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Kein Respekt vor den Referees

Von Immer öfter werden Unparteiische Opfer von verbalen oder tätlichen Attacken. Viele verlieren so die Lust am Ehrenamt.
In seiner aktiven Zeit als Schiedsrichter musste auch Lutz Wagner (links) einiges über sich ergehen lassen. Foto: Soeren Stache (dpa-Zentralbild) In seiner aktiven Zeit als Schiedsrichter musste auch Lutz Wagner (links) einiges über sich ergehen lassen.
Frankfurt. 

Dieter Müller lebt für den Fußball. Doch manchmal hat der frühere Bundesligaprofi und langjährige Präsident des heutigen Regionalligisten Kickers Offenbach „keine Lust mehr, ins Stadion zu gehen“. Wie die Spieler, gerade die von Spitzenclubs wie Bayern München, bisweilen auf die Schiedsrichter losgehen, das findet der Fachmann „unmöglich“. Doch das Problem, dass die Unparteiischen beschimpft und sogar tätlich angegriffen werden, betrifft nicht nur der Deutschen liebsten Sport allein, und es kommt in hochklassigen Ligen ebenso vor wie an der Basis. Dabei sind es in der Regel nicht nur die Aktiven, die den Referees das Leben schwermachen; Eltern, Fans und auch Trainer überschreiten noch viel häufiger die Grenzen des fairen Umgangs miteinander.

Der Landessportbund Hessen (lsbh) hatte aufgrund dieser Problematik unter dem Titel „(Kein) Respekt vor Schiedsrichtern“ am Donnerstag zu einer Diskussion in seine Frankfurter Sportschule geladen. In einem waren sich dabei alle einig: Die Hemmschwellen sind gesunken, immer öfter werden diejenigen, die schlichten wollen und sollen, selbst zu Opfern von Anfeindungen und Gewalt. Das zeige sich, wie lsb h-Präsident Rolf Müller betonte, auch abseits von Sporthallen und -plätzen in anderen Bereichen des Alltags, wenn etwa Polizisten bei ihrer Arbeit behindert oder attackiert würden.

„Es ist ein Problem der Gesellschaft“, bestätigte der langjährige Bundesligareferee und heutige Koordinator der Schiedsrichterausbildung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Lutz Wagner. Im Fußball falle es aber besonders auf, weil dieser so präsent und populär sei.

Noch schreckt es den Nachwuchs bei den Kickern erst mal nicht ab. „Wir bilden jedes Jahr 8000 bis 10 000 neue Schiedsrichter aus“, erklärte der 54-Jährige. Doch genauso viele hörten im gleichen Zeitraum auch wieder auf, und 80 Prozent der Anfänger hielten nur eine Saison lang durch. „Das liegt vor allem an den Rahmenbedingungen auf den Plätzen in den unteren Ligen“, sagt Wagner. Zwar hat man schon versucht, Lösungen zu finden, sollen etwa neuen Referees erfahrene Paten an die Seite gestellt werden. „Doch woher soll man diese Leute alle nehmen?“

Es gelte vielmehr, nicht die Wirkung, sondern die Ursachen zu bekämpfen. „Es geht darum, was man tun kann, damit es erst gar nicht zu Regelverletzungen kommt.“ Dabei spielten Vorbilder eine große Rolle.

Die frühere Nationalspielerin Nia Künzer sieht den Frauenfußball besser aufgestellt. Auswüchse wie bei den Männern kenne sie dort nicht. „Da genießen die Schiedsrichterinnen noch größeren Respekt“, betont die Weltmeisterin von 2003. Das liege ihrer Meinung nach auch daran, dass verbale Attacken nicht hingenommen, sondern sofort geahndet werden, dass die Spielerinnen also wissen, dass sie sich nichts erlauben dürfen, wollen sie bis zum Ende der Partie auf dem Platz stehen.

Doch das sogenannte schwache Geschlecht scheint keineswegs weniger aggressiv. Auf den Tribünen oder am Spielfeldrand sind es nicht selten die Mütter, die kein Maß halten können. „Eltern sind ein Problem“, hat Michael Rüspeler, der Präsident des Hessischen Basketball-Verbandes, festgestellt. „Sie sind übereifrig.“ In seinem Hallensport gehörten Ausraster aus dem Familienkreis zwar noch zu Ausnahmeerscheinungen, aber wenn, „ist es öfter Mama als Papa“. Dabei sind beide gefragt, wenn es um diejenigen geht, die den Nachwuchs eigentlich prägen sollten, die verantwortlich dafür sind, dass auch ungeschriebene Gesetze in den Köpfen der Heranwachsenden verankert werden. „Natürlich schauen die Kinder und Jugendlichen auch Fernsehen“, sagt Künzer. „Aber sie beobachten vor allem ihre Übungsleiter und Eltern. Man kann ihnen den Respekt nur vorleben.“

Entsprechend haben einige Fachverbände das Thema auch schon in ihre Trainerausbildungen integriert. Doch Lutz Wagner würde sich auch von den Fans etwas mehr Verständnis wünschen: „Jeder neue Schiedsrichter sollte erst mal ein oder zwei Schüsse frei haben.“ Die gestehe man schließlich auch Spielern zu. Deshalb: „Erst beim dritten Schuss pfeifen, dann hätten wir schon 50 Prozent mehr Schiedsrichter zur Verfügung.“

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