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Paralympics: Thomas Prokein: "Es hat sich einiges zum Positiven entwickelt"

Knapp zwei Wochen nach der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang steigen ab Freitag die Wettkämpfe der paralympischen Athleten. Thomas Prokein, Referent für Sport und Lehre beim Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband, sprach vor den Spielen mit Redakteur Daniel Seehuber über die Chancen der hessischen Teilnehmer und über das öffentliche Interesse an den Paralympics.
Thomas Prokein traut der Ski-Alpin-Fahrerin Noemi Ristau aus Marburg in Pyeongchang eine Medaille zu. Thomas Prokein traut der Ski-Alpin-Fahrerin Noemi Ristau aus Marburg in Pyeongchang eine Medaille zu.

Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die Winter-Paralympics?

THOMAS PROKEIN: Die Vorfreude ist sehr groß, und ich werde die Wettkämpfe intensiv verfolgen. Ich war selbst zweimal bei den paralympischen Spielen als Bundestrainer für Goalball (2004 in Athen, 2008 in Peking, Anm. d. Red.) dabei und weiß daher, dass die Paralympics ein ganz besonderes Flair haben. Auf unsere Athleten wartet sicher eine aufregende Zeit.

Mit dabei sein werden 24 deutsche Athleten, von denen fünf aus Hessen kommen. Wie bewerten Sie die Medaillenchancen?

PROKEIN: Die meisten Athleten kenne ich nur vom Telefon, weswegen es für mich nicht leicht ist, diesbezüglich Einschätzungen zu geben. Das beste Gefühl habe ich bei der Marburgerin Noemi Ristau, die als sehgeschädigte Ski-Alpin-Fahrerin eine tolle Entwicklung genommen hat. Sie ruft konstant ihr Potenzial ab und ist meiner Meinung nach eine Medaillenkandidatin. Die Rollstuhl-Curler aus Frankfurt hatten zwar während der Qualifikation mit Schwankungen zu kämpfen, aber wenn sie einen Lauf erwischen sollten, dann können sie vorne mitmischen. Für einen Podestplatz sind sie aber wahrscheinlich nicht konstant genug.

Bei den Olympischen Spielen bereiteten einigen Athleten die Anlagen Probleme, weil sie teils sehr anspruchsvoll waren. Befürchten Sie ähnliche Zustände?

PROKEIN: Die Pisten werden aufgrund der Witterungsbedingungen wohl wieder sehr hart sein, weswegen Unfälle natürlich vorkommen können. Letztlich hat aber jeder Sportler die gleichen Bedingungen, so dass keiner bevorteilt wird. Ich denke, dass unsere Sportler gut gewappnet sind und sich auf ihre Herausforderungen sehr freuen.

Russland ist mit sechs Athleten mehr als Deutschland vertreten, obwohl das Land eigentlich ausgeschlossen ist. Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, sagte kürzlich, dass es einen „größeren Schlag ins Gesicht nicht geben“ könnte. Wie bewerten Sie die Entscheidung?

PROKEIN: Ich fand es sehr konsequent und richtig, dass sich der Deutsche Behindertensportverband klar positioniert hat. Das war ein mutiges Signal! Dass das Internationale Olympisches Komitee beim Thema Russland derart inkonsequent umgeht, halte ich allerdings für bedenklich.

Sicherlich ist es nie gut, alle Sportler über einen Kamm zu scheren und unter einen Generalverdacht zu stellen. Es gab aber klare Beweise, dass es in Russland ein systematisches Dopingsystem gab beziehungsweise gibt. Deswegen hätte ich es nicht schlecht gefunden, wenn die Olympischen und Paralympischen Spiele ohne russische Sportler stattgefunden hätten. Zumal sich Russland zu dem Thema nie wirklich erklärt hat und außerdem zwei von vier Dopingvergehen bei den Olympischen Spielen von russischen Athleten begangen wurden.

Wie ausgeprägt sind Ihrer Ansicht nach die Doping-Probleme im paralympischen Bereich, insbesondere in den Wintersportarten?

PROKEIN: Doping spielt auch im paralympischen Bereich eine Rolle. Dass die meisten Athleten aufgrund ihrer Behinderung auf Medikamente angewiesen sind, macht die Angelegenheit natürlich sehr schwierig. Da ich selbst Trainer war, weiß ich aber, dass die Athleten sehr vorsichtig sind, auch was Ausnahmegenehmigungen bezüglich spezifischer Medikamente betrifft. Ich bin mir sicher, dass wesentlich weniger als im olympischen Bereich gedopt wird.

Das öffentliche Interesse an den Sommer-Paralympics ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Welche Entwicklung haben die Winter-Paralympics Ihrer Meinung nach seitdem genommen?

PROKEIN: Das Interesse an den Winter-Paralympics ist nicht ganz so stark gestiegen. Das liegt auch daran, dass es bei den Wettkämpfen wesentlich weniger Sportarten gibt. Bei den Sommer-Paralympics stehen 22 Sportarten im Programm, bei den Winter-Paralympics sind es nur sechs. Ich glaube aber, dass die Winter-Paralympics nach den aus deutscher Sicht sehr erfolgreichen Olympischen Spielen von wesentlich mehr Menschen als vor vier Jahren verfolgt werden. Wichtig wäre es, dass man offen für Entwicklungen ist und überlegt, welche Sportarten man noch ins Programm aufnehmen könnte. Skeleton oder Skicross könnte es auch bei Winter-Paralympics geben. Ob es dafür einen Markt gibt, weiß ich aber nicht.

Die Sommer-Paralympics profitierten in den vergangenen Jahren von Aushängeschildern wie Oscar Pistorius. Mangelt es in den Wintersportarten an publikumswirksamen Persönlichkeiten?

PROKEIN: Das würde ich so nicht sagen! In Deutschland haben wir etwa eine Anna Schaffelhuber, die im Ski-Alpin-Bereich schon sehr lange dabei ist. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass von Noemi Ristau eine große Signalwirkung ausgehen könnte.

Als Referent für Sport und Lehre beim Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband befassen Sie sich mit den Rahmenbedingungen für die Athleten. Wie ist Hessen im Vergleich mit anderen Bundesländern bei den Wintersportarten aufgestellt?

PROKEIN: Hessen ist kein Wintersportgebiet, das ist klar. Es gibt keine zehn Athleten, die hier ambitioniert Wintersport betreiben. Wir versuchen, die Athleten so gut es geht zu unterstützen und organisieren Trainingslager in Bayern oder in Österreich, die in Hessen nicht möglich sind. Wenn unsere Athleten nur in Hessen trainieren würden, dann hätten sie in ihren Sportarten gegen Athleten aus der Weltspitze keine Chance. In Hessen haben wir das Problem, dass es mittlerweile kaum noch wirkliche Winter gibt, um etwa in der Rhön trainieren zu können. Somit wird es in Zukunft weiterhin schwierig sein, behinderte junge Menschen für den Wintersport zu begeistern.

Für viele Nachwuchsathleten ist der Weg in die Weltspitze sehr steinig und ohne Unterstützung nicht zu schaffen. Wie finanzieren sich Talente im paralympischen Bereich?

PROKEIN: In Hessen sind die Bedingungen gut, viele Athleten werden von der Stiftung Sporthilfe Hessen gefördert und erhalten etwa Stipendien. Große Probleme haben die Athleten aber dabei, eigene Sponsoren zu finden. Diesbezüglich sind maximal 400 Euro pro Monat drin. Die meisten Athleten sind froh, wenn sie ihre Ausrüstung selbst bezahlen können. In Deutschland sind wir weit davon entfernt, dass paralympische Athleten von ihrem Sport leben können.

Wie bewerten Sie das Ansehen von Winter-Paralympics hierzulande?

PROKEIN: Es hat sich in den letzten Jahren einiges zum Positiven entwickelt. Man konnte neue Partner, wie die Deutsche Bahn, ins Boot holen, die vieles für die öffentliche Wahrnehmung tun. Ich denke, dass sich heute wesentlich mehr Menschen für Winter-Paralympics interessieren als vor fünf Jahren.

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