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Die Nazi-Brücke als Nachbarin

Von Zehntausende Menschen fahren mit der Bahn oder dem Auto jeden Tag vorbei, und doch ist es ein vergessener Ort: Mitten in Karben steht seit 73 Jahren das Fragment einer Nazi-Brücke. Die Anwohner haben sich mit dem Betongiganten arrangiert. Doch keine Behörde fühlt sich für das Bauwerk verantwortlich.
Nazi-Brücke von Okarben, Brückenfragment von 1938 an der Main-Weser-Bahn Höhe Heilighäuser Ring Nazi-Brücke von Okarben, Brückenfragment von 1938 an der Main-Weser-Bahn Höhe Heilighäuser Ring

Mit lauten Flügelschlägen stieben die Vögel auseinander, als Wilfried Springer (62) die Tür zum Taubenschlag öffnet. 30 bis 40 Tiere leben in der Holzhütte am Rand von Okarben. "Ich habe das von meinem Vater übernommen", erzählt der Pensionär. Ganz mit dessen Inbrunst aber pflegt der Sohn das Hobby nun nicht mehr, sondern er hält den Taubenschlag offen. "Was zufliegt, ist willkommen." Das ersetzt auch die Verluste. Denn Bussarde dezimieren die Zahl der Tieren immer wieder. Und Züge.

Der Taubenschlag ist am ungewöhnlichsten Ort der Stadt untergebracht: mitten im Fragment der Karbener Nazi-Brücke.

Ein Autobahn-Zubringer?

Die massive Betonruine spannt sich in Okarben über die Gleise der Main-Weser-Bahn. Auf der Ostseite gähnt das Widerlager des fertigen, aber nie genutzten Bauwerks in die Dorfstraße. Darin wohnen windgeschützt Springers Tauben.

Über die Jahrzehnte haben sich die Karbener an das Bauwerk gewöhnt. Sie nennen es "das Momument". Von der nahen B 3 aus ist es zugewachsen kaum zu erkennen.

Wer im Intercity oder im Regionalexpress sitzt, nimmt die Brücke allenfalls als winzigen Moment der Dunkelheit wahr. Wenn überhaupt. So geriet sie in Vergessenheit. Heute ist selbst ihr Zweck ein Rätsel.

"Sie wurde 1938/1939 gebaut", berichtet Lieselotte Pöhlmann (71), die Schwester von Wilfried Springer. Sie wohnt direkt gegenüber des Betongiganten. 1955 zog ihre Familie hier ein. "Die Brücke war unser Spielplatz, abenteuerlich." Was es mit ihr auf sich hatte, erfuhr der kleine Wilfried damals auch: "Man wollte eine Zufahrt nach Okarben schaffen ohne Bahnübergang."

Vor dem Krieg war das Gelände noch Acker. Erst nach dem Krieg entstanden die Wohnhäuser am Heilighäuser Ring. In Einfachbauweise. Schnell musste es gehen, um Heimatvertriebene unterbringen zu können. So wie Familie Springer mit drei Mädchen und vier Buben.

Dass das Bauwerk, breit genug für zwei Fahrstreifen, aus der Nazizeit stammt, darauf deuten Baustil und Stampfbeton-Bauweise hin. Mitte der 1930er-Jahre sei es errichtet worden, bestätigt Gerd Klein. Er ist Vorsitzender des Geschichtsvereins Karben, war Anfang der 70er-Jahre Gründungsbürgermeister in der Stadt. Der langjährige Okarbener Bürgermeister Carl Müller habe zwar einen überörtlichen Zweck bestritten. "Aber es kann nur für überörtliche Zwecke gedacht gewesen sein." Klein schätzt, dass eine Ost-West-Straße von der damals neu eröffneten Autobahn bei Burgholzhausen nach Heldenbergen geplant war. Auf historischer Trasse: "Das Bauwerk liegt genau in der Verbindungsachse der alten Römerstraße, die die Römerkastelle Heldenbergen und Okarben verband."

Wilfried Springer zweifelt diese Vermutung an. Der langjährige Postbote vermutet: Die Okarbener sollten eine für jene Zeiten hochmoderne Ortszufahrt via Brücke bekommen. Darauf musste das Dorf 60 Jahre und einige schreckliche Unfälle mit vielen Toten lang warten: Erst vor zehn Jahren ersetzte die Omega-Unterführung den Bahnübergang in der Hauptstraße.

Das Brückenfragment birgt noch ein ganz anderes Faszinosum: Es scheint herrenlos zu sein. Keine Behörde sieht sich dafür zuständig.

Im Karbener Rathaus zuckt man mit den Schultern. "Wir haben keine Unterlagen darüber vorliegen", erklärt Stadt-Sprecher Ekkehart Böing. "Wem das Bauwerk gehört, weiß keiner so genau."

Vielleicht dem Land? Fachmann Rainer Schmalz forstet im Gelnhäuser Amt für Straßen- und Verkehrswesen extra das Verzeichnis aller Brücken durch, die das Amt betreut. Das Okarbener Bauwerk aber gehört nicht dazu. "Dann sind wir auch nicht zuständig."

Auch der dritte mögliche Besitzer wiegelt ab: "Die Brücke gehört nicht der Bahn", sagt deren Sprecher Helmut Lange aus Frankfurt. Das sei aus der Historie her logisch, sei das Bauwerk doch offenkundig für eine Straße gebaut worden.

Der Beton bröckelt

Und wer kümmert sich nun um die Brücke, unter der täglich hunderte Züge hindurch fahren? "Der Eigentümer muss dafür Sorge tragen, dass nichts herunterfällt", erklärt Bahnsprecher Lange. Wer das ist? Das weiß er auch nicht. Lange beruhigt aber: "Im Zuge der Streckenkontrollen achten wir natürlich darauf, dass nichts lose ist." Um das übrige Gelände der Brücke sorgt sich hingegen seit Jahrzehnten Familie Springer. "Mit Genehmigung der Bahn", berichtet Lieselotte Pöhlmann. Sie bepflanzt das Umfeld jedes Frühjahr liebevoll.

Auf der Westseite bewirtschaftet die Familie einen Garten auf dem Gelände eines schon lange abgerissenen Bahnwärterhäuschen. Zuvor hatten Leute dort jahrelang im Schutz der Nacht Schutt abgeladen. Auf der Ostseite hat Familie Springer die Fläche von der Stadt gepachtet, lagert dort Kaminholz.

Dass sich jedoch keine Behörde den Bau ans Bein binden will – liegt das wohl an den hohen Folgekosten? Stadtsprecher Böing lächelt: "Naja, die Frage regelt sich ja im Zuge des Ausbaus." Dann wird der Abrissbagger anrücken.

"Das werden wir sicher nicht mehr erleben", sagt Lieselotte Pöhlmann. Und dass der hässliche Betonklotz erstmal weiter ihr Nachbar ist, stört die Seniorin nicht. "Daran habe ich mich gewöhnt." Sie kümmert sich lieber um die Blütenpracht im Garten. Einem der schönsten in der ganzen Stadt.

Mehr in unserem Spezial zur S6.

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