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Löwen Frankfurt: Die Invasion von Netphen

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Symbolbild Foto: imago sportfotodienst Symbolbild

Das Städtchen Netphen liegt im beschaulichen Siegerland. Schon 778 Jahre lang. Als einzige Invasion in der Geschichte des 6100 Seelen zählenden Kernorts wird der Überfall der räuberischen Truppen vom 3. Mai 1643 erwähnt, bei dem die Siedlung geplündert und weitgehend zerstört wurde. Genau genommen müsste die Geschichte umgeschrieben werden. Die Invasion, die Netphen am 1. Oktober 2010 widerfuhr, war weitaus weniger blutig, dafür aber intensiver und konzentrierter. Rund 1000 Löwen stürmten die Anhöhe, auf der das Eisstadion liegt.

Solche Geschichten spielt nur das Leben. Bis zu diesem Tag haben die meisten Frankfurter Eishockey-Fans den Namen Netphen vermutlich noch nie gehört. Eishockey wird in dem beschaulichen Ort am Südhang des Rothaargebirges seit 1970 gespielt. Im Frühjahr 2010 holte sich der EHC Netphen 08 den Titel in der NRW-Landesliga und stieg in die Verbandsliga auf. Durch die Neuordnung der Ligen sahen sich die Schützlinge von Trainer Reinhard Bruch in der Regionalliga West wieder. In der Zeit, als den Netphener der gigantische Sprung nach oben gelang, wurden in der DEL parallel die Play offs gespielt. Mit den Frankfurt Lions. Dann meldete Siggi Schneider die Mannschaft aus der DEL ab. Das Frankfurter Eishockey schien wieder einmal tot zu sein. Doch totgesagte leben länger. Eine Gruppe um Stefan Krämer, Andreas Stracke und die beiden DEL-Cracks Michael Bresagk und Ilja Vorobjev wagte mit den in der Regionalliga West beheimateten „Young Lions“ einen Neuanfang.

So bereiteten sich zwei Teams aus völlig verschiedenen Eishockey-Welten auf ein historisches Zusammentreffen vor. Die Mannschaft des EHC Netphen bestand aus mehr oder weniger aus reinen Amateurspielern, de fast schon Freizeitspieler zu nennen waren. Gelebt hat sie nur von drei Spielern: Der bereits 45-jährige Robert Simon spielte in den 90ern Jahren in der 1. Liga für den Herner EV und für die Schalker Haie. Und die  beiden als Verstärkung verpflichteten Tschechen Michael Kousek und Jan Kral kamen aus der 2. Bzw. 3. Liga in ihrer Heimat. Dort bereitete sich der EHC Netphen in einemeinwöchigen Trainingslager auf das Abenteuer Regionalliga auf.

Wie sah es inzwischen in Frankfurt aus? Auch nicht viel besser. Die Regionalliga-Mannschaft der Young Lions bestand weitgehend aus Eigengewächsen, die es nicht nach oben geschafft hatten. Die meisten Spieler waren zwischen 19 und 24 Jahren alt. Auch dies war eher ein Freizeitvergnügen. In der Regionalliga 2009/10 errangen die Young Lions gerade Mal drei Punkte, dann konnten sie in der sogenannten Pokalrunde den Klassenerhalt realisieren.  Der bekannteste Spieler war Paul Knihs, der bereits für Bad Nauheim in der 2. Bundesliga aktiv war. Um die Jungs auf Vordermann zu bringen, führte der Trainer, der Frankfurter DEL-Spieler Andrej Jaufmann, professionelles Training ein. Die Mannschaft sollte verstärkt werden, das Ziel war der Aufstieg.

Und dann kam der 1. Oktober 2010. Das erste Punktspiel der Saison führte die Löwen eben nach Netphen. Die Gastgeber erwarteten eine Rekordkulisse, doch das war angesichts der meistens zweistelligen Zuschauerzahlen kein Kunststück. Diesen Ansturm erwartete aber niemand.  Und niemand in Netphen war darauf vorbereitet. Das auf zwei Seiten offene Stadion im Sportpark Siegerland soll eine Kapazität von 1200 Zuschauern haben. Was nach den Erfahrungen beim Frankfurt-Gastspiel bezweifelt werden könnte.  Ich fuhr damals sehr zeitig hin, schließlich wusste ich weder, wo dieses Netphen genau legt, noch wie die Arbeitsbedingungen vorort sein würden. Als ich zwei Stunden vorm Spielbeginn eintraf, war das Stadion noch zu. Auf dem Parkplatz sangen und feierten inzwischen rund 500  Frankfurter Fans. Der Stadion-Wirt hätte ein tolles Geschäft machen können. Wenn er da gewesen wäre. Die Stimmung war dennoch ausgelassen. Der Hit der Hitparade war „fröhliche Löwen überall“.  Während der Andrang vor der Halle immer größer wurde, fanden sich endlich auch die ersten Ordner ein. Der Kassierer hatte ein Problem: So viele Tickets hatte er nicht vorrätig. Kurzerhand wurde eine Lösung gefunden. Aus dem nahe gelegenen Kino wurden Rollen mit Kino-Tickets gebracht, die dann die Löwen-Anhänger für den Einlass erwerben konnten. Ich ging auf einen Ordner zu und sagte „Presse“. Er schaute mich mit Unverständnis an: „Dann gehen sie doch rein.“ Wie töricht meine Frage nach den Presseplätzen war, begriff ich erst beim Betreten des Stadions, der über keine Sitzplätze verfügte. Das Löwen-Volk drängte inzwischen rein. Am Ende waren es offiziell 892 Zuschauer, davon höchstens 100 einheimische. Nun machte endlich auch die Gaststätte auf. Durch die Reihen der Fans liefen einige junge Männer mit Drahtgestellen in denen ein Sechserpack Bier offeriert wurde. Man hätte das zehnfache absetzen können. Die Netphener kamen aus dem Staunen nicht heraus. Die ganze Skala der Gesänge aus der Eissporthalle am Ratsweg hallte durch die Halle.

Aus dem Staunen nicht heraus kamen aber auch die Frankfurter Spieler. Zu ihren Spielen kamen bisher nur Verwandte und engsten Freunde, 30 bis 100 Zuschauer waren die gewöhnliche Kulisse bei ihren Regionalligaspielen. „Das war alles völlig gaga“, erinnert sich der damalige Kapitän Michael Schwarzer. Für ihn und die anderen Frankfurter Jungs ging an diesem Tag ein Jugendtraum in Erfüllung. Für kurze Zeit dürften sie sich wie Eishockey-Profis fühlen, genossen den Bad in der Menge. „Ich bekam einfach eine Gänsehaut“, schildert „Blacky“ Schwarzer.
Und dann ging es endlich los. So nahe habe ich einem Spiel noch nie beigewohnt. Ich stand zwischen Trainer Jaufmann und Bresagk, unterhielt mich nicht nur mit ihnen, sondern auch mit den nur wenige Schritte entfern ab und an auftauchenden tschechischen Spielern des Gegners. Oft waren sie nicht dort zu finden. Der bewundernde Satz eines Netphener Spielers – „die können ja alle perfekt rückwärtsfahren“ – verdeutlicht am besten das Niveau des Kern der EHC-Mannschaft.

Kral und Kousek waren beide rund 40 Minuten auf dem Eis. „So fertig waren wir noch nie“, gestanden sie hinterher. Ganz andere Stimmung herrschte auf der Frankfurter Bank. Als Michael Schwarzer in der 8.Minute das 1:0 markierte, wurde er von den Mitspielern aber auch von den Fans gefeiert, als wenn die Löwen wieder einmal Deutscher Meister geworden wären. Bis zur ersten Sirene gab es noch zweimal Jubelschreie: Nach den Toren von Benedikt Peters und Daniel Körber. Der Gegner konnte nur während der zwölf Strafzeiten der Löwen mithalten. Am Ende siegte Frankfurt nach weiteren Treffern von Jan Bannenberg und noch einmal Schwarzer 5:1. Während die Fans überschwänglich mit der auf dem Eis sitzenden Mannschaft feierten, versuchte ich beim strömenden Regen – in der Halle gab es keinen Empfang – meinen Bericht über den ersten erfolgreichen Schritt zum Aufstieg an meine Redaktion durchzugeben.

Am Saisonende stiegen übrigens beide Teams auf: Die nach und nach mit einigen Profis verstärkten Löwen als souveräner Meister, der EHC als Tabellendritter, in die Oberliga auf. Dort begegneten die Netphener mit Bad Nauheim und Kassel zwei weiteren renommierten Vereinen. Doch das einmalige Erlebnis aus dem ersten Treffen gegen die Löwen Frankfurt wurde in dem 6100 Seelen zählenden Ort in Siegerland nie mehr übertroffen. Und wird es wahrscheinlich auch nie!
 

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