15.07.2010

Ein Gigant, aber kein Heiliger

Der greise Mandela hat für sein Land noch immer eine überragende Bedeutung als humanitäre Leitfigur und nationaler Versöhner. Biograf Richard Stengel erlaubt einen besonders nahen Blick auf ein sehr menschliches Welt-Idol.

Nelson Mandelas Lebenswerk inspiriert noch immer die Welt. Sein Beitrag für Menschenrechte und Versöhnung lässt sich kaum hoch genug bewerten. Seine Landsleute wissen, welches Blutbad er in den 90er Jahren in Südafrika, welche Katastrophe für ganz Afrika er verhindert hat. Mandela besiegte friedlich die rassistische Apartheid und führte sein Land in eine funktionierende Demokratie. Am 18. Juli wird er 92 Jahre alt.

Prinzipienfest

Der Mann, mit dessen Hilfe der Friedensnobelpreisträger seinen historischen Weg in seiner Biografie «Der lange Weg zur Freiheit» nachzeichnete, hat nun in einem neuen Buch das Weltidol beschrieben. In «Mandelas Weg» schildert Richard Stengel einen zutiefst von Prinzipien durchdrungenen Mann, der durchaus als «Held», aber nicht als «Heiliger» gesehen werden möchte – weil er auch keiner ist.

Mandela sei «vielleicht der letzte echte Held», schreibt Stengel, Chefredakteur des «Time»-Magazins. Drei Jahre lang konnte er den Nationalhelden auf weltweiten Reisen, im politischen Alltag und sogar im Urlaub begleiten – dann war Mandelas Autobiografie, die zum Weltbestseller wurde, fertig. Vor allem auf diesen Erfahrungen basiert das Buch Stengels.

Er schildert den heute über 90-Jährigen als großen Kommunikator und besonnenen Politiker, der stets erst einmal an das Gute im Menschen glaube. Es ist der Mandela, den heute jeder Schuljunge in aller Welt als Symbol einer friedfertigen, toleranten und humanen Politik kennenlernt. Mandela stecke aber durchaus auch voller Widersprüche, schreibt Stengel. Beispielsweise sei er die Großherzigkeit in Person, knausere aber mit dem Trinkgeld. An diesem Beispiel zeigt sich eine Schwäche des Buches: Der Autor ist sehr diskret, manchmal weckt er nur Neugier auf mehr Informationen über den Charakter des Nationalhelden.

Gutmütig und zornig

Stengel schreibt zwar, dass Mandela durchaus allzu menschliche Seiten habe. Er lasse sich beispielsweise gern bewundern, habe auch «menschliche Gelüste», habe Fehler gemacht, Menschen verletzt, falsche Entscheidungen gefällt. Sehr viel Näheres erfährt man kaum. «Er ist nicht ein großartiger Mensch, weil er keine Fehler hätte, sondern weil er über seine Fehler triumphiert», schreibt Stengel. Zuweilen wüsste man gerne etwas mehr.

Das Buch schildert ein Idol und einen Freiheitshelden, der auch ungeduldig, trotz aller Beherrschung und Gutmütigkeit sogar zornig werden kann. Beispielsweise als er sich 1991 vom Ex-Präsidenten Frederik Willem de Klerk, mit dem Mandela später den Friedensnobelpreis erhalten sollte, auf einer Konferenz verraten fühlte.

An das Gute glauben

Das Buch lässt nicht die Vorwürfe aus, die Mandela sein politisches Leben lang begleiteten: dass er zu naiv und nachsichtig gewesen, zu viele Kompromisse eingegangen sei. Dabei habe Mandela lediglich als «radikaler Pragmatiker» gehandelt, der auch «emotionale Risiken» eingehe und Vertrauensvorschuss gewähre, der Prinzipien habe, aber nicht nur kurzfristige Erfolge anstrebe. Dazu gehöre der Grundsatz des Staatsmannes, klug und nachsichtig mit besiegten Gegnern umzugehen. «Für niemanden hege ich größere Bewunderung als für Nelson Mandela», gesteht Stengel. Sein Buch versucht, das glaubwürdig zu begründen.

Richard Stengel: «Mandelas Weg. Liebe, Mut, Verantwortung». C. Bertelsmann, München. 320 S., 19.95 Euro.

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