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„Adlerfront“ und „Presswerk“: Hooliganszene: Als die Samstage von verabredeten Schlägereien geprägt waren

Der Begriff Fußballfan ist häufig ein Reizwort. Die Fanszene ist schillernd, mal angenehm oder auch mal unangenehm. Wir beleuchten die Fanszene der Frankfurter Eintracht und schauen zunächst zurück. Heute auf die Hooligans, die besonders in den 80er und frühen 90er Jahren aktiv waren.
So hat es ausgesehen, wenn sich Hooligans zu einer Schlägerei getroffen haben. Hier Schäden im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo deutsche und englische Hooligans aufeinandertrafen. Um Fußball ging es da nicht. Foto: Jürgen_Mahnke (dpa) So hat es ausgesehen, wenn sich Hooligans zu einer Schlägerei getroffen haben. Hier Schäden im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo deutsche und englische Hooligans aufeinandertrafen. Um Fußball ging es da nicht.
Frankfurt. 

In den 70er Jahren entwickelte sich die Subkultur Fußballfans. Als die Kuttenfans an Bedeutung verloren, kristallisierte sich eine neue, besonders gewaltbereite Stilrichtung nach englischem Vorbild heraus: Hooligans. Bei Spielen von Eintracht Frankfurt sorgten „Adlerfront“ und „Presswerk“ für Ausschreitungen.

Mit diesem Teil seiner Vergangenheit hat Fritz (Name von der Redaktion geändert) längst gebrochen. Doch viele Erinnerungen an sie sind noch präsent. Fritz war Mitglied der „Adlerfront“ und suchte die körperliche Auseinandersetzung mit „Hools“ vom gegnerischen Verein. Es war gewiss nicht jeden Spieltag der Fall, dass es dazu kam. Die 80er und frühen 90er gelten aber als Hochphase der Hooligans in Deutschland. Die Zuschauerzahlen waren insbesondere in den 80ern rückläufig oder lagen zumindest auf einem bescheidenen Niveau wegen wiederkehrender Gewalt – so auch in Frankfurt.

Wenn der Spielplan Duelle der Eintracht mit Schalke 04, Fortuna Düsseldorf, dem 1. FC Köln und Hamburger SV vorsah, nahm der Mobilisierungsgrad in der Frankfurter Hooligan-Szene zu. „Das waren Städte, wo es alleine an der Polizei lag, ob was passierte oder nicht“, erinnert sich Fritz an die Randalezeit. Wenn es gelang, sich von der Polizei abzusetzen, kam es folgerichtig zur Konfrontation. In der fast menschenleeren Bürostadt etwa, wenige Kilometer vom Waldstadion entfernt. Hamburger Hooligans kamen zum verabredeten Treffpunkt. „Erst gab es Gekreische. Dann sind die beiden Mobs die letzten Meter aufeinander zugerannt. Plötzlich absolute Totenstille. Und dann hat man nur noch gehört, wie die Fäuste geflogen sind. Das ging so drei, vier Minuten, das war der Optimalfall. Ein halbes Jahr später hatten wir in Hamburg den Ausnahmefall noch mal – wieder ohne Polizei“, beschreibt Fritz seine Erlebnisse.

Wer wegläuft, dem drohen gruppeninterne Sanktionen

„Adlerfront“ und „Presswerk“ sind schon lange keine aktiven Hooligan-Gruppierungen mehr. Die besonders fußballaffine Fraktion der beiden ist freilich noch im Stadion präsent.

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Als die Mauer fiel, gab es neue Ziele. „Wir sind nach Berlin gefahren zu diesem Zeitpunkt. Und wir haben sie in die Schranken gewiesen. Weil’s halt gut organisiert war, fernab vom Schuss, wo keiner etwas vermutet. In der Stadt zwar, aber an einem total uninteressanten Ort.“

Doch es gab freilich auch ganz unspektakuläre Samstagnachmittage im Leben der Frankfurter Hools. Wegen fehlender Gegner. „Wenn wir zum FC Homburg oder zu Bayer Uerdingen gefahren sind, da wusste man klipp und klar, hier kann man nur Fußball gucken und wieder heimfahren.“

Ein Doppelleben

Weit über zehn Jahre führte Fritz ein zwiespältiges Fandoppelleben. Mit seinen Mitstreitern von der „Adlerfront“ und „Presswerk“ unterstützte er die Eintracht auf den Rängen – und kämpfte mit ihnen gegen gegnerische Gleichgesinnte. „Der Ehrenkodex wurde – gerade von den guten Gruppen, wofür ich die Hamburger halte – größtenteils eingehalten.“ Wer am Boden lag, durfte demnach nicht „gestiefelt“ werden, wie es im Jargon heißt. Doch darauf gab es keine Garantie. Von Verletzungen blieb auch Fritz nicht verschont. „Ich hatte mal ’ne Gehirnerschütterung. Grobe Verletzungen gab es oft durch Polizeiknüppel.“

Irgendwann hatte der einst schlagkräftige Eintracht-Hooligan von alldem genug. Die Strafen wurden härter, die Überwachungsmechanismen der Polizei immer ausgereifter. Und mit der bürgerlichen Seite seines Lebens waren Exzesse nicht mehr vereinbar. „Ich wollte einen einigermaßen guten Beruf kriegen. Damit war für mich klar, damit aufhören zu müssen – und das habe ich auch radikal durchgezogen.“

Doch es gab für ihn weitere Gründe, um aus der Szene auszusteigen. „Es war der Hauptgrund, aber nicht der einzige Grund. Ich musste irgendwie etwas anderes machen, und ich hatte auch nicht mehr Bock, jeden Samstag durch die Weltgeschichte zu reisen.“ Wehmut oder Gewissensbisse kamen nicht auf, als er den Schlussstrich gezogen hatte. „Es war ’ne sehr schöne Zeit, ich hab die unheimlich genossen. Ich bereue auch gar nichts von dem, was damals war – aber es ist vorbei.“ Von diesem Doppelleben, sagt Fritz, habe selbst nicht jeder aus seiner Familie etwas gewusst.

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