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WM 2018: Wo ist der Geist von Spiez?

Von Fußballer, ratlos auf dem Platz. So wie Kroos und Hummels verzweifelten die deutschen Spieler gegen Mexiko alleine vor sich hin. Es fehlte der Teamgeist. Dieter Sattler erzählt, welche Teams ihn hatten.
Kroos (l.) und Hummels im Spiel gegen Mexiko. Foto: Jan Huebner/Hufnagel (imago sportfotodienst) Kroos (l.) und Hummels im Spiel gegen Mexiko.

Der Philosoph Hegel war dem Weltgeist auf der Spur, Fußballteams suchen stets nach dem Mannschaftsgeist. Keiner weiß genau, wo er steckt. Aber wenn man ein Turnier gewinnt, ist er meist da. So wie beim WM-Sieg von 1954: Mit dem Geist von Spiez.

2014 soll er, in moderner Variante, beim letzten WM-Sieg der Deutschen im brasilianischen Campo Bahia wieder aufgetaucht sein. Wie der Weltgeist braucht auch der Teamgeist seine spezielle Umgebung. Sonst flüchtet er und man verliert – wie die Deutschen am Sonntag gegen Mexiko.

Damals, 1954, lebte und schwebte der Geist im Nebel über dem Mannschaftshotel am Thuner See oder in der Seele des zur Schwermut neigenden Fritz Walter. Vielleicht auch in der Leichtigkeit von dessen Zimmerkollegen, dem späteren Final-Siegtorschützen Helmut „Boss“ Rahn. Oder er kam mit dem Regen. Denn als Trainer-Fuchs Sepp Herberger am Finaltag morgens aus dem Fenster sah, lächelte er und sagte: „Des is’ dem Fritz sei’ Wetter.“

ARCHIV - Deutschland schlägt Ungarn am 04.07.1954 vor 60.000 Zuschauern im Berner Wankdorf-Stadion mit 3:2, und die deutschen Spieler liegen sich bei Spielende nach Abpfiff des Endspiels durch den englischen Schiedsrichter William Ling (l, hinten) jubelnd in den Armen und feiern den ersten WM-Titelgewinn. In der Spielertraube v.l.: Fritz Walter (16), sein Bruder Ottmar Walter (15) und Hans Schäfer (20). Rechts reisst Spieler Horst Eckel jubend die Arme hoch. Rechts hinten Ungarns Stürmer Nandor Hidegkut (9) und Torhüter Gyula Grosics. Bild-Zoom Foto: --- (UPI)
ARCHIV - Deutschland schlägt Ungarn am 04.07.1954 vor 60.000 Zuschauern im Berner Wankdorf-Stadion mit 3:2, und die deutschen Spieler liegen sich bei Spielende nach Abpfiff des Endspiels durch den englischen Schiedsrichter William Ling (l, hinten) jubelnd in den Armen und feiern den ersten WM-Titelgewinn. In der Spielertraube v.l.: Fritz Walter (16), sein Bruder Ottmar Walter (15) und Hans Schäfer (20). Rechts reisst Spieler Horst Eckel jubend die Arme hoch. Rechts hinten Ungarns Stürmer Nandor Hidegkut (9) und Torhüter Gyula Grosics.

Genauso wie damals wird der Geist nie mehr erscheinen. Das „Elf Freunde müsst ihr sein“ wird es nicht mehr geben. Die Nationalmannschaft von 1954, noch mit Kriegsheimkehrern, die zehn Jahre älter aussahen als sie waren, atmete einen Rest von kriegerischer Opfergemeinschaft. Ohne ihren extremen Zusammenhalt wäre das 3:2-Wunder gegen spielerisch hoch überlegene Ungarn unmöglich gewesen.

Auch die Nationalteams, die folgten, spiegelten mit ihren Höhen und Tiefen jeweils den Zeitgeist wieder – bis zur heutigen Spielergeneration, die ständig ins Smartphone schaut und statt eines Teamgeistes ihren Friseur nach Russland mitgenommen hat. Es sind zwar im wesentlichen dieselben Akteure, die vor vier Jahren den WM-Sieg errungen haben. Aber damals hatten sie als Nationalteam noch nichts gewonnen und damit noch den nötigen Hunger und mit vielen Spielern Mitte 20 auch das richtige Alter. Mit Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm plus Lukas Podolski, der für gute Laune sorgte, hatte sie zudem verlässliche Anführer, die, wie einst Fritz Walter und der „Boss“ Verantwortung übernahmen, wenn es eng wurde. Sie waren stets bereit, ihr Ego zurückzunehmen und sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. So konnte sich in Campo Bahia traditioneller Mannschaftsgeist mit modernem Individualismus verbinden – so wie bei allen deutschen Siegerteams nach 1954.

Auch die WM-Mannschaften von 1974 und 1990 sowie die EM-Siegertruppe von 1996 versprühten nicht nur Glanz. Sondern es wuchs allmählich zusammen, was zusammengehörte. Reines Lametta gab es nur im EM-Team von 1972, mit Ramba-Zamba und einem Spielmacher Günter Netzer, der mit wehender Mähne aus der Tiefe des Raumes kam. Diese Mannschaft spiegelte optisch und spielerisch den liberalen Zeitgeist der frühen 1970er Jahre wieder.

Die deutschen WM-Teams von 1958 und 1962 waren dagegen noch schwächere Wiederauflagen des 54er Teams gewesen – mit alternden Weltmeistern und aufstrebenden Jungstars wie Uwe Seeler, Helmut Haller, Karl-Heinz Schnellinger und Wolfgang Fahrian. Das passte nicht immer zusammen, auch wenn „Uns Uwe“ von Mentalität und Ausstrahlung auch zum 54er Team hätte gehören können. Er transportierte mit Haudegen wie Willi Schulz, Horst-Dieter Höttges und Wolfgang Weber über die 1966-WM einen Hauch von Spiez bis ins DFB-Team von Mexiko 1970.

