Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Stumm im Festtrubel

Von Stille ist nicht gerade ein Markenzeichen für den Hessentag. Insofern mutete es fast schon exotisch an, dass der TZ-Reporter einen Crashkurs für Gebärdensprache absolvierte und viele Menge Gründe für das Erlernen dieser Sprache fand.
Gar nicht so einfach, mit den Fingern zu sprechen. Auf der Gebärdensprache-Schulbank lernt der TZ-Reporter von Juliya Pesenka und Imke Jantzen (v. l.) die Feinheiten der Zeichen-Kommunikation.	 Foto: Reichwein Bilder > Foto: (Jochen Reichwein) Gar nicht so einfach, mit den Fingern zu sprechen. Auf der Gebärdensprache-Schulbank lernt der TZ-Reporter von Juliya Pesenka und Imke Jantzen (v. l.) die Feinheiten der Zeichen-Kommunikation. Foto: Reichwein

Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen nach oben gespreizt, restliche Finger auf der Handfläche. Dann Handfläche von Körper weg, Zeigefinger nach oben, Daumen nach links, restliche Finger auf der Handfläche. "Lockerer", greift Juliya Pesenka korrigierend ein und bemängelt meine verkrampfte Handhaltung. Es ist nicht das erste und bleibt nicht das einzige Mal, dass die blonde Frau interveniert. Mal rückt sie meine Hand gerade, dann legt sie einen Finger in eine andere Position. Ist gar nicht so einfach, seinen Namen in Gebärdensprache zu buchstabieren. Wie anders sieht es dagegen aus, wenn sich Juliya Pesenka, Imke Jantzen und Melanie Jäger stumm unterhalten.

"Sprechen ohne Sprache – Wie stelle ich mich mit Gebärden vor?" nennt sich der Gebärden-Crashkurs, den das Oberurseler Alfred-Delp-Haus vor dem Polizeibistro anbietet. Einen Tag lang haben die Hessentagsbesucher Gelegenheit, an dem Stand des Wohnhilfswerks für Behinderte die Kommunikation kennenzulernen, die für rund 80 000 Gehörlose in Deutschland selbstverständlich, für den Rest der Bevölkerung aber unverständlich ist.

Aber auch wenn sich der Reporter mit seinen steifen Fingern zunächst schwertut, ist Gebärdensprache alles andere als Hexenwerk. Sie habe mit acht Jahren angefangen, am Gehörlosenzentrum in Frankfurt die Zeichen zu lernen, sagt Imke Jantzen, die als Sozialpädagogin am Alfred-Delp-Haus arbeitet und dort ihre Kollegen unterrichtet. Erwähnt werden muss noch, dass die 28-Jährige einigermaßen hören und somit auch in Lautsprache sprechen kann, während die 20-jährige Juliya Pesenka vollständig auf Gebärden angewiesen ist, wenn sie sich verständlich machen will.

Begleitet werden diese von einer lebhaften Gestik und Mimik. "Manche Gebärdenzeichen ähneln sich, daher ist das wichtig für die Unterscheidung", erklärt Melanie Jäger, Erzieherin an der Oberurseler Einrichtung. Damit nicht genug. Da die wenigsten "Gebärdisch" sprechen, sind die Gehörlosen oft darauf angewiesen, von den Lippen zu lesen. "Der Blickkontakt ist wichtig", sagt Imke Jantzen und weiß nur zu gut, dass dies von manchen als Anstarren empfunden wird. Generell fühlten sich Hörgeschädigte ausgeschlossen vom Rest der Gesellschaft.

Eine Menge gute Gründe also, auf einem Fest wie dem Hessentag auf die Situation der Gehörlosen aufmerksam zu machen. Ach ja, wie geht eigentlich Hessentag in Gebärdensprache?

Imke Jantzen hält die geschlossene Hand zum Körper, Zeige- und Mittelfinger zeigen parallel nach links – das Zeichen für ein "H". Dann formt sie mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis und schwingt die Hand von rechts nach links – wie für einen beginnenden Tag.

Zur Startseite Mehr aus Themen von A bis Z

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz

© 2017 Frankfurter Neue Presse