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Eintracht Frankfurt: Kevin-Prince Boateng positioniert sich im Kampf gegen Rassismus

Von Kevin-Prince Boateng reicht es: Der Eintracht-Star will einen internationalen Zusammenschluss gegen Rassismus bilden. Und steht im AfD-Streit hinter Eintracht-Präsident Fischer.
Im Fokus: Kevin-Prince Boateng gibt eine bemerkenswerte Erklärung zum Kampf gegen Rassismus ab. Foto: Jan Huebner (Jan Huebner) Im Fokus: Kevin-Prince Boateng gibt eine bemerkenswerte Erklärung zum Kampf gegen Rassismus ab.
Frankfurt. 

Es herrschte großer Andrang im Stadtwald. Wie eigentlich immer, wenn Schulferien sind und die Frankfurter Eintracht in aller Öffentlichkeit trainiert, in der derzeit guten Stimmungslage rund um den Fußball-Bundesligisten diesmal sogar noch ein bisschen mehr. Deswegen gab es, als am Dienstagnachmittag die erste Übungseinheit nach der Rückkehr aus seinem Wintercamp an der Costa Blanca auf den Rasenplätzen vor der Arena beendet war, noch eine Extraschicht: Es wurden fleißig Autogramme geschrieben, Fotos mit kleineren und größeren Fans geknipst, und natürlich war auch hier Kevin-Prince Boateng besonders gefragt: Er ist schließlich nicht nur der wohl beste Fußballer unter den erstklassigen Frankfurter Berufskickern, er ragt auch als Typ heraus – weil er Führungsqualitäten auf und neben dem Platz offenbart und weil er klare und starke Worte auch zu gesellschaftlichen Themen abseits der Bundesliga zu finden vermag. Wie gestern, als alle Autogramm- und Fotowünsche erledigt waren.

Boateng: „Wir sind ein magisches Zehneck“

Als Beleg dafür, dass die erste Trainingseinheit nach der Heimkehr aus dem Wintercamp so schlecht nicht gewesen sein kann, brachte Kevin-Prince Boateng ein Zitat des anspruchsvollen und

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„Mir tut das richtig weh, dass wir das immer noch sehen müssen“, sagte Boateng da zu zwei rassistischen Vorfällen, die in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen gesorgt hatten, und es war ihm ein Anliegen, das zum Thema zu machen, obwohl er eigentlich nach vielen Statements dazu gar keine Lust mehr hatte, immer wieder darüber zu reden: „Aber jeden Tag passiert was. Wir dürfen die Augen nicht zumachen. Wir müssen dagegen kämpfen“, sagte er nun und regte eine Art Solidargemeinschaft der Spieler im Kampf gegen Rassismus an: „Wir müssen eine Front bilden und dagegen angehen“, meinte Boateng. „Ich werde jetzt irgendetwas in die Hand nehmen, und wenn das meine Berufung ist, vom großen Gott, von Allah, Buddha oder wem auch immer: Es reicht jetzt.“

Auch zu der Debatte um Vereinspräsident Peter Fischer, der in einem Interview erklärt hatte, keine Wähler der AfD bei der Eintracht haben zu wollen, äußerte sich Boateng in diesem Zusammenhang. Im Trainingslager vorige Woche in Spanien hatten die Spieler zu dem Thema noch nichts sagen sollen oder wollen, das war hinterher nicht ganz klar gewesen, auch Boateng jedenfalls hatte auf Nachfrage eines Journalisten nichts dazu gesagt. Nun erklärte er in Bezug auf Fischer: „Ich brauche da mit ihm nicht zu reden. Ich stehe hinter ihm. Ich stehe hinter jedem, der gegen Rassismus kämpft.“

Bereits am Montag hatte sich Boateng solidarisch erklärt mit dem französischen Nationalspieler Blaise Matuidi von Juventus Turin, der während des Auswärtsspiels in der Serie A bei Cagliari Calcio von gegnerischen Fans rassistisch beleidigt worden war. „Genug ist genug“, hatte der 30-Jährige in einer ersten Reaktion im Internet getwittert. Ihm selbst war in Italien ähnliches widerfahren. Anfang 2013 hatte er bei einem Testspiel noch im Trikot des AC Mailand einmal aus Protest gegen rassistische Rufe von den Rängen an seine Adresse einmal den Platz verlassen hatte. Die Vereinten Nationen hatten ihn daraufhin eingeladen, und am internationalen Tag gegen Rassismus hielt er eine bemerkenswerte Rede vor dem Menschenrechtsrat der UNO.

Seit Jahren ist Boateng ein ausgewiesener Kämpfer auf diesem Gebiet. Beim Weltfußballverband Fifa war er beispielsweise das Gesicht einer Anti-Rassismus-Kampagne, und erst im Dezember war er für sein Engagement mit einem Preis des Radiosenders „1LIVE“ ausgezeichnet worden. Zuvor hatte er schon den Videobeweis gegen Rassismus gefordert.

Austausch mit Matuidi

Mit Matuidi will er sich demnächst über die jüngsten Vorfälle und das eigene Vorgehen austauschen, das soll nur der Anfang sein. „Jetzt wurde Matuidi, der Arme, ausgebuht und beleidigt. Wie fühlt sich Matuidi nach dem Spiel? Er geht nach Hause und wurde zutiefst beleidigt, nur weil er eine andere Hautfarbe hat. Überlegt euch das mal, wie sich das anfühlt. Viele Menschen wissen das nicht. Aber wir gehen nach Hause und müssen fühlen, dass wir einfach anders sind, immer noch“, sagte Boateng in einer eindrücklichen Stellungnahme.

Matuidi hatte solche Erfahrungen bereits Ende Dezember im Spiel bei Hellas Verona machen müssen. Dass der Verein danach mit 20 000 Euro davon kam, ist für Boateng ein schlechter Scherz – verständlich in Zeiten von neunstelligen Ablösesummen. „Da kann man sich doch totlachen. Es kann nicht so weitergehen, dass es irgendwelche Strafen gibt, und dann ist es okay. Dann müssen sie hinter verschlossenen Türen spielen, was auch immer, da muss irgendetwas passieren“, forderte er.

„Sauer und traurig“ reagierte Boateng, der in Berlin geborene und aufgewachsene Sohn eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter und Halbbruder des deutschen Weltmeisters Jerome, auch auf ein Werbefoto auf der Internetseite des Modekonzerns H & M, das einen kleinen schwarzen Jungen in einem Pullover mit der Aufschrift zeigt: „Coolest monkey in the jungle (coolster Affe im Dschungel)“. H & M hat das Foto inzwischen zurückgezogen und sich entschuldigt.

Thema in der Kabine

Boateng sagte dazu: „Da reicht mir auch keine Entschuldigung. Dass so ein Riesenkonzern so etwas rausgibt, auch wenn es nicht mit Absicht ist, ist einfach nur traurig. Da soll mir auch keiner anfangen, dass das nichts mit Rassismus zu tun hat“, zürnte er. „Das ist auch etwas anderes, als wenn es ein weißes Kind gewesen wäre. Weil wir Schwarzen als Affen beschimpft wurden und werden, ich selbst auch schon.“

In der Kabine der Frankfurter Multi-Kulti-Mannschaft sei das ein großes Thema gewesen, berichtete Boateng: „Wir haben viele dunkelhäutige Spieler. In den Gesichtern standen viele Fragezeichen. Jeder fragt sich: Wie kann einem Konzern so etwas passieren? Die haben bestimmt um die zehn Leute, die sich ums Marketing kümmern. Eine Entschuldigung reicht da nicht.“ Timothy Chandler, in Frankfurt geboren und als Sohn einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen Soldaten, habe ihm das Foto zugeschickt, als er gerade schon dabei war, auch dazu einen Kommentar im Internet zu posten. „Bruder, meinen die das Ernst?“ Er selbst habe ein bisschen gezittert, als er von der Geschichte erfuhr. „Weil ich nicht wusste, wohin mit meinem Ärger.“

Jetzt hat er die Nase voll. Mit seinen Eintracht-Kollegen spricht er sowieso darüber, mit Matuidi will er das auch möglichst bald tun. Und dann international den Zusammenschluss suchen, ob ihn nun die Fifa oder sonst wer unterstützt oder er das selbst in Gang bringen muss: „Da genügt ein Anruf.“ Mario Balotelli und Patrick Kluivert beispielsweise hätten seinen Twitter-Beitrag zum Fall Matuidi schon kommentiert, nennt er einen aktuellen und einen ehemaligen Stürmer-Superstar als mögliche Verbündete. „Ich denke, dass es ganz einfach ist, eine gute Gruppe zusammenzukriegen, die das bekämpft“, meinte Kevin-Prince Boateng und sieht sich dafür auch auf dem genau richtigen Platz: „Wir müssen den Sport nutzen, um dagegen vorzugehen“, betonte er: „Es gibt nichts Schöneres als Fußball, wo jede Nation zusammen spielt, zusammen feiert, zusammen traurig ist.“

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