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Löwen Frankurt-Historie: Wildwest statt Eishockey: 336 Strafminuten in Nürnberg

Von 20 Jahre ist es bereits her. Doch das Match zwischen den Nürnberg Ice Tiers und den Frankfurt Lions ist immer noch ein DEL-Rekordspiel. Nicht wegen des 7:3-Sieges der Franken. Sondern wegen der 336 Strafminuten. Die sind ebenso unerreicht, wie die 206 Minuten, die gegen das Team von Peter Obresa an diesem historischen 21. September 1997 ausgesprochen wurden.
Jukka Tammi (Frankfurt Lions) nimmt Schluck aus der Flasche. Foto: Imago Jukka Tammi (Frankfurt Lions) nimmt Schluck aus der Flasche.
Dieses Match ging in die Geschichte als das Skandalspiel ein. Fünf gegen Fünf wurde kaum gespielt. Brutale Fouls und Massenschlägereien bestimmten das Geschehen. Die Zuschauer bekamen mehr Boxen und Ringen als Eishockey geboten. Bei den vielen Ruppigkeiten und Faustkampfeinlagen war die Gesundheit der Spieler in Gefahr, doch der überforderte Schiedsrichter Uwe von den Fenn aus Peiting ließ dem üblen Spiel freien Lauf: "Ich habe nie daran gedacht, die Partie abzubrechen", sagte er hinterher. Für Frankfurts Trainer Peter Obresa war in erster Linie der Referee schuld an dem Wildwest-Eishockey. „Er hat das Spiel völlig aus der Hand gegeben. Das erste Foul wurde oft nicht gepfiffen, erst das zweite. Doch nicht nur er, auch wir, ich persönlich auch, haben Fehler gemacht. Solche Revanchefouls und Stockstiche müssen vermieden werden. Wollen wir gewinnen, müssen wir bereit sein, auch einzustecken. Natürlich sollen sich die Spieler nicht schlagen lassen. Aber ich hoffe, dass so etwas eine Ausnahme bleibt."

Entsetzt und betroffen zeigte sich Nürnbergs Trainer Wladimir Wassiljew. "Eine Katastrophe. Das war heute kein Eishockey, sondern ein ganz anderer Sport", so der Russe. Und sein Manager Otto Sykora, setzte noch einen drauf:  „Ich bin jetzt 25 Jahre dabei, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich schäme mich. Und fürchte, dass es nicht das letzte Mal war. Was ich bisher von den DEL-Teams gesehen habe, waren viele mittelmäßige Kanadier, die mit den Fäusten schneller als auf den Schlittschuhen sind. Ich habe zwei Jahre lang in Frankfurt gespielt, dort aber ähnliches nie erlebt. Und ich hoffe, dass ich es in einem Eisstadion nie mehr erleben werde.“"

Ganz anders kommentierte das Geschehene Lions-Manager Bernie Johnston:  „Das war doch beste Unterhaltung. Statt zweieinhalb wurde den Fans über drei Stunden Eishockey geboten. Konsequenzen? Die haben nichts zu tun mit Strafezeiten. Wir hatten zwei Punkte eingeplant und die haben wir nicht erreicht. Sonst ist nichts passiert." Mit diesem unmittelbar nach dem Match geäußerten Spruch goss er zusätzliches Öl ins Feuer. Als er deswegen angeprangert wurde, verteidigte er sich, er habe doch bloß einen Scherz gemacht. Ganz von der Hand ist dies sicher nicht zu weisen. Der Kanadier war dafür bekannt, selbst in schlimmsten Momenten einen lockeren Spruch auf den Lippen zu haben. So führte er sich in Frankfurt auch ein. Damals, nach der schlimmen Finnen-Saison 1996/97 verkündete er, einen Bulldozer zu nehmen und alle unter Vertrag stehenden Spieler damit in den Main zu schieben. Doch leere Worte sprach „Bulldozer-Bernie“, wie er daraufhin von den Fans und von der Presse getauft wurde, eigentlich nie. Immer steckte ein Kern Wahrheit darin, spiegelte vor allem seine Überzeugung wieder. Und dass der frühere NHL-Haudegen  kein Kind von Traurigkeit war, bewies er immer wieder. Johnston, der in der berühmtesten Eishockey-Liga der Welt 57 Spiele für die Hartford Whalers bestritt und 1994, fünf Jahre nach Beendigung seiner aktiven Karriere nach Deutschland kam, wo er das Traineramt in Landshut übernahm, hat sich innerhalb kürzester Zeit einen großen Namen gemacht. Nicht nur, weil er die Niederbayern gleich in seiner ersten Saison zur Vizemeisterschaft führte, auch wegen der Art und Weise, wie die von ihm gecoachten oder gemanagten Teams auftraten.

Der kämpferische Stil begeisterte die Fans, auch die gelegentlichen Schlägereien, die Bernie so liebte. „Die Fans wollen Action und die bekommen sie bei meinen Teams zu sehen. Ich kaufte keine Klavierspieler, sondern echte Kerle, die kämpfen und in die Play offs kommen werden. Mit Looser-Typen kann ich nicht leben Wenn die Mannschaft mein vorgegebenes Ziel verfehlt, packe ich meine Cowboystiefel aus und trete jeden Spieler in den …“ Die Tritte blieben aus: Die Vorrunde beendeten die Frankfurter auf Rang vier, die Meisterrunde punktgleich mit dem Runden-Primus Eisbären Berlin auf Rang zwei. In den Play offs wurden die Löwen erst im Halbfinale vom späteren Champion gestoppt.

Die Frankfurter Eishockey-Fans freuten sich, nach der katastrophalen Finnen-Saison wieder gutes Eishockey serviert zu bekommen. Manager Johnston hielt Wort. Der Bulldozer räumte mit Ausnahme von Torwart Jukka Tammi, Verteidiger Toni Porkka und Stürmer Ilja Vorobjev alle Spieler ab. Die neue Mannschaft war schlagkräftig, nordamerikanisch geprägt. Mehr als zwei Drittel der Spieler erlernten das Eishockey in Übersee. Akteure wie Len Barrie, John Chabot, Jose Charbonneau, Rob Doyle, Doug Kirton, Mike Millar, Jean-Marc Richard, Joelle Savage, Chris Snell, Bon Sweeney oder Claude Vilgrain konnten mit dem Puck umgehen. Die Spieler waren aber auch keine Kinder von Traurigkeit. Sie spielten hart, körperbetont. Und konnten mit den Fäusten ebenso geschickt umgehen wie mit der Hartgummi-Scheibe. Snell sammelte am Saisonende 183 Strafminuten, Charbonneau 174, Doyle 102, die Mannschaft verbrachte pro Match durchschnittlich 26 Minuten, also mehr als ein ganzes Drittel, statt auf dem Eis in der Kühlbox.
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