15.07.2010

Ein Gespräch in Brooklyn

Der amerikanische Erfolgsautor Paul Auster stellt ein neues Buch in Deutschland vor. «Unsichtbar» ist sein 15. Roman. Außer Belletristik schreibt der 63-jährige New Yorker Songs, hat mehrere Gedichtbände herausgegeben und Filme gemacht. Mit Gisela Ostwald sprach er in Brooklyn (New York) über das Schreiben und sein Verhältnis zu Deutschland.

Wie entstehen Ihre Bücher?

PAUL AUSTER: Das ist ein organischer und völlig unerklärlicher Prozess. Alles kommt von innen, aus dem Unbewussten. Irgendwann taucht etwas auf. Meistens sind es Charaktere, die mir durch den Kopf gehen. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftige, desto klarer werden die Geschichten, die zu ihnen gehören.

Kann das Warten auf diese Einfälle zur Qual werden?

AUSTER: Nein, heute nicht mehr. Es gab eine Zeit, in der ich das Konzept für mehrere Bücher gleichzeitig im Kopf hatte. Ich schrieb eins, legte eine kurze Pause ein und begann mit dem nächsten. Mit meinen letzten Romanen lief das anders. Wenn ich einen abgeschlossen hatte, war nichts mehr da, nur noch Leere. Nach «Unsichtbar» habe ich zum Beispiel sieben Monate gelesen und nachgedacht, bis ich wieder schreiben konnte. Aber dann stand ich auf einmal in Flammen: 300 Seiten in vier bis fünf Monaten. So schnell war ich noch nie. (Austers 16. Roman, «Sunset Park» kommt im November in den USA heraus.)

«Unsichtbar» enthält etliche biografische Details aus ihrem Leben, darunter den Besuch des Protagonisten in Paris unmittelbar vor der 68er Revolution. Verkörpert Adam Walker den jungen Paul Auster?

AUSTER: Stimmt, auch ich war 1967 in Paris und im Jahr darauf wieder zurück in New York. Dort hatten wir im April (1968) an der Columbia-Universität unsere eigene Revolution. Von uns ging die Bewegung aus, und wir haben die Studenten in Paris inspiriert. Das 40-jährige Jubiläum vor zwei Jahren gehört zu den Auslösern des Romans. Ich war 2008 bei mehreren Veranstaltungen, die die Columbia-Universität im Rückblick auf 1968 organisierte, und traf Leute, die ich seitdem nicht mehr gesehen hatte. Das hat mich in die damalige Zeit zurückversetzt und zum Schreiben angeregt.

Sie haben eine große Anhängerschaft unter deutschen Lesern. Welche Verbindung haben Sie zu Deutschland?

AUSTER: Ich bin schon oft dort gewesen, öfter, als ich zählen kann. Ich habe viele Freunde im Land und einen sehr guten Verleger. Aber Deutschland ist ein Paradox: Da sind die Alpträume aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die man nicht vergessen kann, besonders ich nicht als Jude. Und da ist das neue Deutschland, das seiner Vergangenheit tapferer ins Gesicht geschaut hat als irgendeine andere Gesellschaft, die ich kenne. In den letzten Jahren unter US-Präsident George W. Bush hatte ich ein Gespräch mit meinem Freund Art Spiegelman, dem Cartoonisten. Dabei überlegten wir, ob es nicht an der Zeit sei, aus Amerika auszuwandern. Bloß wohin? Welches Land ist halbwegs vernünftig? Art schlug Deutschland vor. Natürlich im Spaß, aber er hatte schon recht. Deutschland scheint um einiges besser zu funktionieren als Frankreich, England, Italien und Spanien – wirtschaftlich ebenso wie sozial.

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