"Den Toten eine Stimme geben"

Bewegende Veranstaltung „Frankfurt–Auschwitz“ des Fördervereins „Roma“ in der Stadtbibliothek

"Uns hat niemand geholfen!" Mit einer bewegenden Schilderung ihres vom Holocaust dominierten Lebens legen die Schwestern Ursula Rose und Maria Strauss Zeugnis darüber ab, wie es den Angehörigen der verfolgten Roma nach 1945 erging.

Von Martina Dreisbach

Bad Homburg. Als Zeitzeugen traten in der Stadtbücherei Ursula Rose und Maria Strauss auf. Sie fanden bewegende Worte. Foto: Jens PriedemuthUrsula Rose und Maria Strauss sind die idealen Mütter und Großmütter. Sie haben zarte Stimmen, sind elegant gekleidet, tragen eine beeindruckende schwarze Haartracht und können sich bis in Nuancen gewählt ausdrücken. Sie verkörpern die Mutterfigur, an deren warmherzigem üppigem Busen Trost und Zuspruch zu finden ist.

Doch die Geschichte hat ihnen ein Schicksal aufgezwungen, unter dem sie zeitlebens zu leiden haben. Die beiden im frühen Nachkriegsdeutschland in eine Roma-Familie geborenen Schwestern mussten den Holocaust gleichsam mit der Muttermilch aufsaugen. Ihre Eltern haben als Jugendliche das Frauenlager Ravensbrück und das KZ Oranienburg erlebt und überlebt.

Sie tragen als in der Nazi-Zeit verfolgte Roma eine unbändige Angst vor Uniformierten und Ärzten in sich, lassen die Töchter verständlicherweise nicht aus den Augen und schärfen ihnen ein, um Gottes Willen nicht aufzufallen.

Das Grauen abgebildet

"Mein Vater hat morgens, mittags und abends von der SS im Lager Oranienburg erzählt", sagt Ursula Rose. "Er hat so inständig von ihr und vom Lager berichtet, dass wir mit der Zeit das Gefühl hatten, selbst dort gewesen zu sein. Das hat uns traumatisiert."

Das Gedenken an die Opfer des Holocausts – festgemacht am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945 – hat jüngst seinen Platz in der Stadtbibliothek. Hier ist auch eine Sequenz von künstlerisch bearbeiteten Fotografien von Bernd Rausch zu sehen. Der Bibliotheksleiter Klaus Strohmenger hat die Veranstaltung nicht von ungefähr in die Mitte des Hauses verlegt. Die Reihen füllen sich schnell. Weitere Stühle werden gebracht.

Das Gedenken wird von der Ausstellung "Frankfurt–Auschwitz" des Fördervereins "Roma" umrahmt, die exemplarisch Schicksale verfolgter und ermordeter Roma dokumentiert. Der Fotograf Bernd Rausch nimmt sich des Phänomens Auschwitz mit fotografischen Mitteln an und bildet nicht das eigentliche Grauen ab, sondern die Reflexion darüber; die zweite, dritte Brechung ist seine intellektuelle Botschaft. Die Ausstellung wurde unter anderem auch in der Paulskirche gezeigt.

Tiefpunkt der Geschichte

Der von Kulturamtsleiter Dr. Matthias Setzer angekündigte Höhepunkt, die aus der Seele heraus erzählten Erfahrungen der beiden Roma-Schwestern, erweist sich als Tiefpunkt deutscher Geschichte. Sie berichten authentisch als Zeitzeuginnen, wiewohl sie Nachkriegskinder sind. Doch der Krieg ist in ihrer vom Holocaust auf wenige Mitglieder geschwundenen Familie präsent.

Der Vater überlebt als einziges von 14 Kindern. Die Mutter berichtet, wie ihre Mutter sich in die Schlange mit den der Vernichtung preisgegebenen Enkeln begibt. Wie die Mutter als junges Mädchen zwei Russinnen, die sich verzweifelt in den Starkstromzaun geworfen hatten, als verschmorte Leichname herauslösen muss.

"Meine Mutter hat viel geweint und war still", sagt Ursula Rose. Ihre Schwester Maria schildert den Vater, der im jugendlichen Alter von SS-Schergen auf Disziplin und Gewalt eingenordet worden war und mit diesem Erziehungsmodus wie selbstverständlich seine Kinder traktierte und dann wieder mit Liebe überschüttete.

Was an diesem Abend erschütternd klar wird, ist der nahtlose Übergang von der Nazi-Zeit in die junge Demokratie. Die Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber Angehörigen einer ethnischen Minderheit halten an. Die Erfahrung der Eltern zeigt sich übermächtig, Hilfe von außen kommt nicht. Die Trauer um die dezimierte Großfamilie währt lebenslang.

Trauma der Vergangenheit

"Wenn wir in die Zukunft schauen wollen, dann müssen wir wissen, was in der Vergangenheit passiert ist", sagt Setzer als Appell gegen das Vergessen. Umso unverständlicher das Verhalten einiger Anwesender, die bei der Schilderung der endlosen Appelle bei Hitze und bei Kälte in den KZs ungeniert in eine Brezel beißen, die für den Imbiss gedacht war.

Ursula Rose und Maria Strauss berichten, sie hätten mehrere Therapien durchgangen und erst dann verstanden, warum sich ihre Eltern so verhalten haben. "Heute weiß ich, warum meine Mutter immer auf dem Balkon stand und wartete, wenn wir aus der Schule kamen. Warum wir nie geimpft wurden und sie unsere Krankheiten mit Hausmitteln geheilt hat. Warum der Vater Druck als Erziehungsmittel anwandte. Warum ich einen Mann geheiratet habe, der ebenso war. Wir dachten, das sei normal", sagt Ursula Rose.

Ihre Schwester Maria Strauss sagt: "Wir leiden noch immer vor jedem Auftritt als Zeitzeugen Qualen. Doch wir wollen unseren Toten eine Stimme geben, mit den Vorurteilen gegen Roma aufräumen und den Hass in positive Energie fürs Leben umwandeln."

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