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Glücksgefühle im Menschengetümmel

Nachhaltigkeit hat sich der Orscheler Hessentag auf seine Fahnen geschrieben. Dafür stehen auch die Velotaxen, die die Stimmung bei Gästen und Fahrern nachhaltig heben, wie TZ-Reporter Klaus Späne im Eigentest festgestellt hat.
Zwei Profis und ein Velotaxi-Azubi: Matthias Graf und die begeisterte Droschkenfahrerin Sabine Steghaus-Kovac weisen TZ-Reporter Klaus Späne in die Geheimnisse ihres Berufsstandes ein. Mit der Folge, dass dieser am Ende gar nicht mehr aus dem Sattel steigen wollte. 	Foto: Reichwein Zwei Profis und ein Velotaxi-Azubi: Matthias Graf und die begeisterte Droschkenfahrerin Sabine Steghaus-Kovac weisen TZ-Reporter Klaus Späne in die Geheimnisse ihres Berufsstandes ein. Mit der Folge, dass dieser am Ende gar nicht mehr aus dem Sattel steigen wollte. Foto: Reichwein

Kalkutta ist zwar rund 7400 Kilometer Luftlinie von Oberursel entfernt, gefühlt scheint die indische Großstadt aber heute verdammt nahe. Zumindest muss sich ein Rikscha-Fahrer so ähnlich fühlen wie ich, wenn er sich durch das Getümmel der indischen Metropole schlängelt. Die Liebfrauenstraße steht dem kaum nach, zumindest zu Hessentagszeiten. Zum wiederholten Male pendle ich nun schon zwischen Feldbergstraße und der Landesausstellung am entgegensetzten Ende der Festmeile hin und her – im ständigen Stop and Go.

Mal blockiert eine Gruppe von gemächlich flanierenden Passanten die Durchfahrt, mal ist es eine Mutter mit Kinderwagen oder auch ein Besucher mit dem Ohr am Handy. Das ist überhaupt das größte Hindernis, zumal die Mobiltelefonquassler mein "Vorsicht bitte" nicht hören und so nicht aus dem Weg gehen. Aber zugegeben, so ein Velotaxi ist zwischen den tausenden von Menschen ein sperriges Gerät.

"Du musst sehr auf die Leute aufpassen", hat mich zuvor Matthias Graf, Geschäftsführer von Velotaxi, gebrieft. Graf ist ein echter Profi. Nicht nur, dass der drahtige 44-Jährige seit sieben Jahren in Frankfurt den einzigen Fahrradtaxi-Shuttle Hessens betreibt. Der gelernte Fitness- und Ernährungstrainer setzt sich auch oft selbst in das drei Meter lange Gerät, um Leute durch die Gegend zu schaukeln.

Hier in Oberursel sind die Frankfurter mit 25 Fahrern und 18 Pedaltaxen am Start – plus mir, dem Reporter-Hilfspiloten, der eigentlich nur mal ein halbes Stündchen mit Chef Matthias Graf an der Seite auf Testfahrt unterwegs sein wollte. Aber es kommt irgendwie ganz anders. Ehe ich mich versehe, habe ich Graf irgendwo im Menschengewühl verloren, nachdem ich meine ersten Fahrgäste in Gestalt von zwei lauffaulen Zeitungskollegen vom Deschauer Park zur U-Bahnhaltestelle Hohemarkstraße chauffiert habe. Kaum sind die beiden ausgestiegen, schallt mir schon ein "Können wir mitfahren" entgegen.

Es sind Zoran Glesc und Melanie Burkert, zwei Oberurseler, die zu "Natur auf der Spur" wollen. "Das Velotaxi hatten wir auf der Liste der Dinge, die wir hier machen wollen", sagt das Pärchen. Obwohl mein Taxi eigentlich für ältere Besucher gedacht ist, drücke ich ein Auge zu. Klappt bis auf das versehentliche Andotzen eines Verkehrschildes – hoffe ich zumindest – ganz gut. An dieser Stelle sollte ich gestehen, dass ich das 140 Kilo schwere Gerät nicht nur mit reiner Muskelkraft bewege, sondern auch auf einen Elektromotor zurückgreifen kann, der mich bis 13 Stundenkilometer unterstützt.

Nach dem Orscheler Pärchen klettern Anni Kleiber und Emmi Grün, zwei 71- respektive 74-jährige Damen aus Weilburg, in meine Droschke. "Wir sind ein bisschen müde", sind sie froh über die Fahrt zur Landesausstellung. Dort greift mich gleich der fünfjährige Jonah Schnur ab. Er will mit Papa Andy um die Ecke fahren, um sich dort ein Eis zu besorgen. Klar, kein Problem, ebenso wenig wie danach Heinz und Monika Hofmann aus Neu-Anspach, zum Bahnhof zu befördern. Ein "Glücksfall" sei es gewesen, mir zu begegnen, bedankt sich das ältere Paar. Wow, wenn das nur ein Bruchteil der etwa 18 000 Gäste, die von den Velotaxen laut Graf am Tag kostenlos befördert werden, von sich gibt . . .

Zum Schluss gibt’ dann noch den Ritterschlag meines kurzen Daseins als Velotaxi-Chauffeur: Ich kutschiere Nina Becker und Florian Köhler, ihres Zeichens Hessentagspaar 2012 aus Wetzlar, zum Weindorf. Ich glaube, ich habe einen neuen Traumjob gefunden.

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