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Super-Pleite: Als Jupp Heynckes Trainer von Eintracht Frankfurt war

Von Heute gilt Jupp Heynckes als Welttrainer und Spielerversteher. In Frankfurt ging seine Mission damals gründlich schief.
Schnell reizbar: Jupp Heynckes auf der Frankfurter Trainerbank. Bilder > Foto: imago sportfotodienst Schnell reizbar: Jupp Heynckes auf der Frankfurter Trainerbank.
Frankfurt. 

Jupp Heynckes und Eintracht Frankfurt. Fünf Worte, die zusammen genommen eine erhebliche Sprengkraft haben. Sie beschreiben ein sensibles Thema, ein schweres Thema, eine Art Frankfurter Glaubenskrieg. Und auf beiden Seiten stehen fast nur Fundamentalisten. Für die einen ist Jupp Heynckes heute noch der „Totengräber“ der Eintracht. Die anderen sehen in dem Mann, der heute ein Fußball-Trainer von Weltruf ist und gerade den FC Bayern München zum vierten Mal und höchst erfolgreich anleitet, ein Opfer der damaligen Frankfurter Verhältnisse.

Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Jupp Heynckes und Eintracht Frankfurt – das war vor allem ein groteskes Missverständnis. Ein deutscher Erfolgstrainer (Meister 1989 und 1990 mit Bayern München) mit ziemlich rigiden Vorstellungen von Zucht und Ordnung kommt aus Spanien (Athletic Bilbao) in eine selbst ernannte Weltstadt (Frankfurt) zu einem mäßig geführten Club (Eintracht) und soll einer verwöhnten Fußballer-Truppe den ihr endlich zustehenden Lohn (Meisterschaft) verschaffen. Das konnte nicht gutgehen.

Jupp Heynckes und Eintracht Frankfurt – da prallten eigentlich unvereinbare Welten aufeinander, damals im Sommer 1994. Die Eintracht wollte nach den eher volkstümlichen Trainern Dragoslav Stepanovic und Klaus Toppmöller einen Übungsleiter, der auch einmal durchgreift. Die Wunde der verschluderten Meisterschaft von 1992 war noch tief. „Fußball 2000“ – das war damals das Werk einer ebenso genialen wie zerstrittenen Ansammlung von Ballkünstlern. Mit mehr Teamgeist und Disziplin, so das Kalkül von Präsident Matthias Ohms und seinem Vize Bernd Hölzenbein, würde es irgendwann schon etwas werden mit der Schale.

Seit Münchens Trainer wieder Jupp Heynckes heißt haben die Bayern einen Lauf. Foto: Axel Heimken
Eintracht vs. Bayern Blick auf den Gegner: Mit Jupp Heynckes wieder in der Spur

Bei den Bayern ist die Welt wieder in Ordnung. Nach der Krise zu Saisonbeginn unter Trainer Carlo Ancelotti fand der Deutsche Rekordmeister unter Jupp Heynckes zur alten Stärke zurück und begrüßt die Eintracht am Samstag (15.30 Uhr) als unangefochtener Tabellenführer in der Münchener Arena.

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Dementsprechend forsch trat Heynckes, damals 49, bei seiner Vorstellung auf: „Wenn ich am 1. Juli hier anfange, werden die Uhren anders gehen.“ Dieser Satz gehört zum Fundus der unvergesslichen Bundesliga-Momente. Dem neben ihm sitzenden Co-Trainer Horst Köppel stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Und so ging es weiter. Vom Präsidenten bis zum Platzwart müssten alle spuren. Der Platzwart hatte nicht richtig zugehört. Im Winter musste Heynckes am Riederwald einmal selbst den Schnee vom Trainingsfeld schippen. Auch das einer dieser unvergesslichen Momente und der Anfang vom Ende.

Vor allem aber hatte Heynckes, der heute als „Spielerversteher“ gefeiert wird, es nie geschafft, ein positives Verhältnis zur Mannschaft, eine Gelassenheit in der Arbeit mit Stars aufzubauen. Eigentlich gelten Rheinländer als lockere Typen. Heynckes dagegen entpuppte sich als schnell reizbarer Feldwebel im Anzug. So sein Spitzname in der Frankfurter Presselandschaft.

Und er hatte die Qualität des Kaders falsch eingeschätzt. Der geniale Gestalter Uwe Bein war weg, versprochene Stars wie Ciriaco Sforza oder Karl-Heinz Pflipsen nicht gekommen. Beins Nummer 10 trug jetzt Thorsten Legat, weder fußballerisch noch geistig eine Ausnahmeerscheinung. Heute kaum zu glauben, aber damals wahr.

Während seiner ersten Trainingseinheiten mussten gut verdienende Profis Heynckes ihre Fähigkeiten beim Spannstoß vorführen. Daraus entstand später ein weiterer Satz für die Ewigkeit: „Wir füttern hier Leute durch, die nicht mal Oberliganiveau haben.“ Bei seiner Vorstellung hatte Heynckes noch getönt: „Es ist selbstverständlich, dass ich den Anspruch habe, Meister zu werden.“ Immerhin hatte er noch ergänzt, dass man abwarten müsse, „ob das realistisch ist“.

War es nicht, und der Konflikt mit der Mannschaft eskalierte. Vor allem der mit Anthony Yeboah. Der Kapitän solle drei Kilo abnehmen, ließ Heynckes wissen. Außerdem habe der Stürmer-Star Schwierigkeiten mit der Verständigung. Vorwürfe, die den stolzen Ghanaer bis ins Mark trafen. Der Trainer habe „böse Augen“, soll Yeboah oft gesagt haben. Und, als das Verhältnis schon hoffnungslos zerrüttet war: „Er oder ich.“

Nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Dienstantritt des „Mister“, wie man ihn in Bilbao nannte, kam es zum Bruch. Nachdem Heynckes Yeboah, Maurizio Gaudino und Jay-Jay Okocha zu einem Straftraining am Nachmittag verdonnert hatte, meldete sich das Trio für das anstehende Heimspiel gegen den HSV ab. Man sei „körperlich und mental kaputt“, richtete Gaudino aus. Heynckes flippte aus. „Er hat einen Wutanfall bekommen, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Der mangelnde Respekt hat ihn verrückt gemacht“, hat Karl-Heinz Körbel, damals Co-Trainer bei der Eintracht, später erzählt. Alle drei wurden suspendiert.

Der Skandal war schnell durchgesickert. Bernd Hölzenbein, der die Vorgänge um seinen Wunschtrainer mit wachsendem Fatalismus begleitete, riet Zeitungs-Berichterstattern, die telefonisch bei ihm nachfragten, sie sollten auf ihrer Seite „ein bisschen was freihalten“. So ging man damals bei der Eintracht mit existenzbedrohenden Situationen um.

Körbel lässt bis heute nichts auf seinen damaligen Chef kommen: „Das Konsequente war seine Art. Deshalb hatte ihn die Eintracht verpflichtet. Er konnte gar nicht anders, als die Spieler rauszuwerfen. Sonst hätte er als Trainer aufhören können.“ Yeboah und Gaudino verließen den Verein, Okocha durfte bleiben.

Und auch Jupp Heynckes ging. Am 2. April 1995, die Eintracht stand auf Platz 13, beendete er das Missverständnis von sich aus. „Die Erkenntnis, dass der Verein und ich nicht zueinander passen, ist in jüngster Zeit immer stärker geworden. Zu unterschiedlich sind unsere Auffassungen von professioneller Arbeit“, formulierte er in einer eigenen Presseerklärung und verzichtete auf eine Abfindung – auf dass die Eintracht das Geld in „dringend notwendige personelle Verstärkungen“ investieren könne.

Rückblickend hat Jupp Heynckes einmal über seine Frankfurter Zeit gesagt: „Man ist älter und erfahrener geworden. Heute in diesem Fall hätte ich das sicherlich anders gemacht.“ Eine späte Einsicht. Die Eintracht erholte sich damals nicht mehr von dem personellen Aderlass. Im Frühsommer 1996 stieg der Club erstmals aus der Bundesliga ab. Totengräber oder Opfer? Zu Jupp Heynckes hat in Frankfurt immer noch jeder seine eigene Meinung.

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