Flügel erklingt zum eigenen Wohle

Romantische Benefiz-Matinee im Adelheid-Stift solle Reparaturkosten einspielen

Bevor sich die Abnutzungserscheinungen des Alters Gehör verschaffen, soll der Ibach-Flügel des Adelheid-Stifts grundlegend überholt werden. Das Vorhaben zu finanzieren, lud die evangelische Immanuelgemeinde zu einem Benefizkonzert mit der Pianistin Seeun Choi ein.

Von Stefan Jung

Königstein. Pianistin Seeun Choi entlockte dem in die Jahre gekommenen Ibach-Flügel mit zarter Hand romantische Melodien. Foto: jr Phantasie und Träume beschäftigten die Romantiker von Beginn an. Der Dichter Novalis lässt seinen Heinrich von Ofterdingen in einem langen bilderreichen Traum die blaue Blume sehen, das Sehnsuchtssymbol der Romantik schlechthin. Auf einen emotional wie seelisch höchst empfindlichen Geist wie Robert Schumann wirkten dergleichen Schilderungen aus den Tiefen des Unbewussten, des freien Schweifens der Gedanken und Empfindungen enorm anregend. Viele seiner Sätze nähern sich dem Traumhaften, Fantasievollen, mitunter Fantastischen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Darunter der achtteilige Zyklus der Fantasiestücke opus 12, den die Pianistin Seeun Choi für ihre Sonntagsmatinee im Adelheid-Stift ausgewählt hatte.

Hier stehen jubelnder innerer "Aufschwung" neben den grotesk irrlichternden Alpträumen der "Grillen", die beschauliche Ruhe "Des Abends" kontrastiert mit der aufgewühlten Sage eines jungen Mannes, der nachts durch das gefahrvolle Meer auf eine Insel schwimmt, nur der Geliebten nahe zu sein. Dass Schumann ausgerechnet diesen Satz mittig platziert, ist alles andere denn ein Zufall.

Das sagenhafte Geschehen fasst nämlich seine eigene Situation in ein poetisches Bild. Er selbst ist der Schwimmer, der sich heimlich zu seiner Clara stehlen muss, weil deren Vater Friedrich Wieck den damals noch unbekannten Komponisten als Schwiegersohn ablehnt.

Diese hintergründigen Aspekte des gut 30-minütigen musikalischen Maskenspiels kamen in Chois sehr präsentem Musizieren auf dem Ibach-Flügel konturenreich zum Ausdruck. Dabei zeigte sie Stärken vor allem bei den bewegten, dramatischen Teilen, die sie zu regelrechten kleinen Bühnenszenen auszugestalten wusste. Der "Aufschwung" atmete frühlingshafte Freiheit und Unbeschwertheit.

Von perlender Brillanz "Traumes Wirren", das bei allem motorischen Glanz den Blick in Abgründe öffnete. Lebensvoll und doch mit dem nötigen Quantum Ironie gelang die Verbindung von Jubel und Hochgefühl mit Schmerz und Tod am "Ende vom Lied".

"Mehr ein Gedicht als eine Etüde", sah Schumann in Frédéric Chopins erster Etüde aus opus 25. Die wie von Sängers Harfenklängen umrauschte Melodie schien unter Chois versierten Händen tatsächlich etwas zu erzählen. Was? Hier durfte des Hörers Phantasie unbewacht auf freien Flügen schweben.

100 Jahre Stift

Zur erfreulich gut besuchten Matinee eingeladen hatte die musikalisch rührige evangelische Immanuelgemeinde. Zum einen aus Anlass des 100jährigen Bestehens des Adelheid-Stiftes. Zum anderen bedarf das inzwischen auch schon 85 Jahre zählende Instrument einer grundlegenden Überholung. Bevor man hört, dass es nach fast zwei Jahrzehnten wieder nötig ist, wie Kantorin Katharina Götz erläuterte. Dafür bat sie um Spenden, die diesem Zweck zugute kommen sollen.

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