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American Football: So gewann Frankfurt Galaxy 1995 den World Bowl

Von Mit dem Eurobowl-Spiel bei den Amsterdam Crusaders startet die Frankfurt Universe am Samstag in die neue Football-Saison. Vor 23 Jahren feierte dort der Vorgängerverein, die Frankfurt Galaxy, den ersten großen Erfolg seiner Vereinsgeschichte: den World Bowl der NFL Europe.
Galaxy-Fans beim World-Bowl-Finale in Amsterdam. Galaxy-Fans beim World-Bowl-Finale in Amsterdam.

Am 17. Juni 1995 ist die A3 in nordwestlicher Richtung lila. Es ist die Farbe der Frankfurt Galaxy, genannt auch die „Men in Purple“. Tausende Fans sind an diesem Samstag auf der Autobahn unterwegs, ein Großteil von ihnen in über 50 Bussen, die der Verein für das Saisonhighlight in Amsterdam bereitgestellt hat. Die Frankfurter gelten als die reisefreudigsten und wildesten Fans in der ganzen Liga. Sie tragen die schrillen, übergroßen lila Jerseys mit der orangenen Milchstraße auf der Brust und der Nummer 95 auf dem Rücken, Mützen in der veilchenblauen Farbe gehören ebenso zur Ausstattung.

Peter Bauer (Erster von rechts in der mittleren Reihe) ist ein Galaxy-Fan der ersten Stunde. Archivfoto: Privat Bild-Zoom
Peter Bauer (Erster von rechts in der mittleren Reihe) ist ein Galaxy-Fan der ersten Stunde. Archivfoto: Privat

Unter den rund 10.000 Fans, die an diesem Tag nach Holland reisen, ist auch Peter Bauer aus Großkrotzenburg im Main-Kinzig-Kreis. Aber Bauer ist nicht irgendein Galaxy-Anhänger. Die Bild-Zeitung hat ihn einst zum verrücktesten Fan Frankfurts gekürt, nachdem er sich nach einem Sieg ein Tattoo auf seinem Oberarm hatte stechen lassen – einen lila Football-Helm. „Die Stimmung war schon auf der Hinfahrt fantastisch“, erinnert er sich 23 Jahre später. Die Busse überholen sich gegenseitig, begrüßen sich hupend, die Galaxy-Anhänger jubeln einander durch die Fenster zu. Da spielen auch Unannehmlichkeiten wie ein undichtes Dach keine große Rolle mehr. „Die Busse waren nicht alle die neuesten, in unseren hat es etwas reingeregnet“, schmunzelt Bauer.

Knapp 60.000 Fans im Waldstadion

Am frühen Nachmittag erreicht der Tross das altehrwürdige Olympiastadion in Amsterdam – die Arena des World-Bowl-Finals gegen die Amsterdam Admirals. Die Galaxy-Fans, die im Vergleich zu den heimischen Fans nur leicht in Unterzahl sind, machen ordentlich Stimmung auf den Rängen: sie schwenken orange-lila Fahnen, trommeln, singen – auch bengalische Feuer werden vereinzelt gezündet. „Sehr beliebt waren auch die Papierschlachten“, erzählt Bauer. Dabei warfen die Fans unterschiedlich geformte Schnipsel nach oben, die wie ein Konfettiregen aussehen. Mit dabei im Stadion sind auch rund 300 Anhänger des Ligarivalen Rhein Fire Düsseldorf. „Das Schöne an Football ist, dass es keine Feindschaften zwischen den Fans gab. Ganz anders als beim Fußball. Man ist mit allen gut ins Gespräch gekommen“, sagt Bauer.

Stadionsprecher und Hörfunkmoderator Werner Reinke. Archivfoto: Privat Bild-Zoom
Stadionsprecher und Hörfunkmoderator Werner Reinke. Archivfoto: Privat

Die Galaxy ist zu jener Zeit ein Zuschauermagnet in der Sportstadt Frankfurt. Zu den Heim-Spielen im Waldstadion kommen im Schnitt 30.000 Fans – anfangs viele Soldaten der US-Army, mit der Zeit auch immer mehr Deutsche. Eines der Spiele gegen die Rhein Fire Düsseldorf wollen sogar 58.000 Fans live erleben. Legendär sind auch die Pre-Game-Partys. Für die Stimmung sorgt auf der Bühne der Stadionsprecher und Hörfunkmoderator Werner Reinke. „Er war das Zugpferd“, sagt Bauer. Aus den Boxen hallt bei der Party rockige Musik, an den Ständen verbreitet sich der Geruch von frischgegrilltem Rindfleisch. Ein Stück „American Feeling“ in Frankfurt.

Startschuss im Sommer 1991

Angefangen hat alles am 23. März 1991. An jenem Tag fiel der Startschuss für die World League of American Football (WLAF) – die Vorgängerliga der NFL Europe. Sie war zunächst als Ableger der US-amerikanischen Profiliga NFL konzipiert, an denen neben US-amerikanischen auch drei europäische Teams teilnahmen: London Monarchs, Barcelona Dragons und Frankfurt Galaxy. Die Frankfurter waren damit das erste deutsche Profiteam im American Football. „Ich war von Anfang an bei der Galaxy dabei“, sagt Bauer nicht ohne Stolz. Sportbegeistert sei er schon immer gewesen, Fußball war für ihn lange die Nummer eins. Durch Super-Bowl-Partys, die in einer Großkrotzenburger Gaststätte bei einem US-amerikanischen Gastwirt übertragen wurden, wurde Bauer schließlich auch vom American Football angefixt. „Damals gab es sehr wenige Möglichkeiten, diese Sportart im Fernsehen zu schauen“, sagt Bauer. Der Grund: Die Spiele wurden bis in die frühen 90er Jahre hinein nur vom amerikanischen Sender AFN übertragen, die Empfangsgeräte konnten aufgrund eines anderen Systems aber entweder nur Ton oder nur Bild übertragen – es sei denn, man besaß einen entsprechenden Adapter.

Headcoach Ernie Stautner. Archivfoto: Privat Bild-Zoom
Headcoach Ernie Stautner. Archivfoto: Privat

Das Spiel in Amsterdam ist die Krönung einer Saison, die nicht durchgehend gut für die Galaxy verlief. Die Frankfurter mussten bis zum Schluss um den Einzug ins Endspiel zittern. Dank eines fulminanten Endspurts beim 44:20-Sieg in Barcelona lösten sie das Ticket für das große Finale. Es sollte ausgerechnet in der Spielstätte des Endspiel-Gegners stattfinden. Ohne Rückspiel. Wer an dem Tag besser ist, kann den Pokal in die Höhe recken.

Bobby Olive mit zwei Touchdowns

Den Kern der Mannschaft bilden die US-Boys, die Stars unter ihnen sind die Wide Receiver Bobby Olive und Mario Bailey sowie der Quarterback Paul Justin. In der Regel bleiben die Amerikaner nur für ein Jahr in Europa, Bailey entwickelt sich jedoch zu einem Publikumsliebling und bleibt sogar für sechs Jahre in Frankfurt. Olive ist einer der Stars des Abends. Zweimal wird er mustergültig von Quarterback Paul Justin in Szene gesetzt und kann sich in der Endzone feiern lassen. Nach zwei weiteren Touchdowns von Mike Bellamy und Nathaniel Bolton liegen die Frankfurter Anfang des vierten Quarters sogar mit 26:7 vorne.

 

Doch es wird nochmal spannend. In der letzten Minute verkürzen die Admirals auf 22:26. Es sind noch 34 Sekunden zu spielen. Der Amsterdamer Quarterback versucht, durch sogenannte Hail-Mary-Pässe auf gut Glück die große Distanz mit einem einzigen Wurf in die Endzone zu überbrücken, doch keiner der langen Bälle erreicht einen seiner Mitspieler. Es ist geschafft: Die Frankfurt Galaxy holt den World Bowl. Ein buntes Feuerwerk ziert das Stadion, die „lila Family“ ist außer Rand und Band. Justin wird zum Most Valuable Player (MVP) des Spiels gekürt.

Wide Receiver Bobby Olive. Archivfoto: Privat Bild-Zoom
Wide Receiver Bobby Olive. Archivfoto: Privat

Peter Bauer und seine Mitstreiter haben keine Zeit in Amsterdam zu feiern – sie sind schließlich auf die Busse angewiesen. „Dafür gab es am nächsten Tag einen Empfang im Römer“, erinnert er sich. Mit hunderten anderen Fans jubelte er den auf dem Balkon feiernden Spielern zu.

Mühsamer Weg nach oben

In den folgenden Jahren steht die Galaxy noch sechs weitere Male im Finale des World Bowls – drei Mal mit positivem Ausgang. Nach der Endspielteilnahme 2007 ist es aber vorbei mit der europäischen NFL – der Betrieb wird eingestellt, damit ist auch die Galaxy vorerst Geschichte. „Wir waren natürlich sehr traurig, dass es vorbei ist“, sagt Bauer. Doch die Fans lassen es nicht einfach so stehen – nur wenige Wochen später gründen sie die Frankfurt Universe – wieder lila-orange, mit einem ähnlichen Logo und durch die Namensgebung mit einem klaren Bezug zu dem NFL-Europe-Team. Bauer befindet sich allerdings nicht unter den Gründungsvätern. „Das war einfach nicht mehr das Gleiche.“ Die Universe startet 2008 in der Landesliga einen Marsch in die höchste Spielklasse Deutschlands (GFL) – zwischenzeitlich sogar für eine Saison wieder unter dem Namen Galaxy –, greift aber bisher vergeblich nach den Titeln. Im Weg stehen den Frankfurtern meistens die übermächtigen New Yorker Lions Braunschweig. Doch diesmal beginnt die Saison in Amsterdam – und viele Fans sehen das als ein gutes Zeichen.

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