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Gewalt an Schiedsrichtern: DFB-Schiedsrichterausbilder Lutz Wagner: „Ein Fall ist einer zu viel“

Fußballschiedsrichter haben es nicht einfach heutzutage. Sie müssen mit Kritik leben und umgehen können, manchmal sogar mit Gewalt gegen die eigene Person. Sportchefin Kerstin Schellhaas sprach darüber mit dem früheren Bundesliga-Referee Lutz Wagner (54), heute Lehrwart beim DFB und verantwortlich für die Nachwuchs- und Talentförderung der Schiedsrichter.
Lutz Wagner Foto: Maik Reuß Lutz Wagner

Der Fall des 17 Jahre alten Fußballschiedsrichters Simon Henninger aus Bad Soden, der bei einem Jugendspiel attackiert wurde, macht gerade die Runde. Sie kommen selbst aus dem Main-Taunus-Kreis. Ist der Umgang mit Schiedsrichtern dort besonders roh?

LUTZ WAGNER: Nein, das bestimmt nicht, das kann überall passieren. Das ist kein Einzelfall, kommt aber zum Glück nicht so oft vor. Aber ein Fall ist einer zu viel. Und weil so ein Fall berechtigterweise hohe Wellen schlägt und für Negativwerbung sorgt, gilt es, das sehr ernst zu nehmen.

Haben Sie selbst in ihren jungen Jahren so etwas erlebt?

WAGNER: Ich bin von so etwas verschont geblieben. Aber da gehört auch Glück dazu. Manchmal kann man das nicht steuern. Wenn sich am Rande eines Spiels so etwas hochschaukelt, ist der Schiedsrichter fast machtlos.

Wären Sie ihren Weg als Schiedsrichter weiter gegangen, wenn sie so etwas erlebt hätten?

WAGNER: Schwierig zu sagen. Zunächst mal ganz großes Kompliment an Simon. Es verdient Hochachtung, dass er weitermacht. Es kommt immer darauf an, wann einem so etwas passiert. Wenn man schon länger Schiedsrichter ist und sich in der Gemeinschaft wohl fühlt, kann man das sicher besser verarbeiten. Oft trifft so etwas aber die ganz Jungen. Dann kann das ein abschreckendes Beispiel sein.

Simon Henninger hat gesagt, die Schiedsrichtervereinigung Main-Taunus hat ihm nach dem Vorfall sehr geholfen. Wie darf man sich diese Hilfe vorstellen?

WAGNER: Ganz einfach, dass man für ihn da ist. Dass er spürt, er ist zwar allein auf dem Feld, aber danach ist er nicht allein. Dass man sich nach ihm erkundigt, die Sache mit ihm bespricht, ihn zu der Rechtsausschusssitzung begleitet und ihn wieder aufbaut. Das haben die Kollegen im Main-Taunus-Kreis hervorragend gemacht.

In Hessen gibt es für Schiedsrichter ein Patenprogramm. Was heißt das?

WAGNER: Hessen ist einer der Landesverbände, die das schon länger haben. Ein erfahrener Schiedsrichter kümmert sich um die jungen Neuen und greift ihnen in den ersten Spielen hilfreich unter die Arme. Er sagt nicht, wann der junge Schiedsrichter Strafstoß oder Abseits pfeifen muss. Aber er gibt Tipps zum Umgang mit Trainern, Betreuern, Zuschauern oder Eltern. Und manchmal geht der Pate während eines Spiels auf das Umfeld zu, um vorbeugend einzugreifen.

Und? Hat das Patenprogramm im Fall Simon Henninger geholfen?

WAGNER: Mit Sicherheit hat das geholfen. Aber es ist schwierig, das flächendeckend einzusetzen. Wir haben ja leider nicht genug Schiedsrichter. Trotzdem soll das Programm jetzt auf alle Landesverbände ausgeweitet werden. Der DFB hat gesehen, dass es gut funktioniert und will, dass alle Landesverbände davon profitieren.

Was würden Sie Schiedsrichtern, die in vergleichbare Situationen wie Simon Henninger kommen, raten?

WAGNER: Wenn man in so eine Situation kommt, kann man das sehr wahrscheinlich nicht aufhalten und sich nur selbst zu schützen versuchen. Aber danach sollte man das nicht aus falscher Scheu klein reden, sondern mit Kollegen sprechen, sich öffnen. Gegen so etwas müssen wir vorgehen. Das hat ja nichts mit einer kleinen Beleidigung oder Beschimpfung zu tun. Es gibt einfach Grenzen.

Was muss grundsätzlich passieren, damit Schiedsrichtern – in allen Sportarten – der entsprechende Respekt entgegengebracht wird?

WAGNER: Für mich ist das ein Problem der Gesellschaft, dass Personen, die richtende und schlichtende Tätigkeiten ausüben, keine Wertschätzung mehr erfahren. Ich denke, wir müssen wieder dahin kommen, dass man nicht nur auf sich schaut. Im Fair-play-Forum Hessen bieten wir zur Sensibilisierung zum Beispiel Rollentauschspiele an. Ob Trainer, Eltern oder Vereine – da kann jeder mitmachen.

Aber verhalten sich nicht manchmal auch Schiedsrichter falsch?

WAGNER: Natürlich. Und wenn so ein Fehlverhalten bemerkt wird, sind Vereine aufgefordert, das ganz sachlich anzuzeigen. Die Fälle gibt es zwar seltener, aber diese Schiedsrichter machen den Ruf kaputt und dagegen gilt es genauso anzugehen.

Ungeachtet dem Erlebnis von Simon Henninger: Warum ist es trotzdem so schön, Schiedsrichter zu sein?

WAGNER: Weil das Amt viel Vorteile mit sich bringt. Gerade ein junger Mensch reift in seiner Persönlichkeit und lernt, Verantwortung zu übernehmen. Und man kommt sehr viel herum, man trifft viele neue Leute und sieht und hört viel, was man sonst nicht gesehen, gehört oder erlebt hätte. Es erweitert den Horizont.

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