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Hier snacken die Banker

Von Der Schillermarkt in Frankfurt ist wahrscheinlich der einzige Markt, auf dem die Beschicker damit rechnen müssen, für eine 2,50-Euro-Bratwurst eine Quittung ausstellen zu müssen. In der Schillerstraße neben der Börse treffen die Händler des urwüchsigen Frankfurts auf die Banker und Börsenmakler des Finanzplatzes.
Frankfurt. 
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Den großen Run auf ihre Waren erleben die 50 Markthändler in der Mittagspause. Freitags zwischen 12.30 Uhr und 14 Uhr kommen die Angestellten und Finanzjongleure aus ihren Büros. Dann mischen sich Krawattenträger in den dunklen Anzügen unter die Kunden. Da darf Manager Gunnar Belden von der Personalberatungsagentur Badenoch & Clark dann auch mal das Jackett ausziehen und die Krawatte wegklappen, damit er sie beim Mittagessen nicht besudelt. Bei seinem Kollegen Noel Pervez kommt seit drei Jahren an jedem Freitagmittag für 4 Euro eine Portion frisch zubereitete Frankfurter «Griee Soß» auf den Tisch. «Hmm, die ist super hier», verrät er am Stehtisch und krempelt die weißen Hemdsärmel hoch, bevor er zum Besteck greift. Gisela Paul ruft in bestem Frankfodderisch aus der kleinen Küche in ihrem umgebauten Ford noch ein «Last’s Euch schmecke» rüber, während fünf Meter weiter vier amerikanische Touristen für Erinnerungsfotos an Bulle und Bär posieren.

Luft holen

Die wissen gar nicht, was ihnen hier entgeht. Original Frankfurter Grüne Soße mit den sieben Kräutern, so wie sie Goethes Mutter schon gemacht hat, die Frau Rath, und ein Frankfurter Original mit Promistatus. Gisela Paul ist einer der 100 Frankfurter Köpfe und Sinnbild der Frankfurter Marktkultur. Bei ihr stimmt die Mischung aus bester, frischer, leckerer Ware und unverwechselbarer Babbelschnut.

Früher hätten die Banker sich geschämt, auf dem Markt etwas zu essen, jetzt zögen sie die Marktstände dem Nobelrestaurant vor. «Das ist die Anfassdistanz, die die lieben», sagt Gisela Paul. Hier mal ein Schwätzchen halten, da einen flotten Spruch hören. Ihren «Börsengurus aus dem Goldtempel» spricht die Frau mit dem großen Herz auch schon mal Mut zu. «Denen sach ich: Jetzt tuste erstema Luft holen.»

Der Schillermarkt bringt Leben in die Straße. Die Betreiber der Designläden, Nobelfriseure und Modegeschäfte sehen das nicht immer vorteilhaft für sich. Sie haben Sorge, dass die 50 Stände, die die Straße links und rechts säumen, den Blick auf ihre Schaufenster versperren und sehen nicht unbedingt die Möglichkeit des Kundenzugewinns am Marktfreitag von 9 bis 18.30 Uhr.

Quiche aus dem Ofen

Dabei ist das Angebot auf dem Schillermarkt so umfangreich, dass es viele anlockt: Berufstätige lassen sich in der Mittagspause Quiche aus dem befeuerten Ofen schmecken, Rentner, die gerne mit der U-Bahn zum Eschenheimer Tor fahren und über die Rolltreppe direkt auf dem Marktplatz landen, kommen regelmäßig, um ihre Lieblingswurst einzukaufen. Und es gibt Touristen, die sich bei «Essen wie zu Omas Zeiten» einen Reibekuchen gönnen. «Wenn der ihnen zu heiß ist, kein Problem. Sie bekommen eiskaltes Apfelmus dazu», preist eine Verkäuferin an.

Es gibt viele Waren von Direkterzeugern, Bratwurst aus der Rhön, frische Honigwaffeln, Kuchen und einen Pott Kaffee für 1,50 Euro, Hähnchen und Biogemüse. All das von echten Bauern. «Die wenigsten sind ausgebildete Kaufleute, die meisten sind Landwirte, also ein ehrliches, redliches Völkchen», beschreibt Gisela Paul.

Am Stand des Bauernhofes Helga und Oswald Henkel sind Fotos von glücklichen Tieren zu sehen, die den Ökolandbau belegen sollen. Und da ist man auch vernünftig genug, bei heißen Sommertemperaturen den Fleischsalat zu Hause zu lassen. «Den gibt es wieder, wenn es kälter ist», erklärt die Händlerin. Der Duft der Spaghetti á la Regina zieht durch die belebte Straße. Vegetarisches Mittagessen gibt es natürlich auch, für Großstädter, die gerne mal Vegetarier sind.

Für Schreinermeister Volkhard Schott ist der Schillermarkt eine gute Adresse, um Kunden für größere Aufträge zu gewinnen. Auf dem Markt bietet er Holzbrettchen, kleine Kisten, Spielzeug und Kochlöffel aus Olivenholz, die er in Handarbeit gefertigt hat. Er hat einen Katalog ausgelegt, in dem man sehen kann, was er noch so drauf hat: Betten, Schränke, Möbel, alles, was man aus Holz herstellen kann. «Da bestellen die Leute dann schon mal was nach ihren Vorstellungen, was ich anfertigen soll», erklärt er. Hinter seinem Stand kann man ihm sogar bei der Arbeit zusehen. «Am liebsten arbeite ich mit Kirschholz», so Schott.

Markt der Gegensätze

Es sind die Gegensätzlichkeiten, die den Schillermarkt am Finanzplatz so reizvoll machen. Kleine Marktstände mit rot-weiß-gestreiften Dächern vor imposanten Frankfurter Prachtbauten, ältere Frankfurter, die ihr Einkaufswägelchen hinter sich herziehen, neben geschäftigen Businessleuten, die das Handy kaum vom Ohr lassen können, und Ferienbesucher aus der Provinz mit Rucksack auf dem Rücken neben spanischen Touristen, die die Ammoniten am Edelsteinstand von Burkhard Toppmöller als mögliches Urlaubsmitbringsel in Betracht ziehen.

Der Schillermarkt ist ein kleines Idyll inmitten der Großstadt. Aber spätestens in einem der flankierenden Parkhäuser wird einem wieder bewusst, dass man sich in einer der teuersten Metropolen Deutschlands befindet: wenn der Automat nach einem vierstündigen Marktbesuch acht Euro Parkgebühr fordert.

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