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Attacke auf Spielfeld: Schiedsrichter Simon Henninger trotzt der Gewalt

Die Fußball-Schiedsrichter bei den Amateuren haben ganz andere Sorgen als jene in der Bundesliga: Der Videobeweis, der landauf, landab diskutiert wird, ist da eher ein Luxusproblem. Im schlimmsten Fall droht den Spielleitern Gewalt. Zwei Betroffene berichten.
Mutiger junger Schiedsrichter: Simon Henninger Foto: Fabian Sommer (dpa) Mutiger junger Schiedsrichter: Simon Henninger
Frankfurt. 

Simon Henninger hat das Schmerzensgeld an die Schiedsrichtervereinigung Main-Taunus, gespendet. 1000 Euro, unter anderem für eine Gehirnerschütterung. „Als ich damals in die Kabine kam, habe ich meinem Papa gesagt: Von den Leuten lass’ ich mir das Pfeifen auf keinen Fall nehmen.“

Lutz Wagner
Gewalt an Schiedsrichtern DFB-Schiedsrichterausbilder Lutz Wagner: „Ein Fall ...

Fußballschiedsrichter haben es nicht einfach heutzutage. Sie müssen mit Kritik leben und umgehen können, manchmal sogar mit Gewalt gegen die eigene Person. Sportchefin Kerstin Schellhaas sprach darüber mit dem früheren Bundesliga-Referee Lutz Wagner (54), heute Lehrwart beim DFB und verantwortlich für die Nachwuchs- und Talentförderung der Schiedsrichter.

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Burkhard Schütz kämpft immer noch mit den Folgen seiner Handverletzung, nachdem er verprügelt wurde. Er will jetzt aufhören als Referee – nach 40 Jahren und insgesamt mehr als 1000 Spielen: „Ich habe immer gesagt, wenn ich mal tätlich angegriffen werde, dann ist Schluss.“

Der 17 Jahre alte Henninger aus Bad Soden – Schiedsrichter für die SG Kelkheim – und der Darmstädter Schütz, bereits 56, zählen zu jenen Schiedsrichtern, die eine bittere Erfahrung gemacht haben: Gewalt bei Fußballspielen, bei Jugendspielen. Das Duo steht vielleicht nicht exemplarisch für eine Entwicklung, aber doch zumindest für eine Wahrnehmung in den unteren Spielklassen: Dass nicht nur der Umgangston rauer geworden ist. Verlässliche Zahlen über körperliche Attacken gegen Unparteiische gibt es nicht. „Der Sportplatz ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, sagt Michael Grieben, Leiter der Schiedsrichter-Abteilung des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV). Er betont aber auch: „Es herrscht kein Mord- und Totschlag auf den Sportplätzen.“ Viele Vereine und Verbände klagen über Nachwuchssorgen bei den Spielleitern. „Das ist kein Problem speziell der Schiedsrichter, sondern der Gesellschaft“, erklärt Grieben. Das Ehrenamt habe auf allen Ebenen an Zuspruch verloren – auch auf dem Rasen. Und zum Schiedsrichter-Dasein gehöre eben mehr als die 90 Minuten: Verwaltungskram, Fortbildungen, oft längere Anfahrten.

„Es werden von Jahr zu Jahr weniger“, sagt Henninger über seine Kollegen an der Basis. Und: „In den letzten Jahren ist es schwieriger geworden, sich auf dem Feld durchzusetzen. Von Elternseite gibt es massiven Druck, selbst auf 14-jährige Spieler. Und auch auf die Schiedsrichter.“ Er wurde „von mehreren Spielern attackiert und zusammengeschlagen“. Über Details möchte Henninger nicht mehr sprechen, der Fall sei juristisch abgeschlossen. Die Strafen vom Kreissportgericht wurden nicht öffentlich gemacht, da die Täter minderjährig sind.

Schütz lauerten nach einem wüsten A-Jugendspiel, bei dem erboste Zuschauer für einen Abbruch gesorgt hatten, mehrere Spieler auf, als er über einen unbeleuchteten Platz Richtung Kabine gehen wollte. „Ein Spieler, der Rot gesehen hatte, ist in Kung-Fu-Manier auf mich los. Ein Stein flog an meine rechte Hand.“ Schütz ist Polizeibeamter und eigentlich nicht so leicht zu erschrecken. Der Vorfall hat ihn tief getroffen, und er fühlt sich auf dem Weg zu einer Zivilklage allein gelassen. Wegen der Knochenabsplitterungen an den Fingern musste er operiert werden. „Ich habe schon öfter schlechte Erfahrungen gemacht, mit verbalen Angriffen, aber so was . . .“ Der Verein der jungen Gewalttäter habe sich noch nicht einmal bei ihm entschuldigt.

In diesem Monat haben zwei erfahrene Schiedsrichter bei einem Hallenturnier in Hanau kurzerhand ihre Tasche gepackt, weil sie aufs Übelste von Zuschauern beleidigt worden waren. Der Hessische Landessportbund veranstaltete kürzlich eine Podiumsdiskussion zum Thema „(Kein) Respekt für Schiedsrichter?“; dabei wurde unter anderem Henninger ausgezeichnet. Tenor: Den Vereinen gehen langsam die Spielleiter aus. „Die Zeiten haben sich leider geändert: Waren Schiedsrichter früher inkarnierte Respektspersonen, schlägt ihnen heute häufig Ablehnung oder gar Hass entgegen“, sagt Professor Heinz Zielinski vom Landessportbund.

Jetzt selbst im Lehrstab

Schütz will es sich – trotz alledem – noch mal überlegen: „Vielleicht pfeife ich noch Alte Herren und die Kleinen bis zur C-Jugend, die kriege ich vielleicht noch gebändigt.“ Simon Henninger bleibt auf jeden Fall Schiedsrichter. Er bekam nach der Attacke auf ihn Hilfe von der Kreisschiedsrichtervereinigung Main-Taunus. „Mehrere erfahrene Kollegen haben sich um ihn gekümmert“, berichtet Ralf Moser, Schiedsrichter-Obmann im Fußballkreis Main-Taunus. „Ich hätte gedacht, er hört auf.“ Von wegen. Simon Henninger ist als Assistent mittlerweile in der Verbandsliga angekommen und in einem Förderkader für junge Referees. „Es ist spannend, sich auf dem Platz durchzusetzen. Man muss den Fußball verstehen, Situationen antizipieren“, sagt der angehende Abiturient vom Taunus-Gymnasium in Königstein, der sich jetzt sogar selbst schon im Lehrstab der Schiedsrichtervereinigung Main-Taunus engagiert.

Mehr als 70 000 Schiedsrichter pfeifen unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und halten den Spielbetrieb aufrecht. Damit das so bleibt, muss der Verband einiges tun. Die Entwicklung der Referees ist ein Thema des DFB-Masterplans mit dem Namen „Zukunftsstrategie Amateurfußball“. Der DFB ehrt mit der Aktion „Danke Schiri“ zudem regelmäßig Unparteiische. Sponsor Dekra wirbt damit, dass die Unparteiischen Woche für Woche mit Neutralität, Sachverstand und einer großen Portion Leidenschaft Fair Play ins Spiel bringen – Titel der Anzeige: „Ein harter Job.“ dpa/kes

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