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Proteste: Fußball als Politikum: Sagen die Chinesen das Spiel gegen den FSV ab?

Von Eigentlich sollte am Samstag im Stadion am Bornheimer Hang ab 14 Uhr nichts anderes als ein Fußballspiel ausgetragen werden. Der geplante Test zwischen dem FSV Frankfurt und der chinesischen U 20-Nationalmannschaft hat sich allerdings zu einem Politikum entwickelt. Und wird möglicherweise abgesagt.
Protest gegen China: Unabhängigkeitsaktivisten aus Tibet beim Testspiel in Mainz am vergangenen Samstag. Foto: Martin Hoffmann (imago sportfotodienst) Protest gegen China: Unabhängigkeitsaktivisten aus Tibet beim Testspiel in Mainz am vergangenen Samstag.
Frankfurt. 

Michael Görner, seit April dieses Jahres Präsident des Fußball-Regionalligisten FSV Frankfurt, konnte sich in den vergangenen Monaten über mangelnde Arbeit sicherlich nicht beklagen. Der langjährige Zweitligist befindet sich trotz der fast überwundenen Insolvenz immer noch im finanziellen Überlebenskampf, der Görner und seinen Mitstreitern alles abverlangt.

Seit einigen Tagen muss sich Görner intensiv mit einem weiteren Thema beschäftigen, das ihn nach eigenen Worten „überrollt hat“. Fast 50 Journalisten haben in dieser Woche Kontakt zu dem 56 Jahre alten Präsidenten des FSV aufgenommen, um mit ihm über ein Fußballspiel zu sprechen, das nicht mehr nur ein sportliches Ereignis ist, sondern sich zu einem Politikum von mittlerweile bundesweitem Interesse entwickelt hat. „Das alles ist so unnötig wie ein Kropf“, sagte Görner gestern dieser Zeitung.

Der Hintergrund: Beim Auftakt der Testspielserie der chinesischen U 20-Nationalmannschaft gegen 16 Clubs der Regionalliga Südwest am vergangenen Samstag beim TSV Schott Mainz war es zu einer friedlichen Protestaktion von tibetischen Unabhängigkeitsaktivisten gekommen, die auch das chinesische Außenministerium auf den Plan gerufen hat (wir berichteten). Ein Sprecher des Ministeriums bezeichnete den Protest sogar als „terroristische Handlung“, die künftig unterbleiben sollte. Angeblich spielt der chinesische Verband mit dem Gedanken, seine Testspielreise noch vor dem Wochenende abzubrechen. Unbeeindruckt von diesen Drohgebärden zeigt sich das Präsidium des FSV Frankfurt. Fans aus Bornheim haben für das Spiel zwei Banner angemeldet. Ein Plakat soll in englischer Sprache auf die Meinungsfreiheit in Deutschland hinweisen, auf dem anderen ist die tibetische Fahne zu sehen. „Wir sehen keinen Grund, diese Banner abzulehnen“, erklärte Görner. Außerdem werden die Verantwortlichen des FSV dem tibetischen Mönch und Menschrechtler Golog Jigme, der sein Kommen für das Spiel am Samstag angekündigt hat, mit Sicherheit nicht den Zugang zum Stadion verwehren.

Auf höchster Ebene

Eingefädelt wurde die umstrittene Gastspielreise des chinesischen Nachwuchses durch die deutsche Fußball-Provinz im Herbst 2016. Und zwar auf allerhöchster Ebene. Damals vereinbarten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit hochrangigen Funktionären aus dem Reich der Mitte eine weitreichende Zusammenarbeit für die nächsten fünf Jahre, die monatelang medial allerdings nur eine Randnotiz blieb.

Bis zum Juni dieses Jahres. Das frühsommerliche Fußball-Loch war plötzlich gefüllt, weil Berichte über eine geplante Integration der chinesischen U 20-Auswahl in den Spielbetrieb der Regionalliga Südwest für Aufsehen sorgten. Dies wurde zwar schnell dementiert, aber scheibchenweise offenbarte der DFB jetzt seine wirklichen Pläne mit dem Nachwuchs aus China.

Denn neben der Kooperation bei der Trainerausbildung und Wettbewerbsorganisation verfolgte der DFB vor allem ein Projekt, das sich in den kommenden Monaten zu einem der umstrittensten Vorhaben in der jüngeren Geschichte des deutschen Fußballs entwickeln sollte: die Gastspiele der chinesischen Juniorennationalmannschaft gegen die jeweils spielfreie Mannschaft der 19 Clubs umfassenden Regionalliga Südwest. Bei drei Vereinen der Regionalliga Südwest stieß dieses Vorhaben auf keine Gegenliebe, auch wenn sich die Verantwortlichen der Stuttgarter Kickers, von Waldhof Mannheim und der TuS Koblenz durch ihre Absagen jeweils 15 000 Euro entgehen lassen. Dies ist die garantierte Summe, die der DFB den Vereinen für ihr Testspiel gegen die chinesische Auswahl überweist.

Den größten Widerstand gegen die Testspielserie gab es in der Fanszene. In einem offenen Brief warf ein Fanbündnis von Anhängern des FSV Frankfurt, Hessen Kassel, Waldhof Mannheim, SSV Ulm, TuS Koblenz und Wormatia Worms im Sommer dem DFB unter anderem vor, mit einem autoritären Staat zusammenzuarbeiten, um Profite zu erzielen. Dabei wurden die Fans auch von einigen Vereinsfunktionären unterstützt. „Es steht die Frage im Raum, wo die Kommerzialisierung des Fußballs seine Grenzen hat“, erklärte zum Beispiel der Koblenzer Präsident Arnd Gelhard. Drastischer formulierte es Hajo Sommers, das Vereinsoberhaupt des West-Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen: „Die Regionalliga wird zu einer Kirmesliga, damit Bayern München mehr Trikots in China verkaufen kann“, sagte Sommers in Anspielung auf die Tatsache, dass Asien als derzeit größter Wachstumsmarkt für den deutschen Profifußball angesehen wird.

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