Doch schon 1966 hatte sich ein Generationenwechsel angedeutet. Die Kinder der 1963 gegründeten Bundesliga wie die selbstbewussten Jungstars Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath übernahmen das Kommando. Sie waren dann, verstärkt durch den Fußball-Rebell Paul Breitner auch die tragenden Figuren beim 1974er-Triumph.

Die langhaarigen Popstars nahmen die traditionellen DFB-Strukturen auseinander. Nach dem Vorrunden-0:1 gegen die DDR stellte Beckenbauer die Mannschaft neu auf, die Spieler büxten nachts aus der Sportschule Malente aus, um dem Lagerkoller zu entfliehen und gewannen das Finale 2:1 gegen Holland. Als der DFB die Spielerfrauen vom Siegerbankett ausschloss, erklärten Breitner und Torjäger Gerd Müller ihren Rücktritt aus dem Nationalteam. Diese Mannschaft hatte zwar wenig von Spiez, aber genug individuelle Klasse und Selbstbewusstsein, um Weltmeister zu werden.

Wie schnell aus gesundem Selbstbewusstsein Zynismus werden kann, der den Teamgeist vertreibt, zeigten die WM-Teams von 1978, 1982 und 1986. Zwar gab es teilweise beachtliche Erfolge, aber die Beliebtheit des Nationalteams sank. Zuviel Egoismus erdrückte den Mannschaftsgeist. 1982 wurde das Vorbereitungslager in „Schlucksee“ umbenannt. Warum, das zeigte die bis Sonntag singuläre Niederlage im Eröffnungsspiel (damals gegen Algerien). Doch die individuelle Klasse der Spieler war so groß, dass es 1982 und 1986 bis ins Finale reichte. Dort fehlt aber das letzte Quäntchen, das eben nur der berühmte Geist zu geben vermag.

Bezeichnend, dass sich mit Bernd Schuster das neben Karlheinz Rummenigge wohl größte Talent dieser Generation nach dem EM-Sieg von 1980 aus dem Team zurückzog. Der Teamgeist kam erst wieder 1990 zum DFB zurück, und zwar, wie Redaktionskollege Michael Kluger damals schrieb, in den kurzen Hosen von Lothar Matthäus. Es folgten Jahre des Rumpelfußballs, unterbrochen vom EM-Triumph 1996 und wieder einem WM-Vizetitel 2002, mit einer Reinkarnation von Lothar Matthäus: Michael Ballack.

A ls der als Altstar allmählich zum Ballast wurde, ward 2010 ein hungriges neues Team geboren. Den Grundstein dazu hatte das Trainer-Tandem Jürgen Klinsmann/Jogi Löw vor der Heim-WM 2006 gelegt. Klinsmann verstand es, einen Mannschaftsgeist zu schaffen, der Berge versetzte und spielerische Mängel vergessen ließ. Er orientierte sich am französischen Dichter Antoine de Saint-Exupery: „Wenn du ein Schiff bauen willst, lass deine Leute kein Holz sammeln, sondern lehre sie, vom offenen Meer zu träumen.“

Halbfinale war toll, aber ohne dass Löw ihn als Cheftrainer beerbt hätte, wäre Klinsis „Projekt“ nur ein Traumschiff geblieben. Die jungen Müllers, Khediras und Özils weckten 2010 die Hoffnung, dass die traditionellen deutschen Tugenden verzichtbar seien, aber nach der EM-Pleite von 2012 merkte Löw, dass es ohne Holzsammeln auch nicht geht. 2014 gab es dann das magische 7:1 gegen Brasilien, aber auch zwei 1:0 gegen Frankreich und im Finale gegen Argentinien.

D as alles scheint Löw vor dem WM-Turnier 2018 vergessen zu haben. Es gab nur noch den deutschen Plan, keinen Blick auf die mögliche Taktik eines hungrigen Gegners. Und auch keinen Geist. „Der wird schon noch kommen“, hieß es nach schlechten Testspielen. Aber der Geist kommt nur zu den Demütigen. Und das sind die Deutschen nicht mehr. Dazu dann noch die verheerende Erdogan-Aktion von Özil und Gündogan, die jeden Mannschaftsgeist erschrecken musste. Es war deshalb eher witzig, dass der sonst so smarte Neusprech-Manager Oliver Bierhoff die Kritiker an Özil im „Oldschool-Stil“ abkanzelte: „Jetzt müssen wir alle zusammenhalten.“ Warum eigentlich? Die Aktion hatte das Projekt von „La Mannschaft“ doch komplett infrage gestellt. Gemeinsam siegen für wen, für Erdogan etwa?

Mentalität also eher schlecht, und taktisch hatte das Weltmeister-Trainerteam offenbar ein Arroganz-Schläfchen eingelegt. Nur aus dem Laptop und mit Flipchart-Sprüchen (wie „The best never rest“), ohne Wille und Leistung, kann man weder ein Unternehmen führen noch ein Fußballspiel gewinnen. Ein bisschen 50er-Jahre gilt eben immer noch. Oder wie Adi Preißler, ein Star von damals, sagte: „Grau ist alle Theorie, die Wahrheit ist auf dem Platz.“

Mal schauen, ob das deutsche Team gegen Schweden ein paar Rest-Tugenden wiederentdeckt. Und vielleicht sogar den Geist von Sotschi weckt.

 

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