E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 30°C

Handball: Der Irrtum des Bundestrainers

Der größte Fehler des neuen Mannes war, Abwehrchef Finn Lemke nicht von Anfang an zu nominieren. Das könnte ihn nun selbst den Job kosten.
Zukunft ungewiss. Handball-Bundestrainer Christian Prokop nach dem Aus gegen Spanien Foto: Monika Skolimowska (dpa-Zentralbild) Zukunft ungewiss. Handball-Bundestrainer Christian Prokop nach dem Aus gegen Spanien
Varazdin. 

Es waren vielleicht zehn Minuten. Gemessen an der Zeit, die Bundestrainer Christian Prokop in den vergangenen vier Wochen gemeinsam mit seinen Handball-Nationalspielern verbracht hat, ist das ein verschwindend geringer Wert. Doch diese zehn Minuten veränderten viel. Vielleicht sogar alles.

Das Publikum in der Arena von Neu-Ulm hatte die Mannschaft gerade mit viel Applaus in Richtung Kroatien verabschiedet. Der letzte Test vor der Europameisterschaft verlief glänzend. 30:21 gegen Island. Die Frage nach der Leistungsfähigkeit des Titelverteidigers schien beantwortet, die nach der Zusammenstellung des Kaders noch nicht. Prokop, seit zehn Monaten im Amt und beseelt davon, neue Wege zu gehen, rief seine Jungs noch einmal zusammen. Eine letzte Besprechung, ehe sie zwei Tage zu Hause Kraft tanken sollen.

Hannings „unverhandelbare Visionen“

Die spannende Frage in den kommenden Wochen wird sein, ob Christian Prokop seinen Job als Handball-Bundestrainer behalten darf. Er selbst will nicht hinschmeißen: „Ein Rücktritt war für mich überhaupt

clearing

20 Spieler blickten ihren Coach gespannt an. Dann ließ er die Katze aus dem Sack: Finn Lemke, Marian Michalczik, Rune Dahmke und Fabian Wiede mussten zu Hause bleiben. Michalczik, Dahmke und Wiede sorgten kaum für Wirbel. Das Aus für Lemke besaß aber eine Wucht, die Prokop unterschätzt hat. Es war sein größter Fehler. Vielleicht kostet er ihn sogar seinen Job. Denn diese Entscheidung setzte einen Prozess in Gang, der während des Turniers nicht mehr gestoppt werden konnte. Eine Entfremdung zwischen Trainer und Mannschaft begann. Das Team konnte in großen Teilen nicht nachvollziehen, warum ihnen der neue Chefcoach das Herz herausriss. Lemke war nicht bloß der Abwehrchef. Kein anderer in dieser Truppe besaß ein höheres Standing.

18 Tage später sitzt Prokop in Sveti Martin, rund 30 Kilometer nördlich von Varazdin gelegen, auf dem Podium. Sein Blick ist trüb. Er fühlt sich sichtlich unwohl. Es ist der letzte deutsche Pressetermin bei dieser EM. Gleich geht es zurück nach Zagreb. An den Flughafen. Heimreise statt Halbfinale. Deutschland ist krachend gescheitert. Durch glückliche Umstände besaß das Team am Mittwochabend die Möglichkeit, mit einem Sieg gegen Spanien doch noch die Medaillenspiele zu erreichen. „Dass wir überhaupt die Chance hatten, aus eigener Kraft das Ding zu wuppen, war schon eigentlich ein Unding“, sagt Torwart Silvio Heinevetter. Er denkt wohl in diesem Moment an die Hauptrunden-Niederlage gegen Dänemark und die glücklichen Unentschieden in der ersten Gruppenphase gegen Slowenien und Mazedonien. Normalerweise ist man bei diesen Vorleistungen schon vor dem letzten Match raus. Doch die deutsche Mannschaft bekam diesen unverhofften Joker und verspielte ihn grandios. Nach dem 15:15-Zwischenstand (34.) kassierte der Titelverteidiger acht Tore in Folge – innerhalb von zehn verflixten Minuten.

„Wir haben uns verhalten wie eine Schülermannschaft“, schimpfte Andreas Wolff hinterher. Der Torwart fand mal wieder die griffigsten Worte. „Wir sind nach einem katastrophalen Turnier ausgeschieden“, ergänzte er. Viele seiner Mitspieler stellten sich, sagten aber nicht viel. Von einem entrückten Verhältnis zu ihrem Trainer wollten sie aber alle nichts wissen. „So einen Scheiß will ich nicht hören“, echauffierte sich Patrick Groetzki.

Kapitän Uwe Gensheimer entzog sich den Fragen. Nach dem Spiel und auch am Tag danach. „Die Leistungsträger haben es nicht geschafft, die Mannschaft zu führen“, sagte Bob Hanning am Donnerstag vielsagend. Der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes redete Klartext. „Es war nicht alles schlecht, aber es war nicht gut genug.“ Er nahm auch die Spieler in die Pflicht. „Manche waren nicht in Form.“ Hanning will nun ausgiebig analysieren. „Ernst, ehrlich und hart zu uns selbst“, wie er sagt. In vier bis sechs Wochen soll der Prozess abgeschlossen sein.

Am Donnerstag stärkte er dem Trainer, für den er 500 000 Euro Ablöse an Leipzig überwies, den Rücken (siehe Kasten). „Er steht für mich nicht zur Disposition. Das Ziel ist es, mit ihm weiterzumachen.“ Während des Turniers hatte er ihn manches Mal vorgeführt.

Auch das gehört zu der Geschichte dieser verflixten zwei Wochen von Kroatien, in denen Prokop von Beginn an verkrampft wirkte. Trotz des Auftakterfolgs gegen Montenegro löste sich das nicht und übertrug sich auf die Mannschaft. „Wir konnten mit der Drucksituation nicht umgehen“, sagte der Bundestrainer am Donnerstag. Er half seiner Mannschaft aber auch zu wenig, er verunsicherte sie vielmehr. Der Leipziger, der noch einen Vertrag bis 2022 besitzt, ließ einstige Stammkräfte wie den Frankfurter Steffen Fäth und Julius Kühn anfangs links liegen, baute auf Maximilian Janke, der dieses Vertrauen nie mit Leistungen zurückzahlte. Prokop fand keine Stammformation, richtete seine Taktik zu sehr nach dem Gegner aus. Wie sollten sich da eigene Stärken entwickeln können? Einzig gegen Dänemark zeigte die Mannschaft 50 Minuten lang, was in ihr steckt.

„Der Angriff war unsere Baustelle“, sagt Prokop, der sich akribisch auf jeden Gegner vorbereitete, der dieses Wissen aber nicht Erfolg bringend auf seine Mannschaft übertragen konnte. Der eine oder andere erzählte hinter vorgehaltener Hand, dass der Coach alles bis ins kleinste Details vorgab, immer das letzte Wort haben wollte. Er wirkte zu verkopft, zu wenig empathisch, um diese 16 Einzelkönner auf Linie zu trimmen.

„Ich habe bei diesem Turnier viele Erfahrungen sammeln können. Viel Negatives, aber daraus muss ich jetzt meine Schlüsse ziehen“, sagte Prokop, ehe er die Heimreise antrat. Dass er Lemke zunächst nicht in seinen 16er-Kader berief, sieht er immer noch nicht als Fehler. Schließlich habe er ihn ja nach zwei Spielen nachnominiert. „Eine richtige Korrektur“, nennt er das. Eine, die zu spät kam. Die Risse waren nicht mehr zu kitten.

Zur Startseite Mehr aus Sport

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen