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Radsport: John Degenkolb eilt nach seinem Tour-Etappensieg wie erleichtert von Termin zu Termin

Von Die größte Krise seiner Profikarriere scheint endgültig vorbei. Der Oberurseler John Degenkolb sprüht vor Freude und hat schon die nächsten Ziele vor Augen: Bad Homburg und Glasgow.
Autogramme für die jungen Fans: John Degenkolb gestern in Oberursel Foto: Matthias Reichwein Autogramme für die jungen Fans: John Degenkolb gestern in Oberursel
Oberursel. 

Ausruhen ist nicht. Noch nicht. Und eigentlich will er das vermutlich gar nicht. John Degenkolb spürt nach seinem ersten Etappensieg bei der Tour de France weiter eine große Erleichterung und eilt lächelnd von Termin zu Termin. Die Gewissheit, nach zweieinhalb harten Jahren wieder zur Weltspitze zu gehören, hat den 29-Jährigen regelrecht beflügelt. „Ich habe nach einer langen schweren Zeit wieder zurückgefunden in die Erfolgsspur des Radsports. Das macht mich sehr glücklich“, sagte der Profi gestern Abend in Oberursel im Taunus, wo ihm seine Heimatstadt einen großen Empfang bereitete. Im Beisein von Bürgermeister Hans-Georg Brum trugen er und seine Frau Laura sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Anschließend ging es zu den wartenden Fans.

Seit dem Ende der Frankreich-Rundfahrt am vergangenen Sonntag, als Degenkolb auf der letzten Etappe in Paris fast noch seinen zweiten Sieg ersprintet hätte, hat der Wahl-Hesse schon wieder zwei Rennen bestritten. Am Dienstag gewann er den Grand Prix im hessischen Bürstadt, und am Mittwoch fuhr er bei einem Kriterium im österreichischen Wels auf Platz vier – auf einem Ersatzrad. Denn selbst im derzeitigen Hochgefühl läuft für Degenkolb nicht alles rund. Als er am Mittwochmorgen von Frankfurt aus nach Linz flog, hob sein Rennrad nicht mit ab: Es war versehentlich nicht als Gepäck mit ins Flugzeug eingeladen worden. In Österreich angekommen, wartete Degenkolb vergeblich auf sein Arbeitsgerät – und startete auf seinen sozialen Kanälen eine Suchanfrage. Als er schließlich gestern aus Österreich zurückkehrte, erhielt er sein High-tech-Rennrad wieder. Es war über Nacht am Frankfurter Flughafen sicher aufbewahrt worden.

Die Tour nach der Tour kann weitergehen: Morgen besucht der gebürtige Thüringer seinen Heimatverein in Gera, ehe er am Sonntag beim 39. Großen Preis der Stadt Bad Homburg (14 Uhr, Start/Ziel: Kaiser-Friedrich-Promenade) als lokales Zugpferd antritt. Auf den 50 Runden um den Kurpark (80 Kilometer) strebt er seinen dritten Sieg nach 2013 und 2016 an – das wäre Rekord. „Bad Homburg ist direkt vor meiner Haustür. Darauf freue ich mich sehr“, so Degenkolb.

Als hätte es die drei Wochen Tour-Strapazen nicht gegeben, geht er danach am 12. August noch mit großen Ambitionen bei der Europameisterschaft in Glasgow an den Start – als Kapitän der deutschen Mannschaft. „Wir fliegen nächste Woche Freitag nach Glasgow. Der Stadtkurs ist sehr technisch, das könnte mir durchaus entgegenkommen“, glaubt Degenkolb und warnt: „Von den Temperaturen wird es ein großer Unterschied sein. Dort sind es keine 35 Grad. Vielleicht regnet es auch. Darauf muss man vorbereitet sein.“

„Echter“ Oberurseler

Regen? So etwas wirkt wie eine Kleinigkeit, verglichen mit dem, was der Oberurseler in den vergangenen zweieinhalb Jahren durchgemacht hat. Nach seinem schlimmen Trainingssturz Anfang 2016 auf Mallorca war seine Karriere mächtig ins Stocken geraten. Im Jahr 2015 hatte er noch die Klassiker Paris-Roubaix und Mailand-Sanremo gewann, dann musste er wegen mehrerer Brüche monatelang pausieren und fuhr nach seiner Rückkehr der Spitze hinterher. „Ich habe keine einfachen Jahre hinter mir“, gesteht Degenkolb, „wenn man von einem Rückschlag zum anderen getrieben wird und immer wieder aufstehen muss, ist das nicht einfach.“ Geholfen hätten ihm in dieser Zeit „meine tolle Familie und mein toller Freundeskreis“.

Nun lacht ihm der Radsport wieder mit seiner ganzen Blüte entgegen. Bei seinem sechsten Tour-de-France-Start gelang ihm der Durchbruch, er gewann als einziger Deutscher eine Etappe. Und das auf dem schwierigen Teilstück über Kopfsteinpflasterpassagen nach Roubaix. „Das weist ihn auch als einen Oberurseler aus“, sagte Brum lächelnd in Anspielung auf das Kopfsteinpflaster auf dem heimischen Marktplatz. Degenkolb überreicht dem Bürgermeister gestern im Gegenzug ein großes Bild, das den Sprinter vom Team Trek-Segafredo in Jubelpose zeigt – ein nachträgliches Geschenk für Brum, der ausgerechnet an jenem Tag 63 Jahre alt wurde, an dem Degenkolb in Roubaix bei der Tour gewann.

„Vielleicht haben sie einen schönen Platz in ihrem Büro für das Bild“, meinte Degenkolb, der sich in Oberursel längst „heimisch“ fühlt. Und deshalb will er im Taunus offenbar richtig sesshaft werden. Im Oberurseler Stadtteil Bommersheim haben er und seine Frau sich eine denkmalgeschützte Zehntscheune gekauft. Vermutlich nächstes Jahr erfolgt die Sanierung, danach der Umzug ins neue Zuhause. Und dann wird noch weniger an die schwere Karriere-Zeit erinnern, die sich schon jetzt auf einen Schlag weit entfernt hat.

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