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Das Kribbeln im Bauch

Ein Platz, an dem abseits des Trubels leise Töne angeschlagen werden, ist die Traumkirche. TZ-Mitarbeiterin Martina Dreisbach hat die Ruhe der Nacht genutzt, um für eine kurze Zeit einen stillen Hessentag zu erleben.
In eine ganz besondere Welt werden die Besucher der Traumkirche entführt. Licht, Schatten und Musik erzielen in der Christuskirche eine fast mystische Wirkung.	Foto: Reichwein In eine ganz besondere Welt werden die Besucher der Traumkirche entführt. Licht, Schatten und Musik erzielen in der Christuskirche eine fast mystische Wirkung. Foto: Reichwein

Die Hessentags-Stadt ist vom dunklen Firmament überwölbt. Das liegt an der totalen Mondfinsternis am Mittwochabend, die im Auge der Besucher allerdings zu kurz kommt, weil das Treiben hier unten in den belebten Straßen einfach zu bunt ist. Der markante Turm der Jugendstilkirche leuchtet weithin.

Nur wenige Schritte von der Flaniermeile des Hessentags entfernt stellt sich auf den Stufen der Christuskirche unvermittelt Ruhe ein. Ein Blick ins Innere zeigt, alles ist anders in diesen Tagen. Nicht dunkel und düster ist der Kirchenraum, sondern hell wie ein Hochzeitssaal. Die Wände sind mit weißem Tuch ausgekleidet. Blumen flankieren den Altarraum, dessen Rückseite wiesengrün ausstaffiert ist.

An der weißen Kassettendecke flirrt ein Spiel von Lichtern. Die geschwungenen Orgelpfeifen wirken im Schein der Regenbogenfarben wie ein modernes Kunstwerk. So sieht also die Traumkirche aus, die sich die Künstlerin Andrea Schwalb hat einfallen lassen. Es ist ein Kommen und Gehen, jetzt, eine halbe Stunde vor Mitternacht. Zwar hat das Gotteshaus seine Pforten den ganzen Tag über geöffnet, doch Museen und Kirchen erfreuen sich zu ungewöhnlichen Tageszeiten besonders großen Zulaufs. Das ist bekannt, und auch die Kirchen, die heutzutage die Menschen dort abholen, wo sie gerade unterwegs sind, wie es heißt, ziehen die Besucher mit modernen Mitteln an sich.

Die starren Bänke sind sporadisch besetzt, hier Paare und Gruppen, dort vereinzelte Besucher. Die Ordner in hellgrünen T-Shirts weisen den Weg auf die Empore, wo der Traumhimmel noch ein bisschen näher ist. Auf den Stufen verteilen sich bettdeckengroß Liegekissen, auf denen sich die festmüde gewordenen Gäste ausstrecken.

Ein Mann im Ringelhemd hat seine Frau im Arm, manche sitzen, andere liegen mit versonnenem Blick auf die Kassettendecke. Hier laufen Farben und Formen ineinander, nicht greifbar, doch ungefähr wie Ohren, Gnome oder eigenartige Pflanzen. Entspannung macht sich breit auf den bequemen Unterlagen, die müden Füße können sich ausruhen. Der Körper kommt zur Ruhe. Der Kopf stößt das Tagestreiben von sich. Der Geist kann sich sammeln. Achtung, schon wollen die Augen zufallen.

Die Lichtinstallation wandert über die gebogene Decke, während ein Tango von Piazzolla erklingt. Irgendwo unten, im fernen Altarraum, spielt eine Querflöte. Der satte, weiche Ton steigert das Wohlgefühl. Ebenso von Ferne eine Frauenstimme, die mit Pathos die sagenhafte Geschichte der Pippi Langstrumpf erzählt. Sie gehört zu Pfarrerin Petra Schwermann, die eine Spur zu pastoral erzählt, wie Astrid Lindgren im Jahr 1941 ihrer kranken Tochter eine Phantasiewelt erschuf mit einem Mädchen im Mittelpunkt, das weltberühmt werden sollte. Ja, die Gäste entsinnen sich ihrer Kindheit, des Gefühls der unbegrenzten Möglichkeiten während der Lektüre und der Enttäuschung, die sich hernach breitmachte, als alles doch wieder wie vorher war. Die ernste Stimme von unten mahnt die Anwesenden, auf das Kribbeln in ihren Bauch zu hören und auf ihr Herz, verrückte Dinge zu machen – "Ja, du darfst das." Die Flöte spielt das Pippi-Lied, während das Kaleidoskop an der gewölbten Decke übermütig Raum greift. "Ich komme und will bei dir wohnen", sagt die Frauenstimme. "Gott kommt zu uns mit seiner Wärme."

Pippi Langstrumpf war ein Heidenkind. Bei der "Traumnacht" in der evangelischen Christuskirche spielt sie am Mittwochabend dennoch die Hauptrolle. Gefühle zählen, der Bauch soll den Ausschlag geben, Phantasie ist Trumpf, auch im Leben. Alle singen zum Abschied "Weißt du, wie viel Sternlein stehen". In der zweiten Strophe heißt es: "Dass sie all ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind, dass sie nun so fröhlich sind." Auch die Liegenden singen mit.

Dann die Treppe hinab. Vor der Kirchentür ist alles wie immer. Nein, doch nicht. Wäre man jetzt Pippi, könnte man den Doppeldeckerbus zum Erstaunen der Besucher einfach mal so stemmen. Oder den jungen Leuten, die offenbar zu viel Alkohol getrunken haben, sagen, dass das Quatsch ist. Dass sie besser Entdecker und Erfinder werden sollen. Ein Sachensucher ist jedenfalls unterwegs. Seine Plastiktüte bäumt sich vor leeren Flaschen.

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