Gehörlose demonstrieren für gesellschaftliche Anerkennung

Gehörlosen wird das Leben hierzulande oft unnötig erschwert. Darauf machten rund 60 hörgeschädigte Menschen aufmerksam, die am Sonntag in der Innenstadt für mehr Rechte auf die Straße gingen.

Von Dieter Becker

Bad Homburg. Rund 60 Gehörlose demonstrierten am Sonntag in Bad Homburg für ihre Rechte. Foto: Becker Slogans wie "Wir sind gehörlos, nicht geistig minderbemittelt!", "Gleiche Rechte für Hörbehinderte!" oder auch "100 Prozent Untertitelpflicht für alle!" waren auf den zahlreichen Transparenten zu lesen, mit denen die Demonstranten mehr unmittelbare Teilhabe am gesellschaftlichen Leben forderten.

Der Protest in Bad Homburg war Teil eines bundesweiten Aktionstages, mit dem Gehörlose am Wochenende in ganz Deutschland auf diverse Missstände hinwiesen. So marschierten die Aktivisten zunächst durch die Louisenstraße, um von dort aus über die Kaiser-Friedrich-Promenade, den Schwedenpfad und den Paul-Ehrlich-Weg den Kurpark zu erobern.

"Allein in Hessen gibt es etwa 2000 Gehörlose, also völlig taube Menschen. Hinzu kommen weit über 10 000 Schwerhörige aller Schattierungen", informierte Angelika Feldmann aus Wehrheim, die Initiatorin der Demo. Die medizinisch-technische Assistentin ist von Kindesbeinen an gehörlos und kommt daher eigentlich ganz gut mit ihrer Einschränkung zurecht. Dasselbe gilt für ihre Sprachbehinderung, die sie mit fast allen Gehörlosen teilt.

Mit ihren hörenden Mitmenschen kann die Aktivistin – wie viele Hörbehinderte auch – trotzdem kommunizieren. Und zwar mit Hilfe der Technik des Lippenlesens und der erlernten Fähigkeit, sich verbal mehr oder weniger gut verständlich auszudrücken. Die Sprachkünste reichen aber leider nicht in allen Fällen aus. Deshalb sind Gehörlose in vielen Alltagssituationen auf Gebärdensprachendolmetscher angewiesen, die jedoch nur eingeschränkt finanziert werden.

Beschwerliche Anträge

So auch im beruflichen Umfeld oder bei notwendigen medizinischen Behandlungen, für die die Krankenkassen Dolmetscher zur Verfügung stellen. "Uns behindern die langen und beschwerlichen Antragswege. So kann zum Beispiel ein Dolmetscher kurzfristig gar nicht in Anspruch genommen werden", kritisierte sie. In vielen Fällen würden Dolmetscher auch gar nicht finanziert, zum Beispiel bei Behördengängen, Elternabenden oder zu privaten Anlässen. Aus eigener Tasche können wir das aber nicht bezahlen."

Geld stelle auch in anderer Hinsicht ein Problem dar, fuhr Feldmann fort. So müssten Hörbehinderte nach wie vor Zuzahlungen für Hörgeräte in Höhe von mehreren Hundert Euro leisten und sogar selbst für Verbrauchsmaterial wie Batterien, Reinigungsmittel und ähnliches aufkommen. "Aus diesem Grund fordern wir die Gleichstellung mit den Sehbehinderten, die ein Blindengeld erhalten und von weiteren Vergünstigungen profitieren", bekräftigte Horst Krämer, der als Vorsitzender des Gehörlosen- und Schwerhörigenstadtverbands Frankfurt ebenfalls an der Demo teilnahm.

Lautsprecherdurchsagen

Doch nicht immer lassen sich alltägliche Probleme von Gehörlosen in Euro und Cent beziffern. Oft führen auch Desinteresse oder Gedankenlosigkeit der Hörenden dazu, dass Hörgeschädigte Nachteile erleiden. Etwa dadurch, dass zu wenige Fernsehsendungen mit Untertiteln versehen sind. Während beispielsweise der Westdeutsche Rundfunk täglich fast alle Filme, Reportagen, Kindersendungen und Nachrichten mit Texten versehe, biete der Hessische Rundfunk diesen Service nur bei einem Bruchteil der Sendungen. "Noch schlimmer sieht es bei den Privat-sendern aus. Da ist die Quote fast Null", sagte Feldmann. Ähnlich sehe es auf Bahnhöfen oder Flughäfen aus. "Mehr Laufschriften statt Lautsprecherdurchsagen", lautet die Forderung. Worum es der Gehörlosen-Bewegung insgesamt geht, ist die Aufhebung ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung und die Anerkennung ihres positiven Beitrags für Wirtschaft und Gesellschaft. "Dann stehen hörgeschädigte Menschen endlich nicht mehr abseits und können mitreden", betonte die Aktivistin.

Infos zum Thema gibt es unter anderem unter http://www.gl-hessen.de und http://www.wortstark.net.

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