs Rücktritt vom Profisport und fast sechs Jahre nach dem Auftreten des Doping-Skandals – hat daher keine abschreckende Signalwirkung. Es legt vielmehr die Vermutung nahe, dass mancher Sportverband und gesetzliche Vertreter erstaunlich zögerlich agiert, wenn ein Sportstar am Pranger steht. Bei den meisten Fans wird es auch keinen Erdrutsch auslösen. Sie werden sich von Ullrich kaum betrogen fühlen. Nur die wenigsten geben sich der Illusion hin, der Radsport sei sauber. Das ist das Traurige an dieser schönen Sportart.

Ullrich kann das gestrige CAS-Urteil also verschmerzen. Der 38-Jährige ist einigermaßen sanft gefallen. Er ist zwar bis August 2013 für alle Aktivitäten im Profiradsport gesperrt. Mittelfristig wollte er sich dort jedoch ohnehin nicht engagieren. Und die große Radsport-Familie wird ihm auch künftig wieder einen lukrativen Job bieten. Vielleicht wird Ullrich in einigen Jahren auch ein Buch über seine Lebensgeschichte schreiben. Es dürfte sich gut verkaufen. Bericht Seite 12

harald.joisten@fnp.de

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