Der verspottete Präsident
Das Lummerland-Lied geht um und macht Christian Wulff zur Witzfigur
Immer wieder gibt es neue Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff. Zur Kritik an Privatkredit und angebliche Gratis-urlaube gesellt sich beißender Spott. Nun höhnt auch noch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ist das nun lustig oder traurig?
Von Cornelie Barthelme
Berlin. ![]()
Bundespräsident Christian Wulff, hier gestern beim Verlassen von Schloss Bellevue, ist der Stress der vergangenen Wochen und Monate inzwischen deutlich anzumerken. Foto: dpaWenn es die "taz" wäre… "Logisch", würde man sagen, und "wer sonst?". Die "taz" leistet sich in einem fort derlei. Damals das Foto von der Kanzlerin mit dem Steinbruch-Gebiss auf Seite 1, als die Zahnzusatz-Prämie beschlossen wurde. Sah widerlich aus und witzig zugleich, und darunter stand: "Das sind Merkels Zähne."
Oder das Interview mit Olaf Scholz, drei Viertel des Textes mit dicken schwarzen Strichen übermalt – alles, was der damalige SPD-Generalsekretär und heutige Erste Bürgermeister in Hamburg im Nachhinein lieber doch nicht gesagt haben wollte. Auch ein Witz.
Jim Knopf und Lukas
Aber es sind nicht die Journalisten-Spontis aus der Rudi-Dutschke-Straße. Am Donnerstag, knapp ehe die Affäre Wulff in ihren dritten Monat eintritt, druckt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.), das Zentralorgan der bundesdeutschen Bildungsbürgerlichkeit, 16 Zeilen von Berthold Kohler, Seite 2 oben rechts, einer der sehr guten Plätze im Blatt.
Der Text sieht aus wie ein Gedicht, "Lummerland" steht darüber. Und weil der "F.A.Z."-Leser nicht nur gebildet ist, sondern auch einmal Kind gewesen oder wenigstens eines hat, weiß er sofort: Lummerland ist – "eine Insel mit zwei Bergen" und erfunden hat sie Michael Ende. Für Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer. Wer nach 1955 geboren wurde, kennt sehr wahrscheinlich das Lummerland-Lied.
Berthold Kohler beispielsweise. Jahrgang 1961. Stammt aus tiefer Provinz, südliches Oberfranken. Seit einem guten Dutzend Jahren einer von fünf F.A.Z.-Herausgebern. Das ist eine Karriere. So wie die von Christian Wulff, geboren 1959 in Osnabrück, auch Provinz, nur nördlicher. Seit knapp zwei Jahren Bundespräsident.
Es gab eine Zeit, da schien die beiden mehr zu verbinden als die Mitgliedschaft in der Lummerland-Lied-Generation. Man durfte vermuten, es sei so etwas wie gemeinsame Werte, Eigenschaften, die etwas altmodisch benannt werden: Ehrlichkeit, Treue gegenüber Freunden, Anstand, Mut.
Werte, die auch in Lummerland etwas gelten; das weiß jedes Kind. Und in der "F.A.Z.". Man kann das nachlesen, täglich. Außerdem aber steht dort auch, wie anderenorts auf diese Werte gepfiffen wird – etwa da, wo Christian Wulff sich aufhält. Und das sind viele Orte, Hannover, Berlin, München, Florida, Italien, Norderney… Und Lummerland eben. Denn Lummerland, so beginnt Berthold Kohler an diesem Donnerstag seine neue Version des alten Liedes, Lummerland sei vielleicht doch eher "eine Insel mit zwei Freunden, einer davon hat das Geld, na, was soll man dazu sagen, es regiert halt doch die Welt".
Am Ende ist man beim Geld
Und so geht es weiter, vier Strophen lang, ein hübscher Reim am anderen, melodiegetreu, und am Ende ist man wieder beim Geld, weil "unter Freunden tut‘s auch Bares, wer braucht da denn viel Tamtam, besser noch, man weiß erst gar nichts, denn dann bleibt man Unschuldslamm".
Am Morgen schallt in Berlin-Regierungsviertel das neue Lummerland-Lied aus vielen Telefonhörern. Dann wird kräftig gelacht. So wie sehr oft in diesen Tagen, wenn die Rede ist vom Mann im Schloss. Das Staatsoberhaupt – die Lachnummer.
Ist das angemessen? Ist das gerecht? Wenn die Abgeordneten aus den Provinzen zurück in die Hauptstadt kommen, dann erzählen sie seit Jahresbeginn immer dasselbe. Erst sagen sie, die Leute daheim in ihren Wahlkreisen könnten es schon gar nicht mehr hören. Dann aber reden sie von zwei ganz unterschiedlichen Gründen.
Man solle, forderten die einen, den Mann doch endlich in Ruhe lassen. "Man" seien die Journalisten. Allesamt. Die anderen aber, berichten die Parlamentarier, die hätten genug, weil sie immer weniger wüssten, ob sie sich weiter aufregen sollen. Oder bloß noch lachen.
Schwere Schlagseite
Das geht leicht inzwischen. In Karikaturen liegt das Schloss mit schwerer Schlagseite im überfluteten Park wie die Costa Concordia im Mittelmeer und darunter steht "Capitano Wulff bleibt an Bord!". Im öffentlich-rechtlichen Fernseh-Kabarett ätzt Urban Priol, bei diesem Präsidenten könne man beim Begriff Ehrensold "auf den Zusatz Ehre getrost verzichten, Sold reicht".
Und in der privaten Late Night nennt Harald Schmidt Christian Wulff den "Ballack von Bellevue". Das Staatsoberhaupt, der oberste Bürger der Republik, spielt in einer Liga mit Lothar Matthäus.
Lustig oder traurig
Ist das nun lustig oder traurig? Man stelle sich vor, man ginge mit seiner Steuererklärung aufs Amt und legte dem Beamten dort eine Quittung auf den Tisch, die leider nicht auf den eigenen Namen lautet, und sagte dazu, doch, doch, bezahlt habe man selbst, nur eben bar und statt direkt, weil es sich so ergab, eben an den Quittungsempfänger.
Aber nun wolle man das schon geglaubt kriegen. Bekäme der Inspektor bloß einen Lachkrampf – oder ließe er doch die Herren mit den Jacken holen, die man hinten zuknöpft?
Und mit wie viel Geld läuft so ein Präsident denn herum? Acht große Scheine, einfach mal so, aus der Hosentasche?
In der Lobby? Hier haste, der Rest ist Trinkgeld?
Es sträubt sich das Hirn. Für so gutgläubig oder, noch schlimmer, so dumm will sich niemand halten lassen. Und erst recht nicht verkaufen. Aber was hilft die Wut? Und wie lange hält sie?
Unfair gegen Lummerland?
Bestimmt haben sie auch in Frankfurt gelacht, der Dichter des neuen Lummerland-Liedes und alle, die es gleich lesen durften. Vielleicht war das Lachen ein wenig bitter, denn das Lummerland-Lied wird dem Bundespräsidenten ja allenfalls zum einen Ohr hinein und… Falls er singen kann. Und will. Und vielleicht hat Berthold Kohler sogar einen Moment lang gedacht, dass auch er ein ganz kleines bisschen unfair ist.
Aber nur gegen Lummerland. Weil es da ja gar keine solchen Freunde gibt wie Christian W. und David G. Nur solche wie Jim Knopf und Lukas.


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