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Interview: Kovacs Grundschullehrer: "Niko war ein wissbegieriger und pfiffiger Schüler"

In der fünften und sechsten Klasse drückte Niko Kovac bei Udo Sauer die Schulbank. Vor dem Pokalfinale zwischen Kovacs bisherigem Verein Eintracht Frankfurt und seinem künftigen Club Bayern München erinnert sich der 61-jährige Berliner Grundschullehrer an ihn.
Trainer Niko Kovac von Eintracht Frankfurt gestikuliert am Spielfeldrand. Foto: Matthias Balk Trainer Niko Kovac von Eintracht Frankfurt gestikuliert am Spielfeldrand.

Zu welchen Schülern gehörte Niko Kovac – Streber, Faulpelz, oder Rotzlöffel?

UDO SAUER: Der Niko war pfiffig, schlau, nett, freundlich. Ein bisschen Lausbub. Und unheimlich intelligent. Später hat er eine Empfehlung bekommen, aufs Gymnasium zu wechseln. Er muss also überall Einser und Zweier in der Grundschule gehabt haben. Eltern aus dem Bezirk Wedding schicken bestimmt ihr Kind nicht aufs Gymnasium, wenn sie nicht eine Empfehlung von der Schulleitung hätten.

In welchen Fächern haben Sie ihn unterrichtet?

SAUER: Erdkunde. Da ging es um Themen, zu denen die Kinder überhaupt keine Beziehung hatten. Nordsee-Deiche, Ebbe, Flut und solche Sachen. Aber der kleine Niko hat das alles gecheckt, der wusste immer die Antworten. Wenn es brenzlig wurde und keiner was wusste, dann hast du Niko drangenommen – der wusste alles. Deshalb kann ich mich so gut an ihn erinnern.

Weil er besser war als seine Mitschüler?

SAUER: Die Wedding-Grundschule hatte in den 80er Jahren einen Ausländeranteil von 80 Prozent. Niko wurde in diesem Stadtteil geboren, sprach perfekt deutsch. Die Kinder in der Klasse kamen aus der Türkei, Jugoslawien, Griechenland. Was sollen diese Kinder mit Themen wie Küstenschutz, Landgewinnung, Vegetationsstufen in den Alpen anfangen? Für die meisten Kinder waren das böhmische Dörfer, da hätte man auch chinesisch reden können. Aber Niko hat sich für alles interessiert. Das war faszinierend.

Ein ungewöhnlich wissbegieriges Kerlchen?

SAUER: Absolut. Ich habe seinen Weg ein bisschen verfolgt. Das Besondere bei ihm war: Seine Eltern sind Kroaten, sind als Gastarbeiter nach Berlin gekommen. In einen sehr armen, klassischen Arbeiter-Bezirk nach Wedding. Niko hatte sicher von daheim keine große Unterstützung für die Schule, aber er hat später sogar am Gymnasium Abitur gemacht. Höchstens fünf Prozent der Kinder aus diesem Bezirk machen Abitur.

War er beliebt bei seinen Mitschülern?

SAUER: Natürlich war er sehr beliebt. Obwohl er ja klein und schmächtig war, haben alle auf ihn gehört. Dazu eine Geschichte: Wir organisierten ein Freundschaftsspiel gegen eine Schule aus Berlin-Kreuzberg. Niko hat bei uns eine Schulmannschaft zusammengestellt. Sein Bruder Robert, der zwei Jahre jünger ist, war auch dabei. Dann bin ich mit 15 Ausländern, die alle verschiedene Sprachen gesprochen haben, mit der U-Bahn quer durch Berlin gefahren zu diesem Freundschaftsspiel. Das war sehr eindrucksvoll. Sehr abenteuerlich. Aber Niko war begeistert.

Sein Talent auch auf dem Platz – schon damals unübersehbar?

SAUER: Ich habe gesehen, was der für einen Überblick hat, wie der die Pässe spielt. Es gibt ja viele, die fummeln an zwei, drei Gegenspielern vorbei – sind egoistisch und bleiben am vierten hängen. Aber bei Niko hast du gemerkt: Der spielt richtig mit Köpfchen.

Auch in einem Verein?

SAUER: Er kickte damals bei Rapide Wedding, später bei Hertha 03 Zehlendorf. Damals gingen viele Talente nach Zehlendorf.

Hatten Sie später Kontakt zu ihm?

SAUER: Leider nicht. Ich war traurig, dass er bei Leverkusen, Hamburg und Bayern in der 1. Bundesliga spielte, bei Hertha BSC in der 1. Liga erst zum Ende seiner Karriere. Bei seinem Abschiedsspiel im Olympiastadion war ich live dabei. Ich finde es sympathisch, wie er heute im Fernsehen redet, wie fair er ist. Was er sagt, trifft den Nagel immer auf den Kopf. Bei diesen vielen arroganten Dummschwätzern ist er der Lichtblick und stets ein Vorbild auch für heutige Schüler. Aber es macht mich ein bisschen traurig, dass er jetzt beim FC Bayern als Trainer unterschrieben hat, nicht bei Hertha oder Dortmund. Niko ist hundert Prozent sympathisch – aber musste es Bayern sein? Als Berliner darf ich das wohl sagen (lacht, Anmerkung der Redaktion) .

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