Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

An Bahn droht Lärmschutz light

Von Zwar stehen bisher alle Signale auf Grün für den S-Bahn-Ausbau in der Wetterau. Doch der Bund baut vor: Er plant einen Lärmschutz entlang der Strecke, falls sie nicht ausgebaut wird. Dieser freiwillige Lärmschutz hat jedoch zwei massive Pferdefüße.
Hier wohnt sich‘s laut: Völlig ohne Schutz sind die Anwohner derzeit dem Bahnlärm – ein Intercity fährt gerade durch Okarben – ausgesetzt. Das soll sich ändern – mit dem S6-Ausbau. Fotos, Repro: Dennis Pfeiffer-Goldmann Hier wohnt sich‘s laut: Völlig ohne Schutz sind die Anwohner derzeit dem Bahnlärm – ein Intercity fährt gerade durch Okarben – ausgesetzt. Das soll sich ändern – mit dem S6-Ausbau. Fotos, Repro: Dennis Pfeiffer-Goldmann

Nun haben es die Anwohner schwarz auf weiß: Von Bad Vilbel über Dortelweil, Kloppenheim, Okarben und Wöllstadt bis Friedberg können sie seit einigen Tagen im "Lärmschutzaktionsplan Hessen" lesen, dass es an der Main-Weser-Bahn viel zu laut ist.

"Der Plan zeigt zum ersten Mal auf, wie hoch die Lärmbelastung ist und wie viele Menschen betroffen sind", erklärt Rolf Michelsen vom Regierungspräsidium Darmstadt (RP). Zwar fehlen ganz konkrete Lösungsvorschläge. Das einzuarbeiten, "dazu hat die Bahn keine Zustimmung gegeben", räumt Michelsen ein. Jedoch führt der Plan etwas anderes auf: Alle Projekte, mit denen der Bund die Lärmbelastung senken will.

Und just dort findet sich auch die gesamte südliche Main-Weser-Bahn wieder: Von Bad Vilbel bis Butzbach sei die Strecke seit 2005 in Planung beim Lärmsanierungskonzept des Bundes. Für die einzelnen Projekte nennt der Plan als "geplanten Realisierungszeitraum" für Butzbach 2013 bis 2015, sonst 2015 bis 2017. Also kommt der Lärmschutz in jedem Fall – so wie es das Aktionsbündnis gegen den Ausbau seit langem mutmaßt?

Klagerecht nur bei Ausbau

"Ja, die Strecke wird auf jeden Fall lärmsaniert", schließt Karbens Stadtplaner Ekkehart Böing aus der Lektüre des Plans. Er vermutet, dass die Strecke nur pro forma aufgeführt ist. "Denn es gibt ja noch kein Baurecht."

Rolf Michelsen vom RP warnt sogar: "Der Bund macht das freiwillig", lasse deshalb die üblichen Grenzwerte nicht gelten. Die "Lärmsanierung" sei etwas anderes als Lärmschutz, der greife, sobald die Strecke ausgebaut werde. Dafür läuft die Planung ebenso (siehe "Mal wieder: S6 verzögert sich").

"Nur für den Neu- oder Ausbau gelten die gesetzlichen Grenzwerte", erläutert Michelsen. Sie sehen Tag- und Nacht-Maximalwerte von 59 und 49 Dezibel vor. Die Anwohner können diese notfalls einklagen. Anders bei der Lärmsanierung: Rechtsanspruch darauf habe niemand, erläutert der Fachmann.

Bürger sollen mitzahlen

Zwar stellt der Bund jedes Jahr 100 Millionen Euro bereit. Damit möglichst viele Strecken etwas abbekommen, hat er die Lärmwerte aber drastisch heraufgesetzt: Sie liegen bei tags 70, nachts 60 Dezibel. "Also mehr als zehn Dezibel höher, das ist erheblich mehr", warnt Böing. Drei Dezibel entsprächen einer Lärmverdopplung. Oder, wie der Lärmaktionsplan erklärt: Zehn Dezibel mehr entsprächen einer Verzehnfachung des Verkehrs.

Die Folge: Die Schutzwände fielen in diesem Fall wesentlich kürzer und niedriger aus als für den Fall, dass die Strecke ausgebaut wird. "Für Kloppenheim war anfangs gar nichts vorgesehen", sagt der Stadtplaner, inzwischen immerhin 300 Meter. Auf die Gesamtstrecke in der Wetterau von gut 40 Kilometern ist Lärmschutz auf 13,3 Kilometer vorgesehen.

Dabei droht in der Wetterau auch ohne Ausbau eine deutliche Zunahme an Güterverkehr. "Das ist ja politischer Konsens", erinnert Böing daran, dass Güter von der Straße auf die Schiene sollten.

Schon heute, ganz ohne Ausbau, sei südlich von Friedberg genug Kapazität für mehr Güterverkehr vorhanden. "Vor allem nachts, am Wochenende und vormittags", sagt Böing. Das hat auch das Umweltbundesamt bereits bestätigt: Es geht für das Jahr 2025 von täglich 110 Güterzügen aus. Dann habe die nicht ausgebaute Strecke aber immer noch eine Kapazität von 90 Zügen.


Der Flaschenhals, erinnert Böing, sei die zweigleisige Strecke zwischen Friedberg und Gießen. Denn nördlich und südlich gibt es je vier Gleise: nach Frankfurt und Hanau sowie nach Hagen und Kassel. Wegen dieses Wachstums sprachen sich die Kommunen entlang der Strecke auch alle einmütig dafür aus, mit dem S-Bahn-Ausbau den wesentlich besseren Lärmschutz mitzunehmen.

Diese Lösung umschifft zugleich den zweiten Pferdefuß der freiwilligen Lärmsanierung: "25 Prozent der Kosten für Lärmschutzfenster und ähnliches müssten die Hauseigentümer dann selbst bezahlen", warnt Böing. Anders beim Ausbau: "Dann zahlt die Bahn alles."

Für den Fachmann aus dem Darmstädter Regierungspräsidium fällt die Empfehlung für Bahn-Anwohner in der Wetterau deshalb auch eindeutig aus: "Der Ausbau", sagt Rolf Michelsen, "bringt den viel besseren Lärmschutz."

Zur Startseite Mehr aus Themen von A bis Z

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz

© 2017 Frankfurter Neue Presse