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Zehnkampf: Jürgen Hingsen: Der Modellathlet der 80er-Jahre

Von Gemeinsam mit dem Briten Daley Thompson prägte der Modellathlet mit dem markanten Schnauzbart seine Sportart in den 80er-Jahren. Bis heute ist er der Leichtathletik verbunden.
Der frühere Leistungssportler Jürgen Hingsen beim täglichen Rückentraining. Der frühere Leistungssportler Jürgen Hingsen beim täglichen Rückentraining.
Rüsselsheim. 

Das Debakel von Seoul wird für viele wohl immer das Erste bleiben, was sie mit dem Namen Jürgen Hingsen verbinden. Dabei hat der ehemalige Zehnkämpfer, der am heutigen Donnerstag seinen 60. Geburtstag feiert, seine Sportart mit seinen Erfolgen entscheidend geprägt, gewann Silber bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften und stellte insgesamt drei Weltrekorde auf, von denen der letzte, die aus dem Sommer 1984 resultierenden 8832 Punkte, bis heute als nationale Bestmarke Bestand hat.

Es war eine Zeit, in der der Fußball die anderen Sportarten noch nicht so an den Rand gedrückt hatte. In der die Menschen noch in großer Zahl nachts aufstanden, um wichtige Entscheidungen auch in der Leichtathletik zu sehen. Der gebürtige Duisburger Hingsen und sein Dauerrivale Daley Thompson lieferten dabei einiges an Inhalten nicht nur für die Sportteile der täglich erscheinenden Gazetten, sondern auch für den Boulevard.

Jürgen Hingsen bei der Hatz über die Hürden: Aufgenommen bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Bild-Zoom Foto: Heinz Wieseler (dpa)
Jürgen Hingsen bei der Hatz über die Hürden: Aufgenommen bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles.

„Daley war ein Straßenköter“, sagt Hingsen heute. Und er selbst, ein Einzelkind aus wohlbehütetem Hause, habe mit den Provokationen des anderen erst einmal zurechtkommen müssen. Zum ersten Mal trafen die beiden bei der Junioren-Europameisterschaft 1997 im polnischen Donzek aufeinander. Der Brite gewann Gold, der Deutsche, trotz einer Verletzung, Bronze. Von da an erhitzte die Rivalität der beiden Allrounder die Gemüter.

„Leistungsmäßig waren wir in etwa gleich“, sagt Hingsen. Alle Einzelmarken zusammengezählt, sei er sogar etwas besser gewesen. Doch dem sensiblen Hingsen, der in den wichtigen Zweikämpfen stets den Kürzeren zog, machten die ständigen Nickligkeiten des anderen zu schaffen: Sie führten bei dem Modellathleten mit dem markanten Schnauzbart zu Konzentrations- und anderen Fehlern. „Mein Blick richtete sich bei den Wettkämpfen automatisch auf Daley“, und er habe sich sogar einen Psychologen nehmen müssen, um damit klarzukommen.

1986 suchte Hingsen dann das direkte Gespräch, und von da an entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden, die bis heute Bestand hat. Eine Art „Magie“ herrsche zwischen ihnen, wenn sie aufeinanderträfen, und diese, erzählt Hingsen, wollten sie in diesem Jahr gemeinsam auf eine Bühne bringen. Damit andere, Manager etwa, von ihnen lernten, wie positiv Konkurrenzkampf aussehen kann.

Jürgen Hingsen diskutiert mit den Preisrichtern nach seinen drei Fehlstarts bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Bild-Zoom
Jürgen Hingsen diskutiert mit den Preisrichtern nach seinen drei Fehlstarts bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul.

Doch Hingsen hatte auch noch ein anderes Problem: Mit seiner Körperlänge von 2,03 Metern und einem Wettkampfgewicht von etwa 100 bis 105 Kilogramm war er zwar beeindruckend anzusehen, aber auch sehr verletzungsanfällig. Rückenprobleme begleiteten ihn seine gesamte Karriere lang; die Patellasehne zählte ebenfalls zu seinen Schwachstellen. Sie war es auch, die ihm damals, vor seinem Olympiastart 1988 in Südkorea, Schmerzen bereitete, die er zwar mit Spritzen im Griff hatte. „Aber ich wusste, ich kann nur neun Disziplinen richtig machen.“ Und dass er beim Sprintstart so gut wie keinen Druck auf den Block ausüben konnte.

Mit einem für ihn guten 100-Meter-Rennen unter elf Sekunden zum Auftakt habe er damals ein Signal setzen wollen. Doch die Nervosität, gepaart mit anderen Unwägbarkeiten im Vorfeld, sorgte für die „Fehlentscheidungen“, die drei berühmten Fehlstarts, die die bittere Disqualifikation nach sich zogen und aus dem Adonis und deutschen Helden über Nacht eine Lachfigur machten. Wiedergutmachen konnte Hingsen die Blamage nicht mehr: Der Sehnenanriss im Knie musste operiert werden, die Karriere des Allrounders war beendet. „Ich habe lange gebraucht, um das zu verarbeiten“, gibt er heute zu. Bis ihn keine nächtlichen Albträume mehr quälten. „Heute bewerte ich das anders“, kann der Strahlemann bei seinen Motivationsvorträgen sogar darüber lachen.

Noch immer steht er gerne im Fokus, plaudert aus seinem Erfahrungsschatz, aber auch über die Wertigkeit und Wichtigkeit, die der Sport habe. Die Perspektive hat sich geändert. Heute spreche er nicht mehr als Leistungssportler, sondern als Otto Normalverbraucher, der sich nicht mehr joggend, sondern radelnd fit hält und regelmäßig seinen Rücken trainiert. „Ich kann nicht mehr alles machen, aber ich muss auch nichts mehr beweisen“, sagt Hingsen, der einst durch die RTL-Show „Let’s dance“ tanzte und das dabei Erlernte einen Tag nach seinem Geburtstag beim Ball in der Dresdner Semperoper mit Lebensgefährtin Francesca anwenden will.

Den Ehrentag selbst will er nicht besonders begehen – anders als den 50. Den hatte er mit Thompson auf Mauritius bejubelt. „Ich bin kein Freund von großen Feiern“, sagt Hingsen. Außerdem wolle er, der bereits zwei Enkelkinder hat, die Zahl nicht recht wahrhaben: „Ich fühle mich wie 40.“

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