E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 17°C

Paralympics: Rollstuhlcurling ist vor allem Kopfsache

Von
Präzisionsarbeit: Heike Melchior (hinten) gibt Martin Schlitt beim Steinstoß den nötigen Halt. Präzisionsarbeit: Heike Melchior (hinten) gibt Martin Schlitt beim Steinstoß den nötigen Halt.
Frankfurt. 

Heike Melchior nimmt Maß. Den neonfarbenen Besenstiel, mit dem ihr Teamkollege Martin Schlitt den Punkt im sogenannten Haus, dem kreisförmigen Zielbereich im Curling, markiert, auf den ihr Stein gleich zugleiten soll, hat die 50-Jährige fest im Blick. Mit dem eigenen schwarzen Teleskopstab schiebt sie, in ihrem Rollstuhl nach vorne gebeugt, das 20 Kilogramm schwere Spielgerät kraftvoll in die vorgegebene Richtung. Mit einem lautlosen Klick löst es sich aus der Verankerung, scheint fast 40 Meter weit kerzengerade über das Eis zu schweben, bevor es ganz am Ende eine kleine Kurve schlägt.

Der Stein liegt gut, ganz nah dran am Dolly, dem Zentrum des Hauses, und zählt damit als Punkt. Den kleinen Schwenk verdankt er einem Impuls, den die erfahrene Spielerin ihm im letzten Moment mit einem kaum sichtbaren Dreh noch mitgegeben hat. Viel Gefühl ist dafür notwendig. Mehr noch als bei den sogenannten Fußgängern, die die Hand direkt am Griff der runden Granitblöcke haben. Und die mithilfe eifrigen Wischens deren Weg noch verlängern können. Den Rollstuhlcurlern bleibt dies versagt. „Wir müssen deshalb präziser spielen“, erklärt Melchior. Wenn sie ihren Stein auf die Reise geschickt haben, „können wir nur noch beten“.

Thomas Prokein traut der Ski-Alpin-Fahrerin Noemi Ristau aus Marburg in Pyeongchang eine Medaille zu.
Paralympics Thomas Prokein: "Es hat sich einiges zum Positiven ...

Knapp zwei Wochen nach der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang steigen ab Freitag die Wettkämpfe der paralympischen Athleten. Thomas Prokein, Referent für Sport und Lehre beim Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband, sprach vor den Spielen mit Redakteur Daniel Seehuber über die Chancen der hessischen Teilnehmer und über das öffentliche Interesse an den Paralympics.

clearing

Andächtige Stille herrscht jedoch nicht an diesem kühlen Samstagmorgen in der Frankfurter Eissporthalle. Im Gegenteil: Melchior, Schlitt und Wolf Meißner treiben zwischen den einzelnen Spielzügen muntere Späße miteinander. Es ist das letzte gemeinsame Training am Ursprungsort ihrer Curling-Karriere vor dem Abflug nach Pyeongchang. Dort, genauer in der Küstenstadt Gangneung, werden sie ab Samstag bei den Paralympics die deutschen Farben vertreten. Für alle drei ist es eine Premiere. Erst spät fanden sie zum Eissport. Auch weil sie alle ein Leben kennen, in dem sie nicht auf den Rollstuhl angewiesen waren. Bei Schlitt und dem 48-jährigen Meißner waren es Motorradunfälle, die den Alltag veränderten, bei Melchior eine Krebserkrankung. Geschwüre im Spinalkanal lähmten ihre Beine. Alle drei jedoch sind Kämpfer. Und sportlich ambitioniert.

Einsamer Anfang

Schlitt war es, der zuerst das gerne als Schach auf dem Eis bezeichnete Taktikspiel vor neun Jahren für sich entdeckte. Dabei war er in der zuständigen Abteilung der Frankfurter Eintracht erst mal der einzige Rollstuhlcurler. Obwohl die Parasportler selbst bei Turnieren bisweilen mit und gegen Fußgänger spielen, sei ihm das auf Dauer zu langweilig gewesen. So organisierte der gelernte Werbefotograf gemeinsam mit seiner Frau Petra eine Schnupperstunde und lockte seine heutigen Teamkollegen an. Die Mainhattan Ice-Wheelers waren geboren.

Einmal auf den Geschmack gekommen, ließen es die Hessen an Engagement nicht mangeln. Gleich im ersten Jahr gastierten sie bei einem internationalen Turnier in Prag, und von da an investierten sie viel Geld und Zeit in ihre Leidenschaft. „Wir sind fast jede Woche unterwegs“, erklärt Melchior, legen im Schnitt 10 000 Kilometer im Jahr für ihren Sport zurück. Von Anfang an pflegte Schlitt Kontakte zum Kreis der Nationalmannschaft, ließ sich von erfahrenen Spielern und Trainern Können und Wissen vermitteln. Bald rückten immer größere Ziele in greifbare Nähe.

Die deutsche Rollstuhlcurling-Szene ist überschaubar. Die Eiseskälte, die sich mit beheizten Socken und anderen Wärmemitteln nur begrenzt bekämpfen lässt, bremst bei vielen die Lust aufs Spiel. Zudem gibt es landesweit nur 13 Hallen für diese Art von Wintersport; nicht jede davon ist barrierefrei.

Die Deutschen haben es beim Messen mit der internationalen Konkurrenz entsprechend schwer. 2010 in Vancouver waren sie bei den Paralympics dabei, die Spiele vier Jahre später in Sotschi verpassten sie. Zumindest stiegen sie bei den Weltmeisterschaften im gleichen Jahr in die A-Gruppe auf und konnten seitdem genügend Punkte sammeln, um das Ticket nach Asien zu lösen. Mehr als einen Platz im Mittelfeld rechnen sich Schlitt und seine Teamgefährten dort nicht aus. Auch, weil die Gegner über ganz andere Voraussetzungen verfügen, Rollstuhlcurling etwa in Russland oder der Schweiz viel professioneller betrieben wird und die Spieler vor Großereignissen wochenlang fürs Training freigestellt sind. „Wir müssen für Maßnahmen Urlaub nehmen“, erklärt Heilpädagogin Melchior, der für die Zeit der Spiele ihr Arbeitgeber jedoch entgegenkam. Und die durch ihren Freund, den Nationaltrainer der Eidgenossen, beste Vergleichsmöglichkeiten genießt. Immerhin hilft ein Sportpsychologe bei der richtigen Einstellung. Rollstuhlcurling belastet vor allem den Kopf. Melchior, die sich selbst als „zwickelig“ bezeichnet, genießt diese Abwechslung von den anderen, dynamischeren Sportdisziplinen, die sie aktiv betreibt. Und Meißner, der sich auf dem Trike – einem motorisierten Dreirad – gerne mit Geschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern fortbewegt und deutscher Meister im Tischtennis war, tut die Ruhe ebenfalls gut.

Die letzte Übungseinheit in Frankfurt ist nun auch vorbei. Das Eis in der kleinen Nebenhalle der großen Hockey- und Kunstlauffläche ist aufgrund der Dauernutzung sowieso nicht eben genug, um noch einmal ernsthaft für die große Aufgabe zu üben. Beim Zusammenpacken lässt Melchior sich gerne mal von den Männern bedienen. „Ich bin das Prinzesschen im Team“, erklärt sie gut gelaunt. Anders als bei den Fußgängern spielt man bei den Rollis in gemischten Formationen; mindestens eine Frau muss dabei sein. Warum sollte sie sich da nicht ein bisschen verwöhnen lassen?

Zur Startseite Mehr aus Sport

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen