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Wo sind die Nationalspieler?

Hockeyspieler aus Rüsselsheim, Frankfurt und Limburg werden schon lange nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft nominiert. Ein Blick zurück.
Britta Becker (Foto) war in den 90er-Jahren Rüsselsheims Hockey-Ikone. Ihre Tochter Emily Kerner (22) spielt inzwischen in der Bundesliga für den Club an der Alster, der gerade deutscher Hallen-Meister wurde. Bilder > Foto: imago sportfotodienst Britta Becker (Foto) war in den 90er-Jahren Rüsselsheims Hockey-Ikone. Ihre Tochter Emily Kerner (22) spielt inzwischen in der Bundesliga für den Club an der Alster, der gerade deutscher Hallen-Meister wurde.
Berlin/Rüsselsheim. 

Je zwölf Männer- und Frauen-Nationalmannschaften kämpfen von Mittwoch bis Sonntag in der Berliner Max-Schmeling-Halle um die Titel des Weltmeisters (siehe Extra-Artikel auf dieser Seite). Also vier Tage lang „Indoor-Hockey“ nonstop. Der Deutsche Hockey-Bund ist als Turnier-Veranstalter in die Bresche gesprungen, nachdem der ursprünglich ausgewählte argentinische Verband verzichtet hatte.

Hockey unter dem Hallendach hat eine Tradition. Seit 1962 wird jährlich in den Wintermonaten um den Meistertitel gespielt. Von jeher zählen bei Europa- oder Weltmeisterschaften die deutschen Teams zum engsten Favoritenkreis.

Dass darunter weder ein Spieler noch eine Spielerin aus der ehemaligen hessischen Hockey-Hochburg Rüsselsheim vertreten ist, stellt längst keine Überraschung mehr dar. Es ist vielmehr zur Normalität geworden. Was früher undenkbar gewesen wäre. Stand im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts ein internationales Großereignis an – egal ob auf dem Feld oder in der Halle –, so war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Trainer sich bei der Kader-Nominierung in Hessen großzügig bedienen konnten: Der Rüsselsheimer RK, der SC 80 Frankfurt und der Limburger HC waren erfolgreiche Vereine, die phasenweise das nationale Hockey-Geschehen dominierten. Und eben großartige Spieler hervorbrachten, ohne die beispielsweise 1972 in München der Olympiasieg der Männer-Nationalmannschaft kaum denkbar gewesen wäre.

Mit Bandscheibenvorfall

Vor 16 000 Zuschauern wurde seinerzeit das Endspiel gegen Pakistan mit 1:0 gewonnen. Die 31 Jahre alte Torwart-Legende Peter Kraus vom Rüsselsheimer RK hatte seinen Kasten sauber gehalten – trotz eines akuten Bandscheibenvorfalls, wegen dem er dann auch bald nach dem Turnier unters Messer musste. In Fritz Schmidt und Rainer Seifert gehörten zwei weitere waschechte Rüsselsheimer zum Kader des Olympiasiegers; vom SC 80 Frankfurt waren Wolfgang Baumgart, Horst Dröse und Detlev Kittstein mit von der Partie. Unvergessene Namen, die noch heute jeden Kenner der Hockey-Szene mit der Zunge schnalzen lassen. Fast 46 Jahre ist dies nun her. Trotz des großen Erfolges war damals mit diesem Sport kein Geld zu verdienen. So erinnert sich auch Rainer Seifert noch heute an einen Spruch, der 1972 im Kreise der deutschen Olympioniken die Runde gemacht haben soll: „Unsere Hockeyspieler und die Pferde – das sind hier in München die einzigen lupenreinen Amateure.“

Die Torhüter Tobias Frank, Christopher Reitz und Nicolas Jacobi waren später weitere RRK-Akteure, die bei Olympischen Spielen die deutschen Farben vertraten. Für Alfred Segner hat es dagegen nicht gelangt. Der war zwar 1980 aus dem Nationalteam nicht wegzudenken, schaute aber wegen des von der Politik verordneten Moskau-Boykotts in die Röhre. Was Segner, der mittlerweile als stellvertretender Vorsitzender des Rüsselsheimer Sportbundes die Funktionärslaufbahn eingeschlagen hat, noch heute mächtig wurmt. Vollblutstürmer und Torjäger Oliver Domke avancierte noch nach der Jahrtausendwende zu einem weiteren Aushängeschild des Rüsselsheimer Hockeyvereins. 2002 war es Domke, der Deutschland in Kuala Lumpur mit seinem 2:1-Siegtor im Finale gegen Australien zum Weltmeistertitel schoss. Und nicht zu vergessen Stefan Blöcher, der für den SC 80 Frankfurt spielte und zu den Weltbesten seiner Zunft gehörte, 1984 und 1988 Olympia-Zweiter sowie 1982 Vize-Weltmeister wurde.

Europacup-Sieg 2009

1968, also vor genau 50 Jahren, feierten die Rüsselsheimer Hockey-Männer durch ein 4:1 gegen Schwarz-Weiß Köln den ersten deutschen Feld-Titel. Die Opelstadt stand damals kopf. Acht weitere DM-Gewinne (jeweils vier in Feld und Halle) sollten folgen. Letzter Höhepunkt war im Februar 2009 in der heimischen Großsporthalle der Sieg beim Hallen-Europacup (3:2 nach Verlängerung gegen Club de Campo Madrid).

Danach ging es jedoch schnell bergab. Drei Abstiege in Serie folgten: Erst aus der Feld-Bundesliga, dann aus dem Oberhaus in der Halle und prompt auch noch im Feld aus der zweiten Liga. Dort ist der Ruderklub heute in der drittklassigen Regionalliga Süd unterwegs. Unter dem Dach wurde aktuell gerade so der Klassenerhalt in Liga zwei geschafft.

Aber schon vor neun Jahren, beim bislang letzten großen Triumph, hatten die Rüsselsheimer Frauen den Männern eigentlich längst den Rang abgelaufen. Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre waren jene von Trainer Berti Rauth praktisch aus dem Nichts an die Spitze katapultiert worden. Sechsmal deutscher Feld- und neunmal deutscher Hallenmeister waren die Rüsselsheimerinnen zwischen 1990 und 2005 geworden, quasi im Abonnement stand zu dieser Zeit der Hallen-Europacup in der Vereinsvitrine im Bootshaus. Britta Becker (231 Länderspiele) mutierte zur Rüsselsheimer Hockey-Ikone, die zudem ihre Sportart bundesweit auch noch für den Boulevard interessant werden ließ. Als die deutschen Damen 2004 in Athen überraschend die Goldmedaille gewannen, war Becker allerdings nicht mehr aktiv. Dafür in Mandy Haase, Denise Klecker und Silke Müller drei andere Spielerinnen des RRK.

Und heute? Da sind die Rüsselsheimer Frauen mit ihrem jungen Trainer Norman Hahl im Feld nur noch Zweitligist, dürfen aber als derzeitiger Spitzenreiter im Frühsommer auf die Rückkehr ins Oberhaus hoffen. In der Halle erlebte das um Ex-Nationalspielerin Eva Frank aufgebaute „Team der Jungen und Namenlosen“ nun mal wieder einen Höhepunkt, als der Einzug ins DM-Viertelfinale geschafft wurde. Beim 3:9 gegen den Hamburger Club an der Alster war man jedoch chancenlos.

Die Hockeyspieler aus der Opelstadt müssen also seit einiger Zeit kleinere Brötchen backen. Die Musik spielt längst in den Metropolen Hamburg, Köln oder Mannheim. Nicht mehr in der hessischen Provinz. Dort hatte nämlich der örtliche Autobauer als großzügiger Sponsor den Geldhahn irgendwann zugedreht. „Während bei uns also damals einiges weggebrochen ist, haben andere Vereine ihr Sponsoring verbessern können und sind uns enteilt“, erklärt der langjährige RRK-Hockey-Chef Martin Müller. Damit einhergehend sei die zuvor vorbildliche Jugendarbeit ins Stocken geraten. Beim Nachwuchs habe man folglich auch „etwas an Attraktivität verloren“.

Ein Wunder, dass der Rüsselsheimer Ruderklub trotzdem so lange auf einem derart hohen Niveau weiter agieren konnte. Finanziell ist man nach wie vor nicht auf Rosen gebettet. Der Spielbetrieb in der Bundesliga ist kostenintensiv. Mit vielen Kleinsponsoren und relativ hohen Mitgliedsbeiträgen hält man sich über Wasser.

Peter Kraus schwärmt derweil von vergangenen Zeiten. Bei den Spielen am Sommerdamm oder in der Sporthalle Dicker Busch lässt sich der inzwischen 76-jährige Olympia-Held von 1972 immer mal wieder blicken, um die Daumen zu drücken. „Seinem RRK“ ist er nach wie vor innig verbunden. Eines macht ihm allerdings doch etwas zu schaffen: Die Enkeltochter Anna (18) ist im vergangenen Jahr nach Meinungsverschiedenheiten mit ihrer Trainerin von Rüsselsheim zum Hessenrivalen Eintracht Frankfurt gewechselt.

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