Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Skepsis über S-Bahn-Ausbau

Von Nur noch halb so viel Verkehr auf der Bahnlinie durch die Wetterau wie heute – so soll es sich für die Karbener anhören, wenn die Strecke auf vier Gleise ausgebaut wird. Dass es tatsächlich für die meisten leiser wird, wollen die Anwohner nicht recht glauben.
Mehr Mobilität für Pendler: Der Regionalverkehr auf der Main-Weser-Bahn soll wachsen.	Fotos: Dennis Pfeiffer-Goldmann Mehr Mobilität für Pendler: Der Regionalverkehr auf der Main-Weser-Bahn soll wachsen. Fotos: Dennis Pfeiffer-Goldmann

Nur noch halb so viel Verkehr auf der Bahnlinie durch die Wetterau wie heute – so soll es sich für die Karbener anhören, wenn die Strecke auf vier Gleise ausgebaut wird. Dass es tatsächlich für die meisten leiser wird, wollen die Anwohner nicht recht glauben.

Karben. Kurt und Claudia Feigl schütteln den Kopf. 25 Meter von ihrem Balkon entfernt wird die Bahnstrecke künftig mit vier statt zwei Gleisen verlaufen. Das zeigt ihnen der große Plan, den die Fachleute der Bahn im Bürgerhaus aufgehängt haben.

Weniger Lärm

«Für alle in Karben wird es leiser werden als heute», hat Schallschutzexpertin Heike Kaiser ihnen und rund 220 anderen Bürgern im Saal eben erklärt. «Aber sicher nicht bei uns im dritten Stock», seufzt Claudia Feigl. «Der Schall geht ja nach oben.» Die Güterzüge hören die Feigls, als führen sie durchs Wohnzimmer. «Das ist nachts besonders schlimm», sagt Kurt Feigl. «In ganz Karben wird es mindestens drei Dezibel leiser», erklärt Heike Kaiser ihre Berechnungen. Das entspricht einer Halbierung des Verkehrsaufkommens. Wer heute nahe an der Bahnstrecke wohnt, für den reduziere sich der Lärm sogar um bis zu 14 Dezibel.

Die Fachleute der Bahn, die das Ausbauvorhaben des Landes vorstellen, erklären: Mit dem Anbau von zwei Gleisen westlich der heutigen Trasse werde die S-Bahn künftig die beiden östlichen Gleise exklusiv nutzen, sagt Klaus Diel von der Bahn-Tochter DB Netz.

Damit wird nördlich von Groß-Karben auf den Fernbahngleisen zwei je Stunde und Richtung Platz für zwei andere Züge. «Damit soll der Regionalverkehr wachsen», erklärt Klaus Diel.

Die Folge: «Mit vier Gleisen wird es so viel Lärm wie derzeit mit zwei geben», sagt Kaiser. Weil die Erweiterung gesetzlich wie ein Neubau eingestuft werde, «muss Lärmschutz vorgesehen werden, als wäre hier noch nie ein Zug gefahren». Nachts sind die Grenzwerte besonders streng. Deshalb entstehen lange Lärmschutzwände: Sie ziehen sich durch Okarben und an Kloppenheim vorbei, werden bis zu vier Meter hoch.

Spezielle Wände

Die Spezialwände schluckten den meisten Lärm, bevor dieser sich nach oben ausbreiten könne, erklärt Kaiser. Leiden heute die Menschen in 2000 Karbener Wohnungen unter zu lautem Bahnlärm, sinkt dieser in 1700 Wohnungen allein durch die Lärmschutzwände unter den erlaubten Pegel, kündigt die Fachfrau an. «Für die übrigen besteht Anspruch auf passiven Lärmschutz.» Die Bahn zahlt ihnen Schallschutzfenster und -lüftungen. «Der Lärmschutz kommt nur, wenn die Strecke ausgebaut wird», sagt Heike Kaiser. Manche fürchten, dass künftig mehr Güterzüge fahren und auch die S-Bahn-Gleise benutzen. «Das können sie aus technischen Gründen nicht», sagt Klaus Diel. Weil Güterzüge breiter sind als S-Bahnen und nicht an den neuen Bahnsteigen vorbei passen. Zudem schiebe das Land als Geldgeber für das Vorhaben einen Riegel vor. «Denn das Geld fließt zweckgebunden für den S-Bahn-Ausbau», erinnert Diel. Allerdings 400 Millionen Euro zu investieren für bloß 30 zusätzliche S-Bahnen zwischen Frankfurt und Friedberg? «Die Kosten-Nutzen-Untersuchung des Landes fiel positiv aus», erinnert der Bahn-Planer. Trotzdem: Auch die Zahl der Güterzüge werde steigen, räumen die Planer ein – und sie liege schon heute höher als in der Prognose für 2015 im Bundesverkehrswegeplan festgeschrieben. 258 Züge sind täglich auf der Strecke unterwegs, davon 78 Güterzüge.

Drei Häuser betroffen

«Wir bekommen durch die Ortslagen keine vier Gleise, ohne dass es Betroffenheiten geben wird», räumt Bahn-Baufachmann Marko Asseng ein. Die «Betroffenheiten» sind auch drei Wohnhäuser in Okarben (die FNP berichtete). «Und was passiert mit den Familien, deren Häuser im Weg sind?», fragt Heinz Sörek. Erst wenn das Baurecht vorliege, werde mit diesen über einen Verkauf ihrer Häuser verhandelt, sagt Norbert Wolf, Projektgruppenleiter für den S6-Ausbau. Das Baurechtsverfahren – es wurde im Juni eingeleitet – sehe vor, dass jeder Betroffene seine Einwendungen machen und gegen das Baurecht klagen könne.

«Heute rumpelt und rattert es ohne Lärmschutz», erklärt Planer Diel. «Das ändert sich» – allerdings nur mit dem Ausbau. Die Zunahme des Güterverkehrs auf der Schiene hänge davon nicht ab: Mehr Güterzüge werde es so oder so geben. Auf der Main-Weser-Bahn fahren diese zusätzlichen Züge nachts, weil tagsüber keine Kapazitäten frei sind. Und dieses Plus an Verkehr ist ohne jeden Lärmschutz möglich. «Deshalb», sagt Bürgermeister Guido Rahn (CDU), «müssen wir auch die langfristigen Vorteile des Lärmschutzes sehen.»

Info-Veranstaltung für Dortelweil: 4. Oktober (Montag) ab 19.30 Uhr, Kultur- und Sportforum

Zur Startseite Mehr aus Themen von A bis Z

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz

© 2017 Frankfurter Neue Presse