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Skispringen in Willingen: Wie ein Sprung vom Kölner Dom

Der Weltcup in Willingen ist für die Skispringer keine Pflicht, sondern Kür. Die außergewöhnliche Schanze und Begeisterung der Fans genießen in der Szene einen hervorragenden Ruf. Heute beginnt das Springen mit der Qualifikation, morgen und übermorgen stehen zwei Einzelspringen an. Und die Veranstaltung gewinnt in diesem Jahr an Bedeutung, da es der letzte Wettbewerb vor den Olympischen Winterspielen in Südkorea ist.
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So also fühlen sich Adler. Dem Laien rutscht beim Blick hinunter in den fernen Auslauf, wo die Entfernung Menschen auf Ameisengröße schrumpfen lässt, das Herz in die Hose. Wer hoch droben im Horst steht, bekommt aber zumindest eine Ahnung dafür, warum sie sich das antun: die Skispringer aus aller Welt, die sich freiwillig und noch dazu mit viel Begeisterung in die Tiefe stürzen.

Fliegen, sagen sie selbst. Einmal frei wie ein Vogel sein und die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft setzen. Mit dem Mut und der Körperbeherrschung und Selbstkontrolle eines Spitzenathleten natürlich. Und von wo ließe sich das besser tun als von hier oben, vom Kopf der Mühlenkopfschanze in Willingen. Der größten Großschanze der Welt. Kleiner Vergleich gefällig? Bitte: Zwischen dem Auslauf mit Menschen in Ameisengröße und dem Fuß des Anlaufturms liegen allein 156 Meter Höhenunterschied. Der Kölner Dom lässt grüßen.

Am Wochenende ist es nun wieder so weit: Vom 2. bis zum 4. Februar treffen sich die besten Adler der Welt zum Weltcup, der nicht nur in diesem Jahr mehr als ein Weltcup ist. Für die Athleten, die das Ticket nach Pyeongchang gelöst haben, geht’s aus dem nordhessischen Upland direkt weiter nach Südkorea zu den Winterspielen. Eine gelungene Generalprobe für die Olympischen Spiele bedeutet zugleich zusätzlichen Schwung und Selbstvertrauen für den Höhepunkt des Winters. In einer Sportart, die sich ganz viel im Kopf abspielt, nicht ganz unwichtig.

Der Leitspruch „Die Besten der Welt“ gilt in diesem Jahr allerdings nur eingeschränkt. Trotz oder wegen Olympia. Je nach Blickwinkel. Denn die formsuchenden Österreicher schicken ihre Olympiamannschaft lieber ins Trainingslager nach Planica/Slowenien, ins Upland kommt ein B-Team. Auch der ewige Noriaki Kasai (Japan) mit seinen mittlerweile 45 Jahren, der hier schon 1999 gewann, und Vierfach-Olympiasieger Simon Ammann aus der Schweiz verzichten.

Mit Lokalmatador Leyhe

Ansonsten aber können sich die Fans auf die Topstars der Szene freuen. Vierschanzentournee-Triumphator Kamil Stoch (Polen), die starken Norweger und natürlich die Deutschen um Lokalmatador Stephan Leyhe, der beim SC Willingen zum Skispringer wurde, haben zugesagt. Klar, denn Willingen ist nicht nur „ein ganz wichtiger Schauplatz im Weltcup-Zirkus“, wie der erfolgreichste Skisprung-Coach der Geschichte, der Österreicher Alexander Pointner, sagt. Willingen ist keine Pflicht, sondern Kür. Gerade für die deutschen Asse, die hier eines ihrer fünf Weltcup-Heimspiele der Saison genießen.

107 Meter langer Anlauf: Die größte Großschanze der Welt

Alleine die nackten Zahlen sind beeindruckend: Vom Start oben auf der Mühlenkopfschanze bis zum Absprung legen die Skispringer 107 Meter zurück.

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Aber auch für die anderen ist die Mühlenkopfschanze eben etwas Besonderes. Weil es dort besonders weit geht – der Finne Janne Ahonen und der Slowene Jurij Tepes teilen sich den Schanzenrekord von 152 Metern. Weil Tausende Zuschauer – in diesem Jahr werden 50 000 erwartet, zu den Hochzeiten mit Martin Schmitt und Sven Hannawald um die Jahrtausendwende kamen gar doppelt so viele an einem ganzen Wochenende – jeden Adler mit einem lauten „Ziehhhhhhh“ ins Tal holen.

Weil 1400 „Free Willis“, wie die Freiwilligen liebevoll genannt werden, mit ungezählten Stunden ehrenamtlichen Einsatzes von Schanzenpräparierung bis Fahrtdienst am Wettkampftag diese Veranstaltung überhaupt erst möglich machen. Und weil die Springer die familiäre Atmosphäre schätzen.

Willingen ist auch der Ort, der aus schmächtigen jungen Männern, teils noch mit Pubertätspickeln im Gesicht, Popstars macht. Genauer gesagt: der Gang am Auslauf vorbei, dort, wo die Fans ihren Idolen ganz nah sein können. Wo meist nach dem zweiten Durchgang aus den konzentrierten Adlern lockere und gelöste Stars zum Anfassen werden. Im vergangenen Jahr beispielsweise sorgte Andreas Wellinger mit dem fünften Einzelsieg eines deutschen Springers nicht nur dafür, dass Willingen sich kurzzeitig in Wellingen umtaufte – er gewann auch den inoffiziellen Wettbewerb des Selfie-Königs in besagtem Gang.

Es waren Erfolge wie seiner, die aus den vielen, vielen Wettbewerben in Einzel und Mannschaft herausragen, die seit dem ersten Weltcup 1995 auf der Mühlenkopfschanze ausgetragen worden sind. Der Österreicher Andi Goldberger war der Erste, der hier gewann, Hannawald gleich zweimal in Folge 2002 und 2003, Severin Freund wurde 2011 und 2015 ein besonders „guter Freund“ des Publikums, Wellinger kommt nun als Titelverteidiger zurück zu den beiden Einzel-Weltcups, die in diesem Jahr auf dem Programm stehen.

Nicht ohne Grund hat Martin Schmitt hier 2014 seinen Abschied verkündet. Als Schmitt an seinem 21. Geburtstag 1999 Zweiter wurde, schauten an einem Tag 36 000 Menschen zu – bis heute einer der Höhepunkte. Darunter waren auch die legendären Pampers-Fans. Mädels, die in den frühen Morgenstunden die Polepositions am Durchgang des Auslaufs einnahmen und diesen Platz für die nächsten 12, 14 Stunden nicht mehr verlassen würden. Schon gar nicht für so banale Dinge wie einen Klogang. Pampers taten es ja schließlich auch.

Schmitts Name wurde zum Synonym für eine ganze Sportart, in den späteren Jahren, als die Erfolge ausblieben, auch zum Synonym für Treue und Durchhaltevermögen. So wie treue Fans zum Markenzeichen des Willinger Weltcups geworden sind. Wer einmal hier war, kommt wieder.

Abends feiern

Doch Willingen ist nicht nur Weltcup und großer Sport. Willingen ist auch eine große Sause. Nachmittags Sport gucken, abends feiern – das ist die Devise.

Das Festzelt schließt sich gleich hinter den Tribünen am Auslauf an. Im Ortskern schlägt das Partyherz im Rhythmus von Schlager und Rock bis zum nächsten Morgen. Auch Skispringer wurden schon zu nächtlicher Zeit gesichtet. Denn auch das ist Willingen: der Ort, an dem Superadler zu Partygängern werden. Gelegentlich zumindest.

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