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Im immer schnelleren Durchlauf

Die Reise in die USA war für die Eintracht eine runde Sache. Der neue Trainer hat seinem Team die Idee des Hütter-Fußballs näherbringen können. Tempo ist ein hohes Gut – auch bei der Suche nach weiteren Vertsärkungen.
Bei der Eintracht inzwischen mit am längsten im Geschäft: Timothy Chandler, hier im Test gegen Philadelphia. Foto: Jan Huebner (Jan Huebner) Bei der Eintracht inzwischen mit am längsten im Geschäft: Timothy Chandler, hier im Test gegen Philadelphia.
Frankfurt. 

Das Klima in der Salzwüste Utahs war nicht unbedingt nach dem Geschmack von Mijat Gacinovic. Gnadenlos Hitze, bis zu 40 Grad im Schatten. Viel zu heiß. „Manche Spieler mögen das, ich aber überhaupt nicht“, sagte der Mittelfeldspieler der Eintracht, der gottfroh ist, wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben. „Das Wetter in Frankfurt ist mir lieber.“ Schlechte Nachricht für den schmächtigen Serben – erwartete Höchsttemperatur im Herzen von Europa für den Montag: 30 Grad.

Ansonsten aber, da sind sich fast alle einige, war das achttägige Trainingscamp in den Vereinigten Staaten eine runde Sache für die Eintracht-Entourage, obwohl es alles in allem kein lustvoller Vergnügungstrip war. „Es war schon anstrengend“, sagte Marc Stendera und meinte dreierlei: das Training, das Klima sowie die Reisestrapazen. „Die Einheiten waren kurz und knackig mit vielen Sprints“, berichtete er. „An die Temperaturen musste man sich erst gewöhnen, und dann haben wir auch noch viel Zeit im Flugzeug verbracht.“ Kein Gejammer, eher eine treffende Zustandsbeschreibung.

Trainer Adi Hütter, der neue Mann an der Seitenlinie, hat das USA-Projekt als Art Fußball-Reiseleiter dennoch ganz anders empfunden: „Das war eine fruchtbare Zeit.“ Für den Österreicher standen neben den fußballspezifischen Aspekten die sogenannten weichen Faktoren im Vordergrund, er wollte seine Mannschaft besser kennenlernen, und das ist ihm ganz gut gelungen: „Ich habe ein besseres Gefühl für die Spieler bekommen.“

Und er hat dem Team auch schon die Idee des Hütter-Fußballs näherbringen können. „Ich habe vermittelt, was wir spielen wollen.“ Bis seine Profis diesen offensiven Ansatz verinnerlicht haben, wird noch etwas Zeit ins Land streichen, da steht die Eintracht erst am Anfang ihres Weges. Das ist nur allzu logisch. Den Paradigmenwechsel von Kovacs Ordnungshüterfußball hin zu Hütters Pressingmaschinerie begrüßen die meisten Frankfurter Fußballer jedoch. „Der Trainer steht darauf, dass wir aktiv sind und viele Spieler nach vorne mitbringen. Ich glaube, das kommt uns zugute, wir haben viele Spieler, die sehr offensiv denken“, sagte Verteidiger Danny da Costa.

Auch Mijat Gacinovic ist ganz angetan von der neuen Eintracht. „Es wird besser und besser“, sagt der Profi, der sich nicht scheut, etwas weiter vorauszublicken. „Man muss keine Sorge haben, wir werden eine gute Saison spielen, da bin ich mir sicher.“ Worauf sich sein Optimismus stützt, lässt sich nicht so genau eruieren.

Gacinovic selbst gehört in Frankfurt fast schon zum Inventar, er geht in sein viertes Eintracht-Jahr – nur Marc Stendera, Marco Russ und Timothy Chandler sind länger im Verein. Das zeigt, wie schnelllebig das Geschäft geworden ist, mit welch immensem Tempo die Spieler durch die Vereine geschleust werden. Der Durchlauf ist schneller, die Verweildauer kürzer. An kaum einem anderen Standort wird das so deutlich wie in Frankfurt.

Nun steht der nächste Umbruch bevor, der dritte nacheinander. In Frankfurt haben sich die Fans längst daran gewöhnt. Was anfangs argwöhnisch beäugt wurde, wird jetzt fast schon nonchalant zur Kenntnis genommen. Die Namen der Neuzugänge sind der breiten Masse sowieso nicht bekannt, Sportvorstand Fredi Bobic und Chefscout Ben Manga wird aber Vertrauen entgegengebracht, das sie sich erarbeitet und verdient haben, weil der Umbau des Teams schon zweimal funktioniert hat. Zweimal ist die Mannschaft so verstärkt worden, dass sie jeweils für lange Zeit um die Europapokalplätze mitspielen und vor einigen Wochen sogar den DFB-Pokal nach Frankfurt bringen konnte. Es herrscht ein Klima des Vertrauens, frei nach dem Motto: „Lass sie mal machen, sie werden das Kind schon schaukeln.“

Die Anhänger akzeptieren, dass die Spieler mittlerweile gut bezahlte Zeitarbeiter sind und weiterziehen, wenn es andernorts mehr zu verdienen gibt. „Dass sich die Kader verändern, damit haben sich die Fans abgefunden. Spieler wechseln schnell von A nach B. Es ist normal, dass sich die Gesichter der Mannschaften verändern“, sagte Bobic. Er bleibt seinem Stil treu und holt verstärkt entwicklungsfähige Spieler aus dem Ausland.

In diesem Jahr liegt der Fokus auf dem iberischen Raum, was klug ist, weil diese Fußballer hervorragend ausgebildet sind und auch charakterlich als einwandfrei gelten. „Wir haben auch deutsche Spieler im Blick“, sagte Finanzvorstand Oliver Frankenbach. „Aber wir müssen sie finanzieren können.“ Was so viel bedeuten soll wie: Können wir nicht. Zumindest meistens nicht.

Die Eintracht hat aus ihrem Multi-Kulti-Ansatz ohnehin ein Markenzeichen gemacht, das zum Verein und einer toleranten Stadt wie Frankfurt passt. Es geht auch um kulturelle Vielfalt und Weltoffenheit. Die Verantwortlichen sind überzeugt, dass sie mit dem zur Verfügung stehenden Geld im Ausland bessere Spieler bekommen. Anders ausgedrückt: Für mittelmäßige Deutsche müsste man mehr bezahlen als für gute Ausländer. Das will die Eintracht nicht. Und so baut Bobic wieder ein Team zusammen, das heterogen ist, aber viel Widerstandsfähigkeit und Mentalität mitbringen soll. Darauf achtet die Sportliche Leitung, und das ist gut so.

Die Frage ist nur: Wie oft kann man so einen Umbruch erfolgreich gestalten? Garantien, dass es funktioniert, gibt es nicht, doch der Eintracht bleibt ja ohnedies nichts anderes übrig. „Die Ablösesummen sind explodiert“, sagte Frankenbach. Und mit ihnen auch die Gehälter. Da kann die Eintracht nicht mithalten, weshalb sie einige ihrer Topspieler verliert, Marius Wolf etwa oder wahrscheinlich auch Ante Rebic. Leistungsträger, die nur schwer zu ersetzen und extrem schnell unterwegs sind.

Tempo ist ein hohes Gut, auch für Hütters Spielstil unabdingbar, gerade über die offensiven Außenbahnen. Ex-Eintracht-Profi Stefan Reinartz hat den Trend beobachtet. „Schnelligkeit ist das neue Nonplusultra“, sagte er der „SZ“. „Wenn ich einem Vereinsmanager zwei Rechtsaußen vorschlage – einer ist richtig, richtig gut und eher langsam, der andere ist nicht so gut und schnell – dann wird er immer den zweiten nehmen.“

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