Die Titelseite der Neu-Isenburger Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Droge gegen die moderne Welt
Der kanadische Autor fängt in seinem jüngsten Roman wieder von vorn an: Eine Superdroge soll alle Probleme lösen. Doch die Zukunft gehört fünf Leuten.
Er lebt im beschaulichen Vancouver, da, wo mehr Menschen die Grünen wählen als irgendwo sonst in Kanada, und sein Auto ist so alt wie sein letzter großer Erfolg. 1991 war das. Da traf der Kulturpessimist Douglas Coupland den Nerv der Zeit und beschrieb eine Generation, die vom Konsum angeödet eine neue Verweigerungshaltung entwickelt: die «Generation X».
2010, in seinem neuen Roman «Generation A», löst eine Superdroge, Solon, die Probleme, die der Vorgängergeneration noch so zu schaffen machte. Sie macht die Menschen ruhig, gibt ihnen das Gefühl, die Zeit vergehe schneller, und nimmt ihnen die Angst vor der Einsamkeit. Kurz, sie wirkt gegen die verfluchte morderne Welt.
Aber was passiert? Die Menschen sind mit sich selbst und mit ihrer Droge glücklich. Doch Ehen werden geschieden, die Kriminalität nimmt zu, das Gemeinwesen verkümmert. Vor allem aber: Die Bienen verschwinden. Das Ökosystem gerät aus dem Gleichgewicht.
Plötzlich stechen sie zu
Bis fünf Menschen, verstreut über den ganzen Planeten, plötzlich gestochen werden. «Warum gerade sie? Warum haben die Bienen gerade diese Menschen ausgewählt?» fragen sich die Wissenschaftler, stellen die fünf unter Quarantäne und versuchen, dem Geheimnis mit Experimenten beizukommen. Blutabnahmen, Psycho-Tests: «Wenn Sie aufgefordert würden, das Innere Ihres Kopfes neu anzustreichen, welche Farbe würden Sie wählen?» Oder: «Ich habe gerade all Ihre Kindheitserinnerungen gestohlen. Kränkt Sie das?»
Was die fünf tatsächlich gemeinsam haben, wird dem Leser schnell klar. Sie alle sind Repräsentanten ihrer Zeit, sind betont heutig. Harj, der Inder, den alle nur Apu rufen, arbeitet in einem Callcenter und verkauft nebenher über das Internet Umgebungsgeräusche aus den Wohnungen von Berühmtheiten: die Stille aus der Küche von Mick Jagger oder Garth Brooks. Der Franzose Julien verbringt seine Zeit mit Rollenspielen im Internet. Die Neuseeländerin Samantha leitet ein Fitnessstudio. Der US-Amerikaner Zack ist ein Farmer und wird gestochen, während er nackt auf seinem Mähdrescher über die Felder tuckert und einen riesigen Penis in den Mais mäht. Sein Onkel Jay bekam mal vier Wochen auf Bewährung, weil er in Sea World versucht hat, Pennystücke in die Atemlöcher der Delphine zu werfen. Aber «mittlerweile hat er zu Gott gefunden und ist nicht mehr so lustig.»
Schnoddriger Tonfall
Und dann ist da noch Diana, die kanadische Christin, die den Partner fürs Leben im Internet sucht und am Tourette-Syndrom leidet. Leider verliebt sie sich in den Priester Eric. Und bei dem kommen ihre Annäherungsversuche nicht gut an.
Ihnen allen gemein ist auch der übellaunig-schnoddrige Coupland-Tonfall, die Überzeugung, dass früher mal alles besser war: «Die Blätter fallen heutzutage nicht mehr einfach von den Bäumen, oder? Die hocken eher so auf dem Ast und begehen willkürlich irgendwann vor Januar Selbstmord. Jahreszeiten sind passé. Nur Trottel glauben noch an Jahreszeiten», sagt Zack.
Währenddessen werden die fünf unter Laborbedingungen zusammengebracht und dazu aufgefordert, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Man suche nach Gemeinsamkeiten und hoffe, sie träten zu Tage, wenn die Stich-Opfer einfach frei assoziierten, erklärt der Wissenschaftler. Ab hier wird der Roman zur Kurzgeschichtensammlung. In den Erzählungen geht es um eine seltsame Krankheit, die Logo-Dysphorie, also die Unfähigkeit, Firmen-Logos zu erkennen. Oder es geht um Außerirdische, die den Menschen wegen seines Fleisches gezüchtet und die menschliche Evolution manipuliert haben. Der Buchdruck etwa geht auf ihre Kappe, weil gebildete Menschen einfach besser schmecken.
«Könnten Sie außerdem dafür sorgen, dass die Menschen mehr Nikotin aufnehmen?» fragt der eine Außerirdische den anderen. «Meine Frau liebt diese spezielle Geschmacksnote, sie ist es aber leid, sie ständig marinieren zu müssen. Aber hören Sie verflixt noch mal auf, so viele Menschen in der Nähe des Bermudadreiecks zu ernten. Die werden langsam misstrauisch.»
Den Geschichten gemein ist der antizivilisatorische Unterton und die absurde Zuspitzung. «Prämillenial» ist etwa das neue Wort für altmodisch. Außerdem zitiert der Autor fleißig Vokabeln aus «Generation X», etwa «McJob», die Bezeichnung für eine unbefriedigende, schlecht bezahlte Arbeit. In Deutschland kennt man so etwas gemeinhin als «Minijob». Untergemischt sind immer auch Hochkultur-Verweise. Das Geschichtenerzählen in der Isolation von der Außenwelt vergleicht Coupland selbst mit dem «Decamerone», auch wenn es bei ihm weniger anzüglich hergeht, als in der mittelalterlichen Novellensammlung Boccaccios. Und auch James Joyces «Finnegans Wake» spielt als Lieblingslektüre des Wissenschaftlers eine Rolle.
Vergiftete Frucht
All diese Subtexte werden irgendwann zum Problem für den Roman. Das heimliche Dozieren über den Fortschritt, der so süß schmeckt und tatsächlich eine vergiftete Frucht ist, geht einem bald auf die Nerven. Die ständige Suche nach Zusammenhängen und Verweisen, ermüdet. «Generation A» will zu viel.
Fünf Leute, die von der Biene gestochen werden, von der Tarantel oder sonst einem Insekt: Coupland erklärt sie zur Zelle einer neuen Generation, nicht der gegenwärtigen, sondern einer zukünftigen. Es ist eine Generation, die gegen die Droge immun ist. Mehr noch, die in sich ein Gegengift trägt, mit dem sie die anderen heilen könnte. Aber muss es immer gleich der Roman für eine ganze Generation sein? Couplands Buch will Wegweiser sein und ist doch nur eine Zeigefinger-Satire geworden.
Douglas Coupland: «Generation A», Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 330 S., 19,95 Euro


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