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Einheimische Geschäftsleute profitieren nicht vom Trubel

Von Die Hessen feiern in Oberursel ihr großes Fest, aber nicht überall in der Stadt ist die Freude über so viel Trubel ungetrübt. Manches Gewerbe in der Altstadt profitiert kaum von den hohen Besucherzahlen: Leere Geschäfte, kaum Umsatz. Kritik an den Organisatoren wird laut.
Daniel Möller vermisst Kundschaft für seine Brotaufstriche. Foto: Kern Daniel Möller vermisst Kundschaft für seine Brotaufstriche. Foto: Kern

Die automatische Tür bleibt zu. "Bin gleich wieder da!", steht auf dem Schild. Jörg Alberti kann sich die kleine Abwesenheitsnotiz zur Mittagszeit erlauben. Sein alteingesessener Familienbetrieb in der Oberurseler Altstadt, der vor rund 90 Jahren noch Öfen und Eisenwaren, heute hochwertige Gartenmöbel und Werkzeug verkauft, hat nicht viel Kundschaft – obwohl die Taunusstadt seit Tagen voller Gäste ist. Tausende säumen die Straßen rund um den Bahnhof, am Rushmoor-Park oder auf dem Marktplatz. Sogar ein neuer Besucherrekord wird für den Hessentag erwartet. Schon jetzt sind es weit über eine halbe Million.

Für einige Gewerbetreibende wie Jörg Alberti ist das größte Landesfest Deutschlands jedoch eine Enttäuschung. Denn nur wenige Meter abseits der hoch frequentierten Hessentagsstraße", in den labyrinthartigen Gassen im historischen Kern und am Fuße der St.-Ursula-Kirche profitiert man nur mäßig vom sonst regen Publikumsverkehr in der Hessentagsstadt. Wo dort lange Schlangen vor den Buden stehen, sind hier fast nur lange Gesichter zu sehen, wie sich bei einem Rundgang zeigt.

"Wir hatten uns schon ein bisschen mehr erwartet", gesteht Alberti. 30 Prozent Ermäßigung bietet er auf alle seine Artikel aus Anlass des großen Volksfestes an. Doch von dem großzügigen Angebot haben sich bisher nur wenige Besucher in seinen Laden locken lassen. Immerhin zeigt er auch Verständnis: Die meisten Besucher seien ja auch zum Feiern und zum Spaß da, nicht zum Einkaufen, schon gar nicht von Gartenmöbeln, die ja schlecht transportabel seien.

Bei "Dr. Gruber", dem "Kinder- und Jugendschuhspezialisten" in der Weidengasse, ist der Ärger viel größer. Der vorgezogene Schlussverkauf hat sich bisher nicht ausgezahlt. "Wir sind alle ziemlich betroffen", heißt es hier. Kritik an der Verkehrsführung wird laut. Die Massen der Besucher würden den Schildern der "Hessentagsstraße" folgen, aber die Weidengasse bleibe dabei außen vor. Und dann hätten die Organisatoren dem Schuhgeschäft auch noch ein großes Klo-Häuschen vis-á-vis vom Eingang gestellt. Das sei "ganz blöd gelaufen".

Etwas oberhalb in der Weidengasse sieht es tatsächlich nicht besser aus. Metallzäune markieren ein improvisiertes Außenlager des Hessentags-Biersponsors, Paletten und überdimensionale Kühlwagen vermitteln Baustellen-Optik, obwohl gleich um die Ecke auf dem Marktplatz das Fest sich von seiner herausgeputzten Seite zeigt.

Von hier aus hat Bernhard Kempermann eine gute Übersicht über die Passanten vor seiner "Geschenke-Ausgabe" des Oberurseler Lions-Clubs. Er wolle nicht klagen, der Losverkauf, aus dessen Einnahmen viele Kinder- und Jugendprojekte finanziert werden, laufe gut. Doch es hätten gerne noch ein paar mehr Lose sein können. Die "Kaufneigung" vieler sei spürbar zurückgegangen, weiß Kempermann, der zugleich Vorsitzender der örtlichen Musikschule ist. Selbst am verkaufsoffenen Sonntag an Pfingsten sei "tote Hose" bei den Gewerbetreibenden zu beobachten gewesen.

Dem können die Verkäuferinnen am Stand von Alexander Hollenbach in der Strackgasse, nur zustimmen. "Wir bedienen Sie gerne", steht auf den T-Shirts, allein die Kunden fehlen für die selbst gemachten Suppen im Bauernbrot-Topf. Das Brot wird jeden Morgen extra frisch gebacken. Der Standort erwies sich als Reinfall. Es kommen einfach zu wenig Besucher vorbei. "Der Chef ist schon ganz geknickt", gibt man unumwunden zu.

Nur wenige Schritte weiter trifft man auf einen verärgerten Daniel Möller vom Anbieter "Lebe Gesund". Von den leckeren Brotaufstrichen aus dem Spessart werden kaum welche verkauft an dem Stand, der ansonsten das ganze Jahr über zwei Mal in der Woche auf dem Oberurseler Markt seine Waren feilbietet. Auch hier heißt der Vorwurf: Kaum einer der Besucher werde aufmerksam gemacht auf die Angebote in der Strackgasse. Dabei habe man eine hohe Standgebühr zu zahlen.

Noch dramatischer ist die Situation am Schupfnudelstand "Becker". Selbst zur Mittagszeit möchte keiner der wenigen Passanten, die hier an der Bude vorbeikommen, eine Portion aus der heißen Pfanne haben. Nach Marktschreier-Art versucht der Koch doch noch ein paar Gäste zu gewinnen. Dazu bietet er eine dampfende Nudel auf einem Zahnspieß als Kostprobe jedem an, der vorbeikommt.

Volker Ruppel, der sein Geschäft für Wohntextilien extra für den Hessentag großflächig ausgeräumt und in ein Café umgewandelt hat, ist da schon gelassener. Die "zig Kaffeesorten", die teuren Torten und die professionelle Aufbrühmaschine – die Einnahmen decken noch nicht einmal die Kosten. Aber vielleicht ist es am Ende ein bisschen Werbung für das Geschäft. Ganz zu schließen, wäre auch keine Lösung gewesen.

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