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Wie im Schlaraffenland

Eine Million Menschen – so viele werden am Ende den Hessentag besucht haben – wollen auch verpflegt werden. Das Angebot ist groß, die Qualität erstaunlich gut, aber die Preise haben es in sich, wie ein nicht repräsentativer kulinarischer Rundgang ergab.
Die Wurst ist riesig – ob der Geschmack da mithält, probiert Jörg Hertenstein erst. Söhnchen Niklas darf hoffen, noch etwas abzukriegen.	Fotos: Jochen Reichwein Die Wurst ist riesig – ob der Geschmack da mithält, probiert Jörg Hertenstein erst. Söhnchen Niklas darf hoffen, noch etwas abzukriegen. Fotos: Jochen Reichwein

Es geht einem auf die Gesundheit. Hier eine Bratwurst, dort ein Tellergericht und unendlich viele Varianten belegter Brötchen wollen probiert werden – am Ende ist dennoch nur eine kleine Auswahl des Speisen- und Getränkeangebots auf dem Hessentag überhaupt zu schaffen. Doch aus der begrenzten Menge von Stichproben ergeben sich durchaus allgemeingültige Erkenntnisse. Die wichtigste: Das Abfüttern von Besuchern, wie es auf früheren Volksfesten Gang und Gäbe war, ist wohl Vergangenheit.

Beispiel Brot und Brötchen. Viele Stände werben hungrige Passanten mit Schildern an, nach denen sie ihre Backwaren selbst herstellen. Die Frische und Knusprigkeit macht sich bezahlt. In labberigen Teigmänteln schmeckt die beste Füllung nicht.

Die Wurst, der Klassiker unter den Schnellgerichten, die man laufend verzehren kann, hat sich gemacht. Sie muss zwar nicht gerade 50 Zentimeter lang sein, wie mehrfach angeboten und auch nicht geschnitten in einer Soße landen, die einem vor Schärfe die Schuhe auszieht. Mit Käse- oder Apfelstückchen versetzt bekommt das Brät aber eine pfiffige Ergänzung, die Lust auf mehr macht. Am besten schmeckte uns aus dieser Kategorie jedoch die Wildschweinbratwurst vom "Natur-auf-der-Spur-Gelände".

Von deftig bis exotisch

Das Angebot an Tellergerichten ist ebenfalls beachtlich. Am HR-Treff wird von weißbemützten Könnern richtig fein gekocht (vorzugsweise asiatisch!), die Paella beim Spanier mitten im Zentrum ist ein wenig Reis-lastig, aber auch nicht schlecht. Wer es deftig mag: Die Leber- und Blutwürstchen von der Landmetzgerei Schäfer mit einem Schlag wundervoll mürben Sauerkrauts und einer Scheibe guten Botes sind eine Delikatesse.

Fremdländische Spezialitäten müssen nicht unbedingt exotisch sein. Das Angebot aus der näheren europäischen Umgebung ist reichhaltig, ob es ungarische, österreichische oder skandinavische sind. Am besten gefielen uns Langosch, eine ursprünglich ungarische Spezialität, bei der Teigfladen mit wahlweise süßem oder herzhaften Belag versetzt werden. Das Ganze wird warm serviert, ebenso wie jene Spezialität aus dem Schwäbischen, die an Flammkuchen erinnert, aber als Unterlage einen Brotteig hat, der mit Zwiebeln, Käse und/oder Speck bestens harmoniert.

Probleme mit dem Fisch

Fischangebote sind vorhanden, aber zu selten. Dabei beweist sich einmal mehr, dass wohl kaum deutscher Fischbäcker sein Produkt aus der Friteuse bekommt, ohne dass dieses anschließend den Kunden mit einer überflüssigen Fettbeigabe quält. Der an einem Stand verkaufte "Flammlachs" sprengt samt der Soßenbeigabe darüber hinaus die Dimension des mitgelieferten Brötchens derart, dass große Mengen des wirklichen leckeren Fisches auf der Straße landen.

Die Preise machen manchen schon vorher satt. Keine Wurst geht in Oberursel mehr unter 2,50 Euro über den Ladentisch, kleine Snacks schlagen mit vier Euro zu Buche und auf den Tellern beginnen die einfachsten Arrangements bei 7,50 Euro. "Es wird doch alles teurer im Leben", brachte es ein Wurstgriller auf den Punkt. Der Markt scheint die Preise herzugeben.

Getränke – eher ein dunkles Kapitel auf dem Hessentag. Hassia hat sich per Exklusiv-Vertrag mit den Veranstaltern den Ausschank aller alkoholfreien Drinks gesichert, Licher das Bier-Monopol und Rapp’s versorgt die Massen mit Apfelwein und Säften. Alles keine schlechten Marken, gewiss, aber ein bisschen mehr Vielfalt wäre schön. Das Ganze erinnert ein wenig an die DDR-Vergangenheit.

Noch ein Wort zum Weindorf. Wer hat den dort vertretenen Rheingauer Winzern eigentlich gesagt, dass sie ihren Jahrgang 2010 schon auf den Markt werfen müssen? Wenigstens bis zum nächsten Jahr hätte man den Tropfen noch Ruhe gegönnt – doch ist dann eben nicht mehr Hessentag in Oberursel.

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