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Interview: Psychiater über den Druck im Profi-Fußball

Profifußballer sind nur Menschen. Sie kassieren zwar üppige Gehälter, sind aber trotzdem Ängsten ausgesetzt. Denn sie werden schließlich permanent beobachtet, bewertet, diskreditiert – und dürfen sich nicht beschweren. Oder doch? „Profifußballer dürfen sich beklagen, obwohl sie deutlich mehr verdienen als der Ottonormalverbraucher“, sagt Dr. Tobias Freyer, der als Ärztlicher Direktor in der Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad arbeitet und sich auf die Behandlung psychisch kranker Leistungssportler spezialisiert hat.
Per Mertesacker beklagte sich kürzlich über die psychischen Belastungen, denen er als Profifußballer ausgesetzt ist. Foto: John Walton (imago sportfotodienst) Per Mertesacker beklagte sich kürzlich über die psychischen Belastungen, denen er als Profifußballer ausgesetzt ist.

Per Mertesacker hat kürzlich in einem Spiegel-Interview mit Äußerungen zum Druck im Profifußball für Aufsehen gesorgt. Waren Sie überrascht, dass er mit seinen Problemen den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hat?

TOBIAS FREYER: Dass Per Mertesacker einer von jenen Fußballprofis ist, die über den Tellerrand hinausschauen und durchaus auch mal kontroverse Themen ansprechen, war ja bekannt. Und als Sportpsychiater beschäftige ich mich natürlich explizit mit der Häufigkeit von psychischen Belastungen im Profisport. Insofern hat mich dieses Interview inhaltlich nicht überrascht, allerdings schon, dass Mertesacker als noch aktiver Spieler zum jetzigen Zeitpunkt den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hat. Ich halte seinen Schritt für mutig und richtig und hoffe, dass dadurch eine wichtige Debatte neu entfacht wird. Man müsste sich meines Erachtens viel intensiver mit den Belastungen im Hochleistungssport auseinandersetzen und den Akteuren verstärkt aufzeigen, wie sie damit richtig umgehen können.

Dr. Tobias Freyer ist der Überzeugung, dass psychische Erkrankungen im Hochleistungssport ähnlich häufig wie im Rest der Gesellschaft auftreten. Bild-Zoom
Dr. Tobias Freyer ist der Überzeugung, dass psychische Erkrankungen im Hochleistungssport ähnlich häufig wie im Rest der Gesellschaft auftreten.

Per Mertesacker sagte unter anderem, dass er das Halbfinal-Aus der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 als Erleichterung empfunden habe. Wie kann es sein, dass ein Hochleistungssportler so tickt?

FREYER: Für den Fan klingt das natürlich zunächst einmal total abstrus. Jeder, der mal Leistungssport betrieben hat, kann das aber sicher ein Stück weit nachvollziehen. Mertesacker meinte damit gewiss diese Befreiung, die man verspürt, wenn man etwas hinter sich gebracht hat, nachdem zuvor viel Druck existiert hatte. Wenn der Druck immens ist, dann kann es passieren, dass ein Sportler einfach nur froh ist, wenn etwas vorbei ist – egal ob mit gutem oder schlechtem Ausgang. Ich kann Mertesackers Gedankengänge vielleicht auch insofern nachempfinden, da ich selber einmal als junger Erwachsener Leistungssport betrieben habe. Ich kann aber auch den durchschnittlichen Fan verstehen, der solche Äußerungen nicht hochdifferenziert betrachtet, deshalb enttäuscht ist und sich fragt: Wie kann so jemand ein Profisportler sein?

Ex-Profis wie Giovane Elber und Lothar Matthäus kritisierten Mertesackers Verhalten scharf. Einige meinten, dass er als Millionär den Druck aushalten müsste...

FREYER: Grundsätzlich ist es so, dass alles Geld der Welt nicht vor psychischen Problemen schützt. In allen gesellschaftlichen Schichten können Menschen Drucksituationen ausgesetzt sein, die sie als unangenehm empfinden und die Ausgangspunkt einer psychischen Erkrankung sein können. Natürlich kann man kritisch hinterfragen, ob Profifußballer so viel Geld verdienen sollten, aber das sollte nicht den Sportlern vorgeworfen werden. Denn letztlich verdienen sie doch nur so viel, weil die Öffentlichkeit sehr an ihnen interessiert ist und weil sie entsprechend vermarktet werden können. Profifußballer dürfen sich daher meines Erachtens auch beklagen, obwohl sie deutlich mehr verdienen als der Ottonormalverbraucher. Und Belastungssituationen benennen und sich diesbezüglich Unterstützung holen sollten sie auch. Denn sonst nimmt etwa die Verletzungsanfälligkeit zu, wovon weder der Sportler noch der Fan etwas hat.

„Man sollte das Thema nicht verharmlosen“

Dass mancher Profifußballer unter dem öffentlichen Druck leidet, ist wenig verwunderlich. Zumal die Erwartungshaltung schon immer hoch war – und in den vergangenen Jahren eher zu- als

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Glauben Sie, dass Per Mertesacker eine rosige Zukunft im Fußballgeschäft haben kann?

FREYER: Es wäre zumindest sehr wünschenswert. Denn aus fachlicher Sicht kann ich es natürlich nur befürworten, dass im Profifußball mit dem Thema psychische Gesundheit offen umgegangen wird. Ich glaube, dass Per Mertesacker in einer kontinuierlichen Debatte zu einem zentralen Akteur werden kann – zumal er ja nach seinem Karriereende das Nachwuchszentrum von Arsenal London leiten will. Den Nachwuchs im Umgang mit Stress zu schulen, ist eine enorm wichtige Aufgabe. Denn der Druck im Profifußball wird mit Sicherheit nicht abnehmen, sondern eher steigen. Wenn jungen Menschen früh entsprechende Kompetenzen vermittelt werden, dann können sie später souveräner mit Problemen umgehen. Jemand, der die Schattenseiten des Geschäfts intensiv kennengelernt hat, ist für eine solche Aufgabe bestens geeignet. Deshalb hat sich Per Mertesacker meiner Meinung nach mit seinen Äußerungen nicht disqualifiziert, sondern geradezu qualifiziert.

Nach dem Selbstmord des depressiven Ex-Nationaltorhüters Robert Enke im November 2009 hatten viele Funktionäre und Spieler ein Umdenken in der Branche gefordert. Was hat sich Ihrer Meinung nach seitdem verändert?

FREYER: In den Monaten nach Enkes Tod war die Branche schwer getroffen und forderte eine höhere Akzeptanz von psychischen Erkrankungen. Doch dann ist relativ schnell wieder Normalität eingekehrt. Insofern kann man einerseits annehmen, dass sich wenig verändert hat. Andererseits ist seitdem die Offenheit und das Problembewusstsein doch gestiegen. Nicht nur Vereine, sondern auch Psychiater haben sich gefragt, ob sie sich darum ausreichend gekümmert haben. Aus der damit verbundenen Debatte entstand das Berufsfeld der Sportpsychiater, das heißt Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, die sich als Versorgungsnetzwerk in eigenen Praxen und Insitutsambulanzen zahlreicher deutscher Universitätskliniken organisiert haben. Diese Spezialisierung und Fokussierung war notwendig, denn es ist ein inhaltlicher Unterschied ist, ob man einen depressiven Profifußballer oder einen depressiven Lehrer behandelt.

Frankfurts Kevin-Prince Boateng liegt nach einem Zweikampf auf dem Rasen. Foto: Bernd Thissen/dpa
Fußball Heimische Proficlubs setzen verstärkt auf psychologische ...

Mit seinen Äußerungen zum Druck im Profigeschäft hat Per Mertesacker eine gesellschaftliche Debatte angestoßen. Nicht nur der Deutsche Fußball-Bund (DFB), sondern auch viele Proficlubs haben das Problem erkannt und bieten ihren Spielern verstärkt psychologische Betreuung an.

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Mit welchen Problemen werden Sie konkret konfrontiert?

FREYER: Die Probleme sind einerseits sehr unterschiedlich, weil jeder Sportler natürlich seine eigene Lebensgeschichte mitbringt. Andererseits ähneln sich die Beschwerden aber auf der Symptomebene. Typische depressive Symptome wie beispielsweise Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug können im Profisportkontext larviert, das heißt verborgen sein. Dafür sind häufig Beschwerden wie eine verminderte Leistungsfähigkeit oder anhaltende Erschöpfung vorherrschend. Große Probleme können sportspezifische emotionale Belastungsphasen verursachen, etwa durch längere Verletzungspausen. Auch die Zeit nach dem Karriereende stellt viele Sportler vor Probleme, mit denen sie oft nicht zurechtkommen. Bei manchen Sportlern treten dann Probleme in den Vordergrund, die sie jahrelang ausgeblendet hatten, weil sie funktionieren mussten.

Arbeiten Sie auch verstärkt mit Vereinen zusammen?

FREYER: Ich betreue fast ausschließlich einzelne Sportler, da die Nachfrage von Vereinen sehr überschaubar ist. Deshalb war ich sehr überrascht und erfreut, dass sich vor Kurzem der Drittligist SV Wehen Wiesbaden bei mir meldete und Interesse an einer systematischen Zusammenarbeit signalisierte. Die Verantwortlichen sind davon überzeugt, dass in manchen Fällen die Erweiterung der rein sportmedizinischen beziehungsweise sportorthopädischen Sichtweise durch Einbezug des Sportpsychiaters einen Zugewinn bedeutet, was genau der richtige Ansatz ist. Die kontroversen Diskussionen um Mertesackers Aussagen verdeutlichen aber, dass diese Überzeugungen noch nicht überall angekommen sind. Manche Akteure im Profigeschäft haben veraltete Vorstellungen hinsichtlich der ärztlichen Behandlung von Sportlern. Dabei hatten Profifußballer auch vor 20 Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen, obwohl der Druck damals eher niedriger war.

Wie verbreitet sind psychische Erkrankungen im Hochleistungssport?

FREYER: Unter Sportpsychiatern geht man davon aus, dass sie ähnlich oft auftreten wie im Rest der Gesellschaft. Es gibt Daten, die für diese Annahme sprechen. Bestimmte Sportarten scheinen bei insgesamt ähnlichen Häufigkeiten für bestimmte psychische Erkrankungen anfälliger zu machen. So besteht zum Beispiel im Kunstturnen und in der Rhythmischen Sportgymnastik eine erhöhte Gefahr, dass Sportler Essstörungen entwickeln. Das gilt auch für Sportler, die in Gewichtsklassen antreten müssen. In Bezug auf den Hochleistungssport bin ich der Überzeugung, dass psychische Erkrankungen nicht vorwiegend unter Athleten jener Sportarten auftreten, die die meiste Aufmerksamkeit genießen. Psychische Belastungen sind in unserer Hochleistungsgesellschaft insgesamt weit verbreitet, weswegen sie wohl auch unter Sportlern weit verbreitet sind. Allerdings ist es umstritten, ob es heute mehr psychisch Kranke gibt als vor 20 Jahren. Denn damals wurde seltener über psychische Probleme gesprochen.

Viele Berufstätige sind steigendem Druck ausgesetzt. Fußballprofis müssen aber mit einer permanenten öffentlichen Bewertung zurechtkommen. Was macht das mit einem Sportler?

FREYER: Wenn die eigene Arbeitsleistung ständig in Frage gestellt wird, man manchmal diskreditiert und sogar bedroht wird, dann stellt das eine enorme Belastung dar. Dass es gerade junge Spieler nicht ausblenden können, wenn etwa Grabkreuze am Vereinsgelände des Hamburger SV aufgestellt werden, ist völlig klar. Das erhöht den Druck, den sich Hochleistungssportler ohnehin selbst machen, um ein Vielfaches. Sie haben in der Regel eine solch hohe intrinsische Motivation, weswegen sie Druck von außen eigentlich nicht brauchen. Insofern ist Druck von außen in der Regel negativer Stress. Dass manche Sportler viel länger als andere brauchen, um sich von einer spezifischen Verletzung zu erholen, kann auch mit öffentlichem Druck zusammenhängen. Je nachdem, wie der Einzelne die Situation erlebt, dauert es länger oder kürzer.

Hochleistungssportler zwischen 18 und 25 Jahren durchlaufen gleichzeitig eine sportlich und persönlich einschneidende Entwicklung. Was halten Sie davon, wenn Sportler diesen schwierigen Weg ohne fachliche Unterstützung bestreiten?

FREYER: Der Übergang vom Jugend- in das Erwachsenenalter ist grundsätzlich eine sehr fragile Phase. Deswegen kann ich es nur befürworten, wenn sich junge Menschen in dieser Phase bei Schwierigkeiten Unterstützung holen. Die Sozialisations- und Reifungsprozesse, die junge Profisportler durchlaufen, sind sehr herausfordernd. Das frühe Verlassen des Elternhauses und der Heimat eine nicht zu unterschätzende psychische Belastung. Trotzdem würde ich nicht pauschal sagen, dass alle grundsätzlich in Behandlung gehen oder Psychotherapie machen sollten. Entscheidend ist, dass sowohl die Sportler als auch die Vereine für das Thema sensibilisiert werden. Und dass im Bewusstsein aller drin ist, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich Hilfe sucht. Ich würde mir wünschen, dass das Thema psychische Gesundheit in den Leistungszentren der Bundesliga-Clubs verankert wird. Ich habe den Eindruck, dass die Spieler zwar intensiv betreut werden, aber alles der Leistungsoptimierung dienen soll. Die Clubs sollten verstärkt über den Tellerrand hinausschauen und die Psyche ihrer Spieler differenzierter betrachten. Denn wenn es im Kopf nicht stimmt, kann es auch im Körper nicht stimmen.

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