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Sport: Snowboard-Bundestrainer: "Wir kämpfen nicht gegen andere Sportarten"

Die Olympischen Winterspiele in Südkorea verliefen für viele deutsche Athleten erfreulich. Für Skispringer, Biathleten und Eiskunstläufer, nicht aber für Snowboarder in den jungen Freestyle-Disziplinen. Sportredakteur Daniel Seehuber sprach mit Bundestrainer Michael Dammert über die Lage und Perspektiven der Disziplinen Big Air, Slopestyle und Halfpipe in Deutschland.
Michael Dammert ist seitdrei Jahren Bundestrainer. Bilder > Michael Dammert ist seitdrei Jahren Bundestrainer.

Von heute bis Sonntag steigen die Deutschen Snowboard-Meisterschaften in den Disziplinen Slopestyle und Halfpipe – im österreichischen Kühtai. Wann werden die Titelkämpfe mal in Deutschland stattfinden?

MICHAEL DAMMERT: Gute Frage! Derzeit wäre das gar nicht möglich, da es in Deutschland keine Halfpipe gibt. Ob sich an der Situation in den nächsten Jahren etwas ändert, hängt vor allem von der strategischen Ausrichtung im deutschen Wintersport ab und inwiefern wir Förderungen im infrastrukturellen Bereich erhalten. Hinzu kommt, dass es hierzulande nur wenige Orte gibt, an denen eine Halfpipe Sinn machen würde. Spontan fallen mir nur die Zugspitze oder der Olympiastützpunkt in Berchtesgaden ein. Für unseren Nachwuchs wäre es eine immense Erleichterung, direkt vor der Haustür trainieren zu können. Ich persönlich bin aber diesbezüglich skeptisch. Zum einen kämpfen wir schon länger vergeblich um eine Halfpipe, zum anderen sind damit hohe Kosten verbunden. Im Winter müsste sich eine Person in Vollzeit um die Anlage kümmern, damit sie in adäquatem Zustand bleibt. Als sehr kleiner Verband fehlen uns aber dafür derzeit die finanziellen Mittel. Wir haben einen sehr schweren Stand, da ähnlich aufwendige Sportarten wie Skispringen und Rodeln mehr im Fokus stehen.

Führt der Snowboard Verband Deutschland einen Kampf gegen Windmühlen?

DAMMERT: Es fühlt sich tatsächlich häufig so an. Betonen möchte ich aber, dass wir nicht gegen andere Sportarten kämpfen, weil wir es super finden, dass es sie gibt. Wir kämpfen eher für eine breitere Aufstellung im deutschen Wintersport und gegen verzehrte Wahrnehmungen von Entscheidungsträgern, die uns das Leben schwer machen. Manchmal muss man sich Dinge anhören, die man einfach nicht nachvollziehen kann. Uns wurde bereits vorgehalten, dass das Interesse an Snowboard in Deutschland gering sei, weil nur sieben Prozent der Mitglieder im Deutschen Skiverband Snowboarder sind. Da frage ich mich: Wie viele aktive Skispringer oder Rodler gibt es eigentlich? Solche Statistiken sind meines Erachtens ein schlechtes Kriterien, um das öffentliche Interesse an einer Sportart zu messen. Ich bin mir sicher, dass sich viele Menschen für die Snowboard-Disziplinen interessieren würden, wenn die Fernsehpräsenz höher wäre. Das ist in Mitteleuropa ein generelles Problem.

Wie gut ist Deutschland in den Freestyle-Disziplinen im Snowboardbereich in sportlicher Hinsicht aufgestellt?

DAMMERT: Es gibt viel Luft nach oben, aber wir sind gut aufgestellt. Leider hatten unsere Athleten zuletzt etwas Pech, weswegen wir in diesem Jahr nur mit zwei Teilnehmern zu den Olympischen Spielen fahren konnten. Silvia Mittermüller etwa hat in den Disziplinen Slopestyle und Big Air eine hervorragende Entwicklung genommen und konnte in den vergangenen beiden Jahren einige Weltcup-Siege feiern. Bei Olympia hätte sie weit vorne landen können, hatte dann aber das große Pech, dass sie beim Warm-up zum Slopestyle-Event von einer Windböe erwischt wurde, sich schwer verletzte und aufgeben musste. Leider konnte auch Johannes Höpfl in der Halfpipe nicht zeigen, was er drauf hatte. Er und André Höflich gehören in dieser Disziplin schon jetzt zur erweiterten Weltspitze. Auch im Big-Air-Bereich sehe ich viel Potenzial, einige unserer Athleten wie Leon Vockensberger zählen zur europäischen Spitze. Da Big Air in Deutschland noch nicht so lange betrieben wird und die Athleten noch sehr jung ist, ist aber noch nicht absehbar, wie die weitere Entwicklung verlaufen wird. Fakt ist, dass Deutschland im Snowboard-Bereich Entwicklungsland ist. Das hängt auch damit zusammen, dass früher gepredigt wurde, dass man erst Ski fahren und später auf das Snowboard umsteigen sollte. Deswegen sind viele Talente spät zu uns gekommen und haben es nun schwerer.

Wie viel Aufwand müssen ambitionierte deutsche Freestyle-Snowboarder betreiben?

DAMMERT: Sehr viel! Der Snowboard Verband Deutschland unterstützt die Sportler zwar, indem er etwa Flüge zu Trainingslagern und Wettkämpfen bezahlt und sich um die Unterbringung kümmert. Außerdem können Sie Förderplätze bei der Bundeswehr oder Polizei erhalten. Ohne diese Unterstützung würde es nicht gehen, denn unsere Athleten können nicht arbeiten, weil sie quasi das ganze Jahr auf Reisen sind. Unsere Halfpipe-Athleten trainieren etwa im August und September in Neuseeland, im Oktober in der Schweiz, im November in Österreich und im Dezember in den USA, ehe von Januar bis März Wettkämpfe in der ganzen Welt anstehen. Im April und Mai sind sie dann wieder in der Schweiz, im Juni geht es nach Frankreich. Nur im Juli sind wir in Berchtesgaden am Stützpunkt. In den anderen beiden Disziplinen ist der Aufwand nicht geringer. Für unsere Athleten ist das kräftezehrend, zumal unsere jungen Athleten noch zur Schule und sie nebenbei lernen müssen. Aufgrund dieser extremen Belastungen haben wir schon einige Talente verloren.

Der Alpindirektor des Deutschen Skiverbandes, Wolfgang Maier, hat kürzlich die Rahmenbedingungen für Ski-Freestyler hierzulande angeprangert. Falls sich die Fördermittel nicht deutlich erhöhen würden, hätte man international keine Perspektive. Wie stehen die Snowboard-Freestyler da?

DAMMERT: Relativ gut! Denn wir haben uns in den vergangenen Jahren sehr auf die Nachwuchsarbeit konzentriert und daher nun eine breite Basis an jungen Sportlern, die international konkurrenzfähig sind. Die Ski-Freestyler haben hingegen vor allem auf ihre altgedienten Athleten gesetzt und wesentlich weniger in die Nachwuchsförderung investiert. Unser Vorteil ist, dass wir in unseren eigenen Verband organisiert sind und die Dienstwege daher kurz sind. Die Ski-Freestyler sind hingegen ein kleiner Teil eines großen Verbandes. Ich glaube, dass ihr Kampf wesentlich schwerer als unserer ist.

In Mönchengladbach steigt in diesem Jahr zum dritten Mal das „Arag Big Air Freestyle Festival“, das im vergangenen Jahr an zwei Tagen fast 20 000 Zuschauer anlockte. Gäbe es einen Markt für weitere solcher Veranstaltungen?

DAMMERT: Ich bin der Überzeugung, dass solche Events in jedem Ballungszentrum in Deutschland auf große Resonanz stoßen würden – auch im Rhein-Main-Gebiet. Allerdings ist unser Verband in der jetzigen Besetzung nicht in der Lage, weitere Veranstaltungen dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen. Wir sind längst am Limit.

Was muss passieren, damit bei den nächsten Olympischen Spielen deutsche Athleten dabei sind und vielleicht auch um Medaillen mitkämpfen?

DAMMERT: Klar ist: Wir haben genügend Athleten, die das nötige Potenzial mitbringen. Wenn sich aber die Rahmenbedingungen nicht verbessern, brauchen wir nicht von Medaillen zu träumen. Am Stützpunkt in Berchtesgaden haben wir immer noch keine Skateboard-Halfpipe, wie sie in unzähligen Gemeinden in Deutschland steht. Seit drei Jahren bemühe ich mich bereits darum! Im Slopestyle- und Big-Air-Bereich sind unsere Probleme noch größer. Wir benötigen unbedingt eine Air-Bag-Anlage, damit unsere Sportler ihre Sprünge üben können. Auf eine solche Anlage können die Athleten springen und ihre Sprünge ausfahren, verletzen sich aber nicht, wenn sie stürzen. In anderen Ländern stehen schon lange Air-Bag-Anlagen – Deutschland ist geradezu mittelalterlich aufgestellt. Ohne eine solche Anlage können unsere Athleten bestimmte Sprünge nicht üben. Wenn man einen sehr riskanten Sprung erstmals im Schnee probiert, dann ist das nämlich extrem gefährlich. Wir sprechen diesbezüglich nicht von einer Gehirnerschütterung, sondern von gebrochenen Knochen und kaputten Gelenken. Auf einer Air-Bag-Anlage kann man alle Sprünge sicher einstudieren.

Glauben Sie, dass Deutschland mal eine Snowboard-Nation wird?

DAMMERT: Ich glaube daran, aber es wird ein sehr langer Weg. Fest steht für mich: Der weltweite Snowboard-Boom wird weitergehen. Die Frage ist, wann der deutsche Wintersport auf den Zug aufspringen wird. Meine Befürchtung ist, dass man erst richtig hinfallen muss, um dann mehr in den Snowboardbereich zu investieren. Wir haben genügend Talente, um mittelfristig in der Weltspitze mitmischen zu können, sind aber auf Unterstützung angewiesen.

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