Zeit für ein helles Licht

15 Männer und Frauen erkunden drei Stunden lang den Wald und sich selbst

Weihrauch und Trompetenklänge im Winterwald: Pfarrer Christoph Wildfang stimmte auf ungewöhnliche Weise auf das Fest zur Geburt von Gottes Sohn ein.

Von Frank Saltenberger

Arnoldshain. Stimmungsvolle Station: Mitten im nächtlichen Wald spendeten Kerzen warmes Licht. Fotos: Frank SaltenbergerUm die Kirche herum war es stockfinster, rechts und links der gotischen Spitzbogentür leuchteten Lampen, der Weg dieser war auch beleuchtet, drinnen war es dämmrig. Pfarrer Christoph Wildfang saß auf den Schwellen des Altarpodests, schweigend lauschte er den Glocken der alten Dorfkirche, die um 19 Uhr zu läuten begannen.

Ein Rucksack stand neben ihm auf der Stufe, der Pfarrer trug eine Pelzmütze und Wanderschuhe, und die meisten, die vor ihm in den Bankreihen saßen, waren ebenfalls zünftig gekleidet. "Beim Klang der Glocken sollte man innehalten", brach der Pfarrer nachdem letzten Ton sein Schweigen, verteilte rote Kerzen, einen Kerzenhalter und ein Liederblatt.

Dann brach die Gruppe auf in den Wald und in die Nacht. Der Pfarrer hatte zur Waldweihnacht eingeladen, und fünfzehn Männer und Frauen waren der Einladung am Dienstagabend gefolgt und folgten dem Pfarrer aus der Kirche hinaus, über den Kirchhof auf den kurzen steilen Weg zum Waldrand.

Der Himmel war grauschwarz, kein Stern war zu sehen, aber es war tagsüber Schnee gefallen und der überdeckte Wiesen und Felder. Der Weg zeichnete sich deutlich ab. Weidezäune gaben zusätzliche Orientierung. Einige Meter ging es in den Wald hinein, dann hielt der Pfarrer an, mitten auf dem Weg. Auf der einen Seite fiel das Gelände steil ab in das Tal, auf der andern stieg es genauso steil an.

Die Kerzen waren angezündet und von Handflächen abgeschirmt hielt die kleine Flamme dem Wind stand. Die Gesichter ihrer Träger waren jetzt erkennbar, die Kerzen strahlten beleuchteten nicht nur Gesichter sondern ein warmes Licht. Plötzlich war der Wald gar nicht mehr so rau und grau. Man rückte zusammen und folgte den Gedanken des Pfarrers, der auf die Idee der Waldweihnacht einging und zum gemeinsamen Singen einlud. "Leise rieselt der Schnee", war das erste Stück auf dem Liederblatt, es klang mit Trompetenbegleitung von Christine Müller durch die Nacht und den Wald. Weihrauchduft kam hinzu. Pfarrer Wildfang teilte kleine Stückchen aus und fächelte jedem aus dem Räucherschälchen den heiligen Rauch zu.

Weiter ging es den Weg entlang, der in das Tal hinabführte. Das Plätschern des Baches begleitete die Gruppe, und es wurde lauter. Plötzlich rauschte es unter den Füßen der Waldwanderer. An der Stelle, wo der Weg den Lauterbach kreuzt, stoppte Wildfang erneut. Auch hier wurden die Kerzen herausgeholt angezündet und einige Strophen von "Stille Nacht, heilige Nacht gesungen". Dann ging Wildfang dem Gedanken nach, was dem Menschen im Leben Kraft verleiht und nutzte dazu das Bild der Quelle.

Wer alleine steht, dem werden die Arme schnell schwer. Pfarrer Christoph Wildfang (vorne) demonstrierte anschaulich, was es heißt, alleine zu sein.Zur nächsten Station stieg der Weg wieder an. Nicht weit vom Bachübergang stoppte Wildfang wieder. Was gab es hier zusehen? Der Pfarrer fragte, die Gruppe sah sich um. Nichts besonderes außer einer Bank, zwei oder drei Schritte vom Wegrand entfernt. Einige Zentimeter hoch lag der Schnee auf den Latten, auf denen sich Wanderer erholen können. "Man muss auch einmal nichts tun können", ging Wildfang im erneuten Schein der Kerzen dem Thema Auszeit, Pause und Innehalten nach.

So ging es weiter zur nächsten Station, und die lag etwas weiter. Meist schweigend gingen die Weihnachtswanderer auf dem Weg durch den dunklen Wald. Die Kerzen blieben aus und Taschenlampen in den Taschen. Der eine mag eigenen Gedanken nachgegangen sein, der andere ließ die nächtlich Stimmung im verschneiten Wald auf sich einwirken.

Am Rand des Wohngebietes Hegewiese stand ein Haus, dunkel, verschlossen, abweisend. Aber auch dieses war ein Motiv, das Pfarrer Wildfang zur Grundlage einiger Gedanken über das Alleinsein machte. Die Gruppe bildete einen großen Kreis, alle sollten die Arme nach der Seite ausstrecken und ausgestreckt halten. Mit der Zeit wurden sie schwer. Dann ließ der Pfarrer alle ein Schritt zum Zentrum machen. Plötzlich ruhten die eigenen Arme auf den Schultern des Nebenmannes und dessen Arme auf den eigenen Schultern, eine Entlastung für alle.

Um die Hegewiese herum führte der Weg auf der anderen Seite des Lauterbachs wieder Richtung Arnoldshain und der Kirche. Rund drei Stunden dauerte die außergewöhnliche Waldweihnacht. Der physisch spürbare raue, dunkle und kalte Winterwald und die spirituellen Erlebnisse waren ineinander verwoben und ließen die Gedanken an Hoffnung, Licht und Kraft aus dem Glauben für den dafür offenen Menschen sicher über die Feiertage hinweg wirken.

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