E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 27°C

Eintracht Frankfurt: Taktiktafel: Eintracht wird mit den eigenen Waffen besiegt

Von Da winkt tatsächlich Platz zwei und dann so was: Die Eintracht wird vom FC Augsburg entzaubert und dabei auch mit den Mitteln besiegt, die sie selbst stark gemacht haben. Manuel Baum, bei der Trainerfortbildung unter der Woche noch Co-Pilot von Niko Kovac im Flugsimulator, hat den Kollegen aus Frankfurt jedenfalls perfekt ausgeguckt.
Frankfurt. 

Den Gegner durch frühes Anlaufen entnerven, schnörkellos nach vorne spielen und bei einer Führung extrem kompakt agieren – all das sind Mittel, derer sich die Eintracht in vielen erfolgreichen Auswärtsspielen bedient hatte. Diesmal wurde sie selbst Opfer einer ganz ähnlichen Taktik. Der FC Augsburg raubte der Mannschaft von Trainer Niko Kovac einige Stärken, indem er sie immer wieder in die ungeliebte Rolle des Ballbesitzteams zwang, sie sozusagen zur Heimmannschaft machte. Wozu es übrigens notwendig war, die später von Kovac bei seiner Mannschaft vermissten „Basics“ einzubringen, nämlich vor allem eine Menge Disziplin, Willen und Einsatzbereitschaft. Schließlich gehörten zur Augsburger Taktik auch immer wieder lang hinter die Eintracht-Abwehr geschlagene Bälle, die nur Sinn ergaben, weil die Offensivkräfte ihnen auch konsequent nachgingen. Der Aufwand war groß und hat sich gelohnt.

Wahrscheinlich könnte Manuel Baum seinen Plan noch unendlich detaillierter darstellen, im Grunde aber sah die Sache relativ einfach aus: Augsburg lief gleich energisch und weit vorne an und weil sie die Eintracht trotzdem auf ihre gerade erst salonfähig gewordenen Fähigkeiten im Spielaufbau verlassen wollte, musste sie Breite und Tiefe schaffen, sprich sich weitläufig auf dem Feld verteilen, um dem Druck der Gastgeber zu entgehen. Was dazu führte, dass die gut abgestimmt pressenden Augsburger nach Ballgewinnen jede Menge Raum vorfanden, den sie bespielen konnten – vorzugsweise die Halbräume (Räume zwischen Zentrum und Flügel) hinter den Frankfurter Mittelfeldaußen Timothy Chandler und Marius Wolf. Einige Male brannte es in solchen Situationen lichterloh vor dem Tor von Lukas Hradecky.

<span></span> Bild-Zoom

Dass die Eintracht diesmal nicht ganz so konsequent agierte wie zuletzt, sah man schon früh und überdeutlich auch bei der einzigen Ecke für Augsburg. Kevin Danso kam da völlig unbedrängt zum Kopfball – einerseits hatte ihn Carlos Salcedo laufen lassen, anderseits Kovac wie schon zuletzt gegen Mönchengladbach darauf verzichtet, einige Spieler für eine Raumdeckung vor dem eigenen Tor einzuteilen. Und ohne die Diskussion über Raum- oder Mann- oder Mischdeckung wieder anfangen zu wollen: Ohne Überzeugung wird man in der Verteidigung von sogenannten Standardsituation immer wieder Gegentore kassieren. Siehe auch das Augsburger 1:0 und 2:0, die beide nach Freistößen aus dem Halbfeld fielen, wenn auch nicht unmittelbar.

Misslungenes Experiment

Die Idee, solche Freistöße weit weg vom eigenen Tor und auf einer Linie zu verteidigen, ist vielleicht noch relativ neu, allerdings nicht neu genug, als dass es nicht schon erprobte Lösungen für die angreifende Mannschaft gäbe. Zum Beispiel die, den Abstand zum Tor einfach zu ignorieren und den Ball mit Schnitt in den großen Raum hinter der Abwehr zu schlagen. Vor allem beim zweiten Augsburger Treffer sieht man jedenfalls, dass sich das verteidigende Team mit seiner Aufstellung vor der Ausführung des Freistoßes selbst in Not bringt und schon in Richtung des eigenen Tores startet, ehe der Schütze den Ball überhaupt erreicht hat. Das Resultat dessen ist, dass alle Eintracht-Spieler in dem Moment, da der Ball die Gefahrenzone erreicht, in Richtung eigene Grundlinie orientiert sind – und zwar in Lauf- und Blickrichtung, was das Abwehren des Balles ja ohnehin erschwert. Zwar gelingt es trotzdem, den Ball nach außen wegzuköpfen, doch von dort wird er von den Augsburgern zurückgespielt und prompt wieder vors Tor gebracht. Die Frankfurter sind also zu einem ständigen Wechsel der Körper- und Blickrichtung gezwungen. Und dabei geht bei dem einen oder anderen komplett die Orientierung verloren – nur nicht bei Stürmer Michael Gregoritsch, der die Abwehr ganz alt aussehen lässt. Ganz ähnlich übrigens wie Ja-Cheol Koo beim Augsburger 1:0.

Die Gesichter sprechen Bände: Während Trainer Niko Kovac verärgert gestikuliert, ist auf der Bank den Co-Trainern Robert Kovac, Armin Reutershahn und Torwart-Trainer Moppes Petz (von rechts) die Unzufriedenheit mit dem Eintracht-Auftritt in Augsburg anzusehen.
Eintracht Frankfurt Ändert Niko Kovac das Team - oder die Taktik?

Der FC Augsburg hat am Sonntag gezeigt, wie man Eintracht Frankfurt bezwingen kann. Viel Zeit bleibt nicht, um die Bundesliga-Pleite aufzuarbeiten. Im Viertelfinale des DFB-Pokals wartet am Mittwoch schon der Bundesliga-Konkurrent Mainz 05.

clearing

Ob jetzt tatsächlich die Zeit für solche Experimente bei Ecken und Freistößen ist, muss sich Niko Kovac selbst fragen. Vor allem bei einer Mannschaft, die schon so viele Dinge entwickelt und erfolgreich praktiziert hat – auch eine Zehn-Mann-Eckball-Verteidigung mit dem freiwilligen Verzicht auf den sogenannten „zweiten Ball“. Eine Überraschung wäre es nicht, wenn sich der Trainer wieder mehr auf die von ihm selbst so vielzitierten Grundtugenden konzentrieren würde.

Roland Stipp

ist seit bald 20 Jahren Mitarbeiter in unserer Sportredaktion. Er steht außerdem als Trainer mit DFB-Lizenz selbst Woche für Woche an der Seitenlinie. Und er schaut für uns ganz genau hin, wenn die Eintracht spielt.

Zur Startseite Mehr aus Eintracht Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse