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Grüße aus Moskau: Videobeweis: Jahrhundert-Legenden wie Wembley-Tor nicht mehr möglich

Eigentlich irgendwie schade. Jahrhundert-Legenden wie das mystische Wembley-Tor oder Maradonas „Hand Gottes“ können sich nicht mehr bilden.
FIFA-Schiedsrichterchef Massimo Busacca im Kontrollraum für Videobeweise bei der WM. Foto: Friedemann Kohler FIFA-Schiedsrichterchef Massimo Busacca im Kontrollraum für Videobeweise bei der WM.

Eigentlich irgendwie schade. Jahrhundert-Legenden wie das mystische Wembley-Tor oder Maradonas „Hand Gottes“ können sich nicht mehr bilden. Vor dem Stadion in Baku würde kein Denkmal eines Schiedsrichters aus Aserbaidschan stehen, hätte es vor einem halben Jahrhundert bereits die Technokratie im Fußball gegeben. Tofik Bachramow, „the russian linesman“, wurde durch seine umstrittene Entscheidung an der Seitenlinie für das dritte Tor Englands gegen Deutschland im WM-Finale 1966 weltberühmt.

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Hartmut Scherzer

Auch die vermeintliche Rettungstat Manuel Neuers vor gerade einmal acht Jahren in Südafrika wäre von der „Goal-Line Technology“ (GLT) als eindeutiger Treffer der Engländer zum 2:2 enthüllt worden. Der deutsche Torwart hatte den Ball hinter der Linie abgewehrt. Deutschland hatte da die Fehlentscheidung auf seiner Seite und siegte im Achtelfinale noch 4:1.

Alles für mehr Gerechtigkeit. Der Fußball muss dadurch aber nicht „seine Seele verlieren“, wie der „kicker“ im Video-Chaos der Bundesliga beklagt hatte. Denn hoffentlich haben die Video-Assistenten im „Kölner Keller“ die ersten 14 Spiele der Weltmeisterschaft genau verfolgt und begriffen, wie Videobeweis wirklich geht. Nicht bei jeder Kleinigkeit eingreifen, den Torjubel ersticken. Die Feststellung der „F.A.Z.“, „König Video regiert den Fußball“, trifft für die WM bislang nicht zu. Der „Moskauer Keller“ bietet nur bei offensichtlich eindeutig falschen Einschätzungen dem Schiedsrichter technische Entscheidungshilfe an.

Wie aktuell beim 1:0-Sieg Schwedens gegen Südkorea in der deutschen F-Gruppe. Min-Woo Kim hatte im Strafraum Viktor Claesson hart am Knöchel getroffen und zu Fall gebracht. Schiedsrichter Joel Aguilar aus El Salvador ließ weiterspielen, wurde aber vom VAR (Video Assistant Referee) angehalten, sich die Szene in der „Review Area“ auf dem Monitor noch einmal anzusehen. Aguilar entschied auf Elfmeter. Andreas Granqvist verwandelte.

Das gleiche Elfmeterszenario hatte sich schon im fünften Spiel Frankreich gegen Australien (2:1) zugetragen. Der „gefoulte“ Antoine Griezmann schoss den nachträglich gegebenen Elfmeter zum 1:0. Bei Paul Pogbas Schuss unter die Latte zum Sieg gab es keine zweite „Wembley-Debatte“. Die GLT zeigte sofort an: Der Ball schlug mit vollem Umfang direkt hinter der Torlinie auf.

Der Zuschauer vor dem Fernseher zu Hause und im Stadion auf der Leinwand ist immer im Bilde. Dieses Novum ist letztlich das Wichtigste zur Rettung der Seele des Fußballs und ein Segen für mehr Gerechtigkeit.

 

Hartmut Scherzer

Der renommierte Sportjournalist berichtet seit vielen Jahrzehnten über Fußball-Weltmeisterschaften. Wie bereits vor vier Jahren schildert der frühere Sportchef dieser Zeitung in den kommenden Wochen täglich seine Erlebnisse aus Russland.

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