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Handball-WM: WM-Gastgeber Deutschland hadert nur mit eigenem Abschneiden

Von Was nach gut zwei Wochen Handball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland geblieben ist – eine Bilanz.
Negativbilanz: Anna Loerper und das deutsche Team Foto: Tilo Wiedensohler (imago sportfotodienst) Negativbilanz: Anna Loerper und das deutsche Team
Hamburg. 

Mit dem 23:21-Überraschungssieg Frankreichs über Topfavorit Norwegen in Hamburg endete am Sonntag die Handball-Weltmeisterschaft der Frauen. Die Gastgeberinnen waren schon im Achtelfinale nach dem 17:21 gegen Dänemark ausgeschieden und hatten nur Platz zwölf belegt.

  Das Fazit : „Abgesehen vom sportlichen Abschneiden unserer Mannschaft hatten wir eine tolle WM“, bilanzierte Andreas Michelmann, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Bei der bis dahin letzten Auflage des Großereignisses in Deutschland 1997 hatte das deutsche Team noch die Bronzemedaille gewonnen.

  Der Gastgeber : „Es war eine großartig organisierte WM“, lobte Hassan Moustafa, der ägyptische Präsident der Internationalen Handball-Föderation (IHF), die deutschen Ausrichter. Diese konnten sich auch darüber freuen, dass 237 263 Zuschauer die 84 Endrundenspiele besuchten. Nur die WM 2007 in Frankreich (397 550 Zuschauer/96 Spiele), hatte mehr Fans angelockt.

  Die Finanzen : Trotz nicht ausverkaufter Achtel- und Viertelfinalspiele fiel das vorab auf 500 000 Euro kalkulierte Minus „kleiner als erwartet“ aus, so der DHB-Vorstandsvorsitzende Mark Schober. Das deutsche Achtelfinale in der imposanten Magdeburger Arena etwa verfolgten bei einem Fassungsvermögen von 6800 Besuchern nur 4113 Zuschauer. Der höhere Verlust von 100 000 Euro dort und bei den K.o.-Duellen in Leipzig konnte jedoch mehr als kompensiert werden, da zu den Vorrundenspielen in Trier, Bietigheim-Bissingen, Leipzig und Oldenburg mehr Zuschauer als erwartet kamen. Für den DHB war die gelungene Veranstaltung zugleich die Generalprobe für die Männer-WM 2019 (9. bis 27. Januar), die der Verband zusammen mit Dänemark ausrichten wird.

  Die Enttäuschung: Das schwache deutsche Abschneiden übertraf die schlimmsten Befürchtungen. „Dass wir sportlich so hinterherhinken, hätte ich nicht gedacht“, sagte der scheidende Bundestrainer Michael Biegler, dessen Team bei der Pleite in der Vorrunde gegen den späteren Bronzemedaillengewinner Niederlande (23:31) und die schwachen Däninnen in nur drei Tagen zwei Offenbarungseide abgeliefert hatte. Als einziges Argument anführen konnten die „Ladies“, wie der am 1. Januar zu Männer-Erstligist Leipzig wechselnde kauzige Coach seine Spielerinnen nannte, dass die Leistungsträgerinnen Anne Hubinger (Sprunggelenk) und Kim Naidzinavicius, die sich zum Auftakt gegen Kamerun (28:15) nach 100 Sekunden einen Kreuzbandriss zuzog, ausfielen. Spielmacherin Anna Loerper hatte gerade erst einen Muskelfaserriss auskuriert, und in den Riesentalenten Emily Bölk (19 Jahre) und Xenia Smits (23) sowie Nadja Mansson waren weitere Rückraumspielerinnen angeschlagen ins Turnier gegangen. „Wir haben uns selbst rausgekickt“, erklärte Svenja Huber in Anspielung auf die Vielzahl technischer Fehler, die sich wie die katastrophale Chancenwertung durch das ganze Turnier zogen. Biegler schaffte zwar bessere Strukturen für die Spielerinnen, konnte dem Team aber keine Impulse von der Bank geben. DHB-Präsident Michelmann nahm den 56-Jährigen dennoch in Schutz. „Er konnte in den 20 Monaten nicht das ausgleichen, was wir uns in den vergangenen 15 Jahren eingebrockt haben. Wir müssen aus diesem Macho-Kram endlich rauskommen. Wir reden immer von Gleichberechtigung, aber im Grunde war der Frauenhandball etwas Exotisches für uns. Wie es geht, zeigen uns Dänemark, Norwegen und Schweden“, sagte Michelmann und will die jahrzehntelang stiefmütterlich behandelten Frauen „jetzt erst recht“ fördern.

  Der Umbruch: Den notwendigen Generationswechsel wird der neue Bundestrainer Henk Groener (57/Niederlande) vornehmen müssen. Nach den Rücktritten von Mansson, Clara Woltering und Kerstin Wohlbold ist mit weiteren Abschieden zu rechnen, auch weil zehn der 18 eingesetzten Spielerinnen, darunter Kapitänin Loerper (33) und die starke Torhüterin Katja Kramarczyk (33), keine langfristige Perspektive mehr haben. Groener, der mit den Niederlanden Vizeweltmeister 2015 und Vierter bei den Olympischen Spielen 2016 wurde, kann auf Smits, Bölk und Naidzinavicius (26) sowie Torfrau Dinah Eckerle (22) bauen.

  Die vertane Chance: „Wir haben die Chance verpasst, Werbung für unsere Randsportart zu machen“, sagte Loerper. Das Ziel Halbfinale wurde laut Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld „krachend verpasst“. Und damit auch eine für die Sponsorengewinnung wichtige Übertragung in der ARD, während das ZDF ein Finale mit deutscher Beteiligung übertragen hätte. DHB-Vizepräsident Bob Hanning hatte vor dem Turnier geäußert, dass dieses „die letzte Chance für den deutschen Frauenhandball ist“.

  Die Nachhaltigkeit: Was wird von der Weltmeisterschaft in Erinnerung bleiben? Sicherlich der Überraschungssieg der Französinnen über Norwegen. Aber auch die Galaauftritte des gescheiterten Titelverteidigers zuvor. Der hatte dank der genialen, jedoch im Finale unglücklich agierenden Spielmacherin Stine Bredal Oftedal und Torschützenkönigin Nora Mork bisweilen Handball wie von einem anderen Stern gezeigt. Von der 28:31-Vorrundenpleite gegen die viertplatzierten Schwedinnen einmal abgesehen, war der Olympiadritte wie im Viertelfinale beim 34:17 gegen Olympiasieger Russland und dem 32:23 im Halbfinale gegen Niederlande durch das Turnier gestürmt.

  Der Ausblick: „Wir müssen es schaffen, mehr Profispielerinnen zu haben“, sagt Smits, die selbst ihr Geld beim französischen Meister Metz verdient. Nur so könnten die Trainingsumfänge erhöht werden. Doch dieses Ziel umzusetzen, wird für die international bestenfalls zweitklassigen deutschen Clubs schwierig werden. Auch weil ihnen, abgesehen von Meister Bietigheim, dessen Etat bei rund zwei Millionen Euro betragen soll, die dafür notwendige Finanzkraft fehlt.

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