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Fan-Experte über die Entfremdung des Fußballs von den Fans: Michael Gabriel: "Das Erfolgsmodell ist in Gefahr"

Der Transfer-Irrsinn dieses Sommer stößt bei vielen Beobachtern auf Unverständnis. Nun begrüßen die Fans zum ersten Heimspiel der Frankfurter Eintracht elf neue Spieler, darunter die zwei teuersten Zugänge der Vereinsgeschichte. Unser Mitarbeiter David Rouhani sprach mit Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), darüber, was die zunehmende Kommerzialisierung an der Fanbasis auslöst.
Auch in Schweinfurt zahlreich vertreten, um ihre Adler anzufeuern: Fans von Eintracht Frankfurt (Archivbild) Foto: Huebner/Hufnagel (imago sportfotodienst) Auch in Schweinfurt zahlreich vertreten, um ihre Adler anzufeuern: Fans von Eintracht Frankfurt (Archivbild)

Herr Gabriel, in den Medien sind die astronomischen Ablösesummen dieses Sommers heiß diskutiert worden. Wie kamen diese Nachrichten bei den Fangruppierungen an?

MICHAEL GABRIEL: Die Fans üben ja schon lange harsche Kritik am Kommerz im Fußball. Die obszönen Transfersummen in diesem Sommer haben sie in ihrer Kritik noch einmal bestätigt. Das hat mit der Lebenswirklichkeit der Fans nichts mehr zu tun.

Eine Studie hat in diesem Jahr bereits Alarm geschlagen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Fans es in Betracht ziehen, sich bei fortschreitender Kommerzialisierung vom Fußball abzuwenden. Formiert sich angesichts dieser neuen Stufe des Irrsinns Widerstand?

GABRIEL: Abwenden kann zum einen bedeuten, dass die Leute nicht mehr zu den Spielen gehen. Das ist ja nicht zu beobachten. Eine andere Form des Abwendens sehen wir allerdings in der Fankultur. Die Ultras zum Beispiel beschäftigen sich seit längerem mehr mit sich selbst. Der Vorsänger steht symbolisch mit dem Rücken zum Spielfeld. Und auch viele Fangesänge haben sich vom Spielgeschehen entkoppelt.

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Nun hat ja auch die Eintracht diesen Sommer so viel Geld für Spieler ausgegeben, wie noch nie. Kritik daran hört man kaum.

GABRIEL: Das ist richtig. Aber es hat langfristige Folgen. Einen solchen Austausch von Spielern wie in den zwei jüngsten Saisons hat es noch nie gegeben. Die Fans haben so keine Chance, eine Beziehung aufzubauen. Folglich werden die Spieler zunehmend als Investition gesehen und müssen sich an ihrem Warenwert messen lassen. Einen wie Grabowski, Körbel oder Hölzenbein hätten die Fans in den 70ern niemals beschimpft. Heute werden Spieler viel schneller kritisiert, wenn es mal nicht läuft.

Wir sehen also eine symbolische Abwendung der Fußball-Fans und eine Verrohung des Umgangs mit den Spielern. Kann man denn auf diese Weise gegen die Kommerzialisierung ankämpfen?

GABRIEL: Natürlich nicht, die Vereine und Verbände müssen das richtig deuten und die entsprechenden Schlüsse ziehen.

Die haben aber angesichts der steigenden Einnahmen kein Interesse daran, sich selbst zu regulieren.

GABRIEL: Ein gutes Management zeichnet eine Risikoanalyse aus, die über kurzfristige Einnahmemöglichkeiten hinausgeht. Ich denke schon, dass die DFL dazu in der Lage ist und erkennt, dass das Erfolgsmodell des Fußballs in Deutschland, das ja auf einer Nähe
zu den Fans beruht, in Gefahr ist.

Wieso sollten die Vereine einlenken, wenn viele Fans Sky-Abos haben und Testspiele im Rahmen von Marketingreisen in Asien verfolgen?

GABRIEL: Wir sehen ja in der ganzen Gesellschaft eine starke Tendenz zur Individualisierung. Gewerkschaften, Kirche und Parteien verlieren an Bindungskraft. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft führt viele zum Fußball. Deshalb steht der Sport in der Verantwortung, dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft, zum Beispiel über echte Partizipationsmodelle, zu verwirklichen.

Das Integrationspotenzial des Fußballs wird ja gerade von den Verantwortlichen gerne beschworen. Die Champions League wird aber ab dem kommenden Jahr gar nicht mehr im Free-TV zu sehen sein, weil niemand bereit war, die geforderten Gelder zu zahlen. Wird der Fußball so nicht eher zu einer exklusiven Veranstaltung?

GABRIEL: Das Stadion ist ein ungemein vitaler sozialer Ort, in dem Menschen unterschiedlichster Hintergründe regelmäßig zusammen kommen. In Deutschland sind die Ticketpreise im Vergleich zu England oder Italien ja noch erschwinglich. Hier manifestiert sich also noch ein Bewusstsein für die soziale Verantwortung des Sports. Und in England, wo Fußball schon lange hauptsächlich im Bezahlfernsehen läuft, hat der Fußball gesellschaftlich nicht an Bedeutung verloren. Die Leute gehen zum gucken eben in die Kneipe. So entstehen neue Orte der Begegnung.

Kann der Fußball auf Dauer im Spagat zwischen gesellschaftlicher Basis und Gewinnmaximierung überleben?

GABRIEL: Nur wenn er auf allen Verantwortungsebenen erkennt, dass die Beziehung zu den Menschen zentral für sein Erfolgsmodell ist. Der Zugang zum Sport muss auf allen gesellschaftlichen Ebenen möglich sein. Nur wenn das gewährleistet ist, kann man sich über neue Vermarktungsstrategien Gedanken machen. Eine Austragung des DFB-Pokalfinals in Asien wäre deswegen falsch.

Was genau müssten die Verantwortlichen tun?

GABRIEL: Zum einen Möglichkeiten zur Mitgestaltung für Fans schaffen. Aber auch dringend für einen gerechten Wettbewerb sorgen. Dass Bayern München fünfmal hintereinander Meister wird, stellt eine große Gefahr da. Die Fans kommen ja wegen des Unvorhersehbaren ins Stadion. Deshalb müssen Regulierungen her, um die Faszination des Spiels zu erhalten.

Zur Person

Michael Gabriel (Foto: privat) kennt sich in der Fanszene bestens aus. Der 53-Jährige betreut seit 25 Jahren Fanprojekte. Seit 2006 ist er Leiter Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS).

